Lost

Es ist nicht so, dass mir die gesprungene Schallplatte nicht selbst unfassbar sehr auf den Keks geht.
Aber.
Ich bin durch für heute. Könnte am Hangover durch die Bedarfsmedikation von gestern oder am ~4-stelligen Kaloriendefizit oder an der nicht unerheblichen Anämie in Kombination mit einem eher lächerlich anmutenden 6,5-Kilometer-Spaziergang liegen. Oder und.
Ich bin mir nicht sicher, ob die Kapitulation schleichend kam oder *puff* plötzlich einfach da war. Das Ergebnis bleibt das Gleiche. Unglaublich viel ist mir unglaublich egal – sofern es nicht in Rosas Zuständigkeitsbereich fällt – und dazu zählt auch, dass ich einfach allen sage, was sie hören wollen, nur damit ich meine Ruhe habe.
Ausmaße kennt daher niemand und geschenktes Vertrauen wird ohne große Skrupel angenommen, nur um postwendend schändlich missbraucht zu werden.
Der Parasit schmiedet derweil Pläne und erwägt Gelegenheiten, während ich nur noch müde darauf verweise, dass Restless Legs garkein Ausdruck für das Gefühl in mehr als nur meinen Beinen sind und wir uns für die blöden, langsam wirkenden Eisentabletten – die wir auch erst morgen bekommen – statt einer Infusion entschieden haben. Wissend, dass ihn das äußerst wenig interessiert – wie auch die deutlich kritischeren Konsequenzen, wenn er noch lange so weitermacht.

Dysmorphie

Nachdem Rosa die Wiedereingliederung übersprungen hat und bereits wieder unauffällig, aber überaus fest in meinem Alltag installiert ist, steckt Orange gerade mittendrin und zettelt einen handfesten Streit an. Und sie hat verdammt gute Argumente, die Rosa garnicht lustig findet – und ich noch viel weniger. Weil es nunmal so fragwürdig wie verlockend ist, wenn ich nach heutigem Wiegeergebnis in hochgerechnet spätestens 3 Monaten am selben Punkt sein könnte wie vor der Klinik.

Mein neuer Hausarzt geht wahrscheinlich aus Versehen davon aus, dass ich erwachsen – und noch dazu vernünftig – bin, weil ich nur 4 Jahre jünger bin als er. Und weil ich seltsamerweise diesen Schein waren möchte, nehme ich nach der aktuellsten Blutbildbesprechung mit weiterhin – Sie wissen ja, warum – bestehender Anämie und leeren Eisenspeichern das Rezept für die Tabletten statt die alternativ angebotene Infusion, die der Parasit viel cooler fände. Später kann ich immer noch sagen, dass ich die nicht vertrage.

Der Parasit überlegt, wie weit er es noch treiben kann. Wer schneller ist, Rosa oder er. Beide Varianten finde ich unglaublich beruhigend. Aber dann kommt Orange und der Kreis schließt sich. Wir streiten.

Ich verstehe mich nicht. Warum ich mich so wissent- wie willentlich mit sorgsamer Akribie langsam aber sicher selbt zerstöre. Nicht nur töte, sondern zerstöre. Stück. Für. Stück.

Inkongruent

Körper tut, was Körper halt den ganzen Tag so tun. Geht auf Fototour. Sitzt beifahrend im Auto. Häkelt. Macht seinen Teil des Haushalts. Blutet – wieder einmal. Bei alldem ist er so nett, mir zumindest einige der visuellen Eindrücke ins Bewusstsein weiterzuleiten – der Rest aller Reize versickert irgendwo auf dem Weg dorthin, wenn gewisse Grenzen nicht überschritten werden. Also sitze ich da so semi-interessiert in meinem Kopf herum und verfolge mal mehr, mal weniger aufmerksam den Film, der da draußen so passiert.
So richtig identifizieren kann ich mich nicht mit alldem, was so verdammt normal und mitunter alltäglich scheint. Gespräche werden geführt und vergessen. Tätigkeiten werden ausgeübt, damit der Tag vergeht. Gedacht wird immer, aber nur selten finden sich Zusammenhänge zwischen dem Film und meiner Wirklichkeit.
Die Statisten um mich herum machen Feststellungen, beantworten ihre eigenen Fragen und geben sich mit nicht näher definierten Lautäußerungen zufrieden, deren Interpretation überraschenderweise stets ins Drehbuch passt.
Wer selbiges geschrieben hat, ist mir jedoch ein Rätsel. Ich war es jedenfalls nicht, weil ich garnicht schreiben kann, während ich so entfremdet und körperlos in meinem Kopf herumsitze und nichts damit anzufangen weiß, was Körper so tut.
Unausprechlichkeiten türmen sich vor mir auf, aber mindestens eine glänzt unfassbar beruhigend im fahlen Restlicht.

Kulturschock

°Triggerwarnung°

Die Luft knistert und vibriert vor Spannung, ich kann kaum atmen und nicht denken. Rosa und der Parasit streiten, wer den Fluchtwagen fahren darf. Ich sitze teilnahmslos dazwischen, weil sie eh nicht auf mich hören und konzentriere mich darauf, nicht zu ersticken, auch wenn es am Ende sowieso auf das gleiche Ergebnis rausläuft.
Das hübsche Trugbild, was ich derweil durch die Welt trage, ist anstrengend und fühlt sich falsch an.
Ich halte die Luft an. Mir wird schwindlig.

Erebos

Der Versuch, unerklärliches zu erklären, kann schon angesichts der zugrunde liegenden Begriffsdefinition nichts anderes als scheitern. Also halte ich mich nicht näher damit auf, denke einfach Nichts und verliere mich – nur ein wenig, aber doch etwas zu viel – darin. Hoffend, dass die anstehende kontextuale Veränderung weniger einschneidend ist, als hiesige Unerklärbarkeiten.

Parasit

°Triggerwarnung°

Etwas zerrt in mir. Reißt voll verzweifelter Gewalt an der Kette, die es halten soll. Es windet sich unter meiner Haut, in meinen Knochen und wühlt sich durch nassrote Gedärme. Drängt sie beiseite, martert mich und sich, weil es irgendetwas will. Die einzige Artikulation besteht aus verzweifeltem Aufheulen und einem seltsam sehnenden, mehr spür- als hörbaren Knurren. Tief. Voller Vorwurf und Lust. Und unendlich gequält.
Es zerreißt mich im Innen, minutiös, und schlägt scharfe Klauen in Empfindlichkeiten, Fangzähne in nackte NervenEnden. Es kämpft und gräbt sich durch Unbewusstes, getrieben von uralten Instinkten, die sich jeder Logik, jeder Beschreibung entziehen.
Ich bin verloren.

Visite. Blutbildbesprechung. Hämoglobin und Hämatokrit kratzen am Rande einer schweren Anämie.
Irgendwie kann ich mich rauswinden, aber mein Kopf packt umgehend seine Instant-Hüpfburg aus und schmeißt alle Gedanken, die er gerade so findet – und das sind echt viele – ungefragt dort rein.
Irgendetwas reitet mich nur Minuten später, eine kurze Mail mit der tatsächlichen Ursache an den Stationsarzt zu schreiben. Chefarzt und Frau Bezugseinzeltherapeutin werden informiert. Letztere treffe ich wenig später zum Einzel und ich sehe und höre ihr an, wie sehr sie mich nicht darauf ansprechen will, aber muss. Aber weil Frau Bezugseinzeltherapeutin Frau Bezugseinzeltherapeutin ist und nicht Herr Vertretungseinzeltherapeut, der mich zweifelsohne zerlegt hätte, winde ich mich erneut heraus und in großen Bögen um mich herum, ohne wirklich etwas zu sagen. Eine weitere Diffusität, die kaum noch auffällt in all den konstruierten Gebilden um mich herum und die ich manchmal fast selbst glaube.