Wurzelbehandlung

[Triggerwarnung]

Ich betrachte die Tropfen, die rot und im Takt meines Herzens ins Waschbecken fallen. Zum zweiten Mal – aus demselben Schnitt, der bereits vorletzte Nacht entsteht, als ich um 2 Uhr Nachts wiederholt aufs Handy schaue, nur um festzustellen, dass die Zahl der Stunden, die ich rein potentiell mit Schlaf verbringen könnte, weiterhin schrumpft. Diffuse Anspannung hat sich in den letzten Tagen mit schweren Koffern in mir breit gemacht und erweckt nicht den Anschein, so bald wieder ausziehen zu wollen. Aber sagen, warum sie da ist, tut sie auch nicht. Sie findet es scheinbar amüsant, mir dauerhaft kalte Füße, einen angespannten Körper und damit verbunden dauerhafte und sehr eklige Kurzatmigkeit und Kieferschmerzen zu bereiten.
Schon in dieser Nacht kann ich nicht sagen, warum ich nach über zwei Jahren wieder zur Klinge greife. Alles läuft denkbar unspektakulär. Aufstehen. Pflaster herrichten. Klinge herrichten. Stelle aussuchen. Schneiden. Nach einer Weile Verpflastern. Wieder ins Bett gehen. Trotzdem nicht schlafen können.
Heute läuft es ähnlich. Nur, dass es mitten am Tag ist, weshalb ich erst einmal die Vorhänge zuziehe, bevor ich im Bad verschwinde.

Ich betrachte die Tropfen, die rot und im Takt meines Herzens ins Waschbecken fallen. Mein Kopf ist leer und nur ein kleiner Teil fragt sich – sehr nüchtern – warum das jetzt hat sein müssen, findet aber keine Antwort und ich habe gerade keine Energie, dieser Frage so tief zu folgen, wie sie es verdient hätte. Also bleibe ich oberflächlich, wie dieser viel zu tiefe viel zu oberflächliche Schnitt, der genau das und das genaue Gegenteil von dem ist, was ich will und brauche und verstehe.

Es ist Winter.

Reload [30.11.2020 -> 05.12.2020]. Weil ich nicht mehr weiß, warum ich den Eintrag eigentlich löschte.

Exekutiv

Ich soll mir da echt nichts einreden und auch nichts einreden lassen, sagt Rosa.
Weil, das – bisher recht konsequent ignorierte – Spazierverbot und die zugehörigen Gefühle dazu haben die Frage aufgeworfen, ob ich nicht vielleicht – ganz eventuell vielleicht – doch ein echtes Problem und eher weniger Mitspracherecht bei Entscheidungen rund ums Essen und Bewegung habe.
Bisher ging ich davon aus, dass wir das alles gemeinsam beschließen – und wollen. Aber wenn ich jetzt mal ganz verantwortungsvoll und logisch daran denke, der Einschränkung von Frau Therapeutin nach- oder zumindest entgegenzukommen, stopft Rosa ebenjene Vernunft kompromisslos in eine Kiste, versteckt den Schlüssel und drückt den Knopf, der den Autopiloten aufpustet und ans Steuer von Körper setzt, der eigentlich eher meiner Meinung wäre.

Widerstandskämpfer

Das Klinikgelände ist weitläufig. Die Wandermöglichkeiten außenrum noch viel mehr. Am Mittwoch komme ich lt. Handyschrittzähler und zusätzlich getrackter Spazierstrecke auf 10,3 Kilometer, am Donnerstag auf 13,3 und heute auf 11,8.

Dann habe ich Einzel. Zwei geradezu lachhaft winzige Spaziergänge darf ich – ohne, dass es jemand kontrollieren wird – bis zum nächsten Termin am Mittwoch machen. Einen am Wochenende, einen am Montag oder Dienstag. Nicht einmal 2 Kilometer, hin und zurück. Ich könnte heulen. Tue es aber nicht, und habe inzwischen heftige Kopfschmerzen vom nicht-heulen. Dafür verhandle ich seither sehr intensiv mit Rosa – darüber, ob ich meine Wanderschuhe heimschicke (natürlich nicht!), ob eine Fototour als unerlaubter Spaziergang zählt (quatsch!) und wann ich diese dann vielleicht machen könnte (Sonntagfrüh!). Weil, wenn sie schon brav Richtmenge essen muss, weil wir sonst fliegen, kann sie ja wohl wenigstens die neu gewonnene Energie – die auf dem Weg zwischen Magen und Muskeln irgendwo verpufft, so dass sich Körper bisher kaum anders fühlt als vorher – in Schritte investieren. Das klingt ziemlich logisch, finde ich. Und auch wenn Körper wenig Lust dazu hat, hüpft Rosa wie ein Flummi durch meine Gehirnwindungen, so dass die Resonanz in meinen Beinen und durch meinen Verstand summt. Undenkbar, diese Vorgabe einzuhalten – so die resignierte wie erleichternde Erkenntnis am Ende des Tages.

Intensität

Es ist 5 Uhr, seit einer Stunde liege ich wach, ohne den genauen Grund zu kennen. Immerhin konnte ich überhaupt etwas schlafen, denn die erste Nacht hier in der Klinik war sehr kurz.

Heute zum ersten Mal Wiegen. Rosa findet das scheiße, weil wir jetzt schon 1 1/2 Tage Richtmenge essen mussten, Körper weiterhin munter Wasser bunkert und ich seit Montag nicht auf der Toilette war.
Eigentlich will ich es garnicht wissen. Die meisten anderen sind dünner kränker berechtigter, hier zu sein als ich. Aber Rosa sagt, vielleicht sind wir dann um so schneller wieder draußen und können da weitermachen, wo wir aufgehört haben.

Butter, Vollfettfrischkäse und Nudeln schmecken schon geil, Frühstück um 7 mit Semmal ist aber irgendwie pervers. 3 Mal am Tag essen ebenfalls. Magenknurrenhunger habe ich zwischendurch auch, was Rosa aber als persönliches Versagen ansieht. Wenigstens habe ich diese Woche noch nicht so viele Termine, so dass ich gestern spazieren gehen konnte und auch für heute vormittag schon eine – noch größere – Runde geplant habe. Kann ja schließlich nicht nur rumsitzen hier -.-

Ich bin unruhig, und auch wenn ich brav meine Richtmenge esse und sie so gut wie möglich in die Kalorienapp hacke, nur um mich dann bei der Tagesbilanz zu gruseln, drücke ich die Zahl am Ende des Tages auf den geringstmöglichen Wert, der unter diesen Umständen möglich ist.

Nicht der Beitrag, der mir sprachlich gefällt, aber wohl das, was um halb 6 in der Früh halt möglich ist.

Innenkälte

Ich stehe unter der Dusche, die sich nicht mehr heißer stellen lässt, und habe Gänsehaut weil Körper die Wärme nicht reinlässt. Ich spüre das warme Wasser und sehe, wie es meine Haut rot färbt, aber es kommt im Innen nicht an. Ich hoffe, dass die geplante Suppe zum anschließenden Abendessen mich vielleicht wieder auf Temperatur bringt und gehe mich abtrocknen, um meinen Fitnesstracker wieder anzuziehen – ein letztes Mal, bevor ich ihn morgen hier zurücklassen muss.

Ich komme mir albern vor, als ich anschließend in der Küche das Gemüse und den Rest des Essens wie immer abwiege, aber lassen kann ich es auch nicht – egal, ob ich ab morgen essen muss oder nicht.

Den Großteil des restlichen Abends verbringe ich sehr unsexy auf dem Klo und frage mich, ob Rosa es doch irgendwie geschafft hat, Abführmittel zu besorgen, um mit wenigstens halbwegs annehmbaren Gewicht – trotz der mehr werdenden Wassereinlagerungen – in der Klinik zu starten. Ich fühle mich nicht nervös, was aber vermutlich nur daran liegt, dass ich nichts fühle, also ist es vielleicht auch nur mein Kopf, der Körper dazu nötigt, mich mehr als einmal und am Abend auch nicht zum ersten Mal an diesem seltsamen Tag ins Bad sprinten zu lassen. Und ein Ende scheint nicht in Sicht, aber dann kann ich den fehlenden Schlaf heute Nacht wenigstens darauf schieben statt auf meine rotierenden Gedanken, die nicht glauben können, dass sich morgen mein Leben – mindestens zeitweise – deutlich verändern wird.

Ich liege unter zwei Bettdecken. Meine Füße sind aus Eis.

Matsch

Körper wäre gerne in Tränen aus- und insgesamt gerne zusammengebrochen, als am Donnerstag das Telefon klingelt und mir der kommende Dienstag als Aufnahmetermin mitgeteilt wird. Orange hält aber nichts davon, weil ich mich mitten in einer nur kurz auf Stumm geschaltenen Telefonkonferenz befinde und man da schließlich nicht zu heulen hat. Also heulen wir nicht und brechen auch nicht zusammen, sondern führen das unterbrochene Gespräch anschließend angemessen weiter, nur angereichert um ebenjene Information, so wie sich das für eine Führungskraft gehört.
Rosa begrüßt das ebenfalls sehr und legt seither eine kaum zu überbietende Ignoranz an den Tag. Sie sieht keinen Grund, Sport herunter- oder Nahrungsaufnahme hochzufahren und macht weiter, als gäbe es keinen Dienstag und keinen Boden der Tatsachen, auf dem nicht nur zu wenig, sondern garkein Glitzer liegt.
Schlafen wird seither überbewertet, weil diffuse Gedankenströme ununterbrechbar durch mich hindurch fließen, sobald ich die Augen schließe. Es fühlt sich an wie ein nahender Abschied von dem Körper, der so wunderschön ausgezehrt und zerbrechlich wirkt, wie ich mich im Innen fühle und dessen Schwäche und Erschöpfung als einzige Legitimation dient, nicht zu sehr über Leistungsgrenzen hinweg zu gehen.
Rosa flüstert derweil ohne Unterlass, dass sie mich sowieso nach drei Tagen wieder rausschmeißen, weil ich weder krank noch dünn genug bin und nur jemandem den Platz wegnehme, der ihn wirklich braucht. Sie ist also die Einzige, die sich trotz dieser Nachricht entspannt zeigt und Körper und mir vielleicht sogar zugesteht, am Montag nach der Arbeit nur Spazieren zu gehen, statt uns ein vorerst letztes Mal auf den CrossTrainer und vor die Gewichte zu stellen. Ist ja nur für drei Tage.