Möwen und Milchkaffee

Kann ich mich entscheiden, positiv zu denken oder gar glücklich zu sein? An manchen Tagen scheint es zumindest im Bereich des Möglichen zu liegen. So wie heute, also entscheide ich heute, dass ich positiv denken möchte – und vielleicht, nur vielleicht, gelingt es mir, diese Entscheidung für einige Tage mitzunehmen, das positive Denken beizubehalten.

Es ist ein guter Tag, auch wenn es anfangs keiner zu werden scheint. Ich wache mit Bauchkrämpfen auf, weil meine Mens losgeht, und wir haben einen etwas „kritischen“ Termin am Vormittag. Aber dank Medis sind die Beschwerden bald weg, der Termin ist ok und auch meine Erkältung wird langsam besser.

Die Sonne scheint. So fahren Schatz und ich anschließend in einen Nachbarort und gehen am See spazieren, fotografieren ein bisschen. Und gehen in eins der schönsten See-Cafés, das ich kenne – wir sind zum ersten, aber ganz bestimmt nicht zum letzten Mal dort. Ich trinke Latte Macchiato, Schatz einen Milchkaffee, und wir schauen den Blesshühnern beim Tauchen und den Möwen beim Segeln zu – es ist warm und schön und irgendwie friedlich. Und der Moment, an dem ich für heute entgültig entscheide, dass es ein guter Tag ist.

Jetzt sitze ich mit meinen warmen Socken und in eine Decke gekuschelt auf dem Sofa und denke an diesen wunderschönen, blauen Ausblick über den See auf die Berge. Ein bisschen Bauchweh ist zurück, aber das ist ok. Es geht mir heute gut.

Graue Tage

Ich stehe am Rande meines Lebens und zerfleische betrachte es wieder einmal. Zwei Therapiestunden sind noch übrig, und beide sind schon voll mit aktuellen Dingen, die vor- und nachbereitet werden möchten.
Ich fühle mich meilenweit entfernt von dem Gefühl, dass ich fertig bin mit der Therapie, kann mir aber gleichzeitig nicht vorstellen, doch noch eine Verlängerung zu beantragen, weil ich nicht weiterkomme.

Wie definiert man „Erfolg“ bei einer seit 15 Jahren andauernden Krankheit mit bisher sehr überschaubaren symptomfreien Zeiten, an die ich mich so sehr gewöhnt habe, dass ich erst heute wieder beim Auflisten meiner Symptome erstaunt bin, weil ich lt. diesen als mittelgradig depressiv einzustufen wäre?
Gut, vielleicht ein stückweit so, dass ich heute, an meinem sturmfreien Tag, nicht in Selbstmitleid zerflossen bin, ich mich ok fühle und sogar ein bisschen Hausarbeit gemacht habe, frei nach dem Motto meiner Therapeutin: Spaß machen muss es ja (erstmal) nicht!

Die Verhaltenstherapie wird mich aber nicht weiterbringen. Ich weiß – auch, weil ich schon so viel über Depression und allgemein psychische Erkrankungen gelesen habe – genau, was ich tun kann. Aber was nützt es mir, wenn mich das Leben trotzdem fickt? Wenn es mir trotzdem schlecht geht, obwohl ich Sport mache, rausgehe, auf mich achte? Wenn ich mich trotzdem frage, wer ich eigentlich bin?

Ok, jetzt führt es doch zu Selbstmitleid und nicht in die Richtung, in die ich eigentlich wollte. Welche war das genau? Keine Ahnung. Therapie ist fast vorbei, Depression nicht.

Leben als Selbstzweck?

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Ich habe Urlaub und fühle mich sinnbefreit. Ich habe keinerlei Pläne für diese eine Woche und finde mich daher tagtäglich auf der Suche nach einer sinnvollen Beschäftigung wieder, um nicht in meinen Gedanken zu ertrinken. Dabei war Gammeln alles, was ich an meinen freien Tagen tun wollte, aber es ist anstrengend, dabei nicht unterzugehen.
Mir wird mehr und mehr klar, dass es mir vor der Katastrophe langsam besser ging. Ich konnte mich beschäftigen, konnte entspannen, hatte Pläne, eine Perspektive. Ich glaube, wäre sie nicht passiert, hätte ich diesen Sommer einen Weg aus der letzten depressiven Episode gefunden.
Aber es kam anders, und alle Pläne wurden von den Anderen an die Wand gestellt und erschossen. Ohne Zigarette, ohne Augenbinde, ohne Vorwahrnung.

Seither ist jeglicher Sinn aus meinem Leben verschwunden. Ich stehe auf, bestreite meinen Alltag, ich gehe schlafen. Alles nur, damit der Tag irgendwie vorüber geht und mich einen Tag weiter weg von der Katastrophe und einen Tag näher an den wie.auch.immer-gearteten Abschluss des Ganzen bringt.
Ich überlebe. Mehr nicht.

Ich ertappe mich dabei, wie ich alle Ideen, alle Pläne, die aufkommen, nehme und in eine Kiste werfe, bei der sich erst noch herausstellen wird, ob ich sie je wieder öffne, oder sie Mitte Dezember gleich anzünde. Und ich frage mich, wie ich bis dahin weitermache, wenn Leben nur Selbstzweck und Hoffnung eine quälende Flamme ist, die ich aus Angst immer wieder zu löschen versuche, weil ich sie nicht von den Anderen ermordet sehen will.

Cut!

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Eineinhalb Jahre tiefenpsychologisch fundierte und eineinhalb Jahre Verhaltenstherapie, und ich habe Nichts, was ich dem Film, der seit Tagen jeden Abend in meinem Kopf abläuft, entgegensetzen könnte. Spielzeit: noch mindestens 3 1/2 Wochen, bis es dann wirklich soweit ist.

Ich kann nicht (ein-)schlafen, habe Alpträume. Und auch, wenn die inhaltlich rein garnichts mit der eigentlichen Situation zu tun haben, sondern einfach absurd sind, strengen sie an. Ich wache immer wieder auf, und immer wieder läuft der Film.

Ich versuche, ihn zu stoppen. Bewusst an etwas anderes oder an nichts zu denken. Aber sobald meine Aufmerksamkeit nachlässt, ist der Film wieder da. Voller hypothetischer Gefühle und potentieller, teils unrealistischer Abläufe, weil alles in dem Film nicht passiert ist, sondern erst noch passieren wird.
Ich weiß, dass es nichts bringt, mir 1000 Szenarien auszumalen, weil sowieso Nummer 1001 eintritt. Ich weiß, dass ich keinen Einfluss habe, auch wenn ich mir alles ausmale. Meinen Film interessiert das nicht im geringsten.

Dreieinhalb Wochen. Dreieinhalb Wochen noch weiter ansteigender Druck, noch weniger Schlaf, noch mehr Stress. Bitte bitte bitte lass es dann vorbei sein. Ich weiß nicht, wie ich, oder wie wir beide, das noch weiter aushalten sollen.

Grundlos

Geht es mir grundlos schlecht? Oder anders, provokanter gefragt: brauche ich einen Grund, damit es mir schlecht gehen „darf“? Eine klitzekleine sehr laute Stimme in meinem Kopf beantwortet diese Frage stets mit einem eindeutigen Ja. Jetzt weiß ich auch wieder, warum.

Ich antwortete meiner Mama auf ihre übliche Wochenend-WhatsApp letzte Woche, dass es mir ziemlich doof geht – in der Erwartung, dass sie diesen Teil meiner Nachricht wieder einmal ignorieren wird, wie so oft. Aber Überraschung!, sie tat es nicht, sondern fragte, warum.

Wünsch dir nichts, mit dem du dann nicht umgehen kannst

Ja, genau das hatte ich mir gewünscht – dass sie es mal nicht übergeht und ignoriert, sondern einfach irgendetwas dazu schreibt. Und als sie es tat, war ich sauer. Ich wollte sie sofort anschnauzen, ob es mir nicht einfach nur schlecht gehen darf, weil ich Depressionen habe auch ohne dass es einen konkreten Grund dafür gibt. Tatsächlich wich ich aus und nannte einen Grund, auch wenn es nicht der Grund ist, sondern nur einer von tausenden, oder keiner.

Seither bin ich gedanklich auf der Suche nach Henne und Ei, und zwar in beide Richtungen. Wenn es mir gut geht, ist das dann so, weil ich etwas für mich getan habe? Oder habe ich etwas für mich getan, weil ich es konnte – weil es mir gut geht? Und wenn es mir schlecht geht? Spiele ich die gleichen Gedanken durch.

Aber ich will mich nicht rechtfertigen und ich will auch nicht das Gefühl haben, mich rechtfertigen zu müssen. Wenn es mir nicht gut geht, ist das so. Ich habe Depressionen. Kein …, weil … sondern Punkt. Und wenn es mir gut geht, genauso – aber das fragt ja eh niemand.

Hypothetische Gefühle

Im Dezember wird sich entscheiden, ob die Katastrophe, die heute genau 6 Monate her ist, vorbei ist, oder dann erst so richtig los weiter geht.

Die (Un-)Wucht hypothetischer Gefühle

Wenn ich darüber nachdenke, dass es weitergeht, denke ich daran, dass ich dann wütend sein werde. Abgesehen davon, dass ich dank der Befürchtung magischen Denkens eigentlich garnicht darüber nachdenken möchte.

Wenn ich aber darüber nachdenke, dass es vorbei wäre, überrollt mich die Wucht dieser hypothetischen Erleichterung derart, dass ich es nur mit äußerster Mühe schaffe, nich zusammenzubrechen und allen Schmerz der letzten Monate rauszuheulen.

Ich habe vor beidem Angst. Wenn es vorbei wäre, weiß ich nicht, ob ich zusammenklappe. Wenn es weitergeht…geht es weiter, bleibt anstrengend und hart und ungewiss.

Und ich will nicht Hoffen, weil es so anders ausgehen könnte.