Etappenziel

Etwas ratlos schaue ich den Staffelstab an, den Rosa mir wieder in die Hand gedrückt hat. Ich dachte, wir wären damit durch und bräuchten den nicht mehr. Gut, das dachte ich auch im März, als ich meine Eltern besucht habe. Und zwischendurch zu anderen Gelegenheiten.
Jetzt haben meine Eltern Rosa also ganz aktuell in Augenschein nehmen und als besorgniserregend einstufen können, aber das reicht ihr nicht. Nächstes Ziel: die Kollegen, die ich dank Homeoffice seit dreieinhalb Monaten nicht mehr gesehen habe. Dass unklar ist, wie lange das noch so sein wird, spielt dabei keine Rolle und dient eher als Ansporn. Und dass ich der Meinung bin, so besser genau nicht von Kollegen gesehen zu werden, weil schon damals hinter meinem Rücken geredet wurde und dort nun langsam kein Platz mehr für Heimlichkeiten ist, zählt ebenfalls nicht.
Ich drehe und wende den Stab in meiner Hand und jammere ein bisschen, weil mir nicht nur der Hintern weh tut („sitz halt nicht so viel rum!“), sondern ich auch andauernd außer Atem bin und Sommerbergtouren, die ich wirklich gerne machen würde, an Rosas Auswirkungen zerschellen, die mich gerade noch so den Weg ins Lieblingscafé schaffen lassen, während Sport einfach immer geht. Auch die Sorge, dass sie uns am Freitag, wenn ich zum ersten Mal seit März wieder ins Fitnessstudio gehen mag, nicht mehr trainieren lassen, ist ihr egal, weil wir ja jetzt ein schickes und funktionierendes Homeworkout etabliert haben, das eh viel praktischer ist.
Ich beschließe, keine Lust auf Diskussionen zu haben und auch nicht zu hinterfragen, wie das auf Dauer weiter funktionieren soll, weil es ja gerade noch genau das tut.

Teflon

Auch wenn Rosa Lotus bevorzugen würde, weil es weniger technisch, sondern eher feminin und hübsch klingt, ist Teflonmensch die zweifelhafte Überschrift, die Schatz mir gestern verleiht. Weil seine Fragen und seine Nähe und sein Nah-sein-wollen an mir abperlen, zusammen mit dem ganzen Rest an Leben, was so stattfindet und mich aber eher wenig tangiert.

Ab hier: Leere in meinem Kopf zu dem Thema, dieser Überschrift, die mehr klebt, als sie sollte. Die kleine Fetzen meiner Gedanken einfängt wie ein Fliegenfänger, aber weil sie sich winden und wehren, sind sie nun nicht mehr erkennbar und werden zu einem undefinierbaren Konglomerat, dass keinen Sinn ergibt.

Sturmtief

Es ist schon wieder Mittwoch und mir fällt ein, warum ich eigentlich Sport mache. Was mir nicht einfällt ist, warum ich Mittwoch zum sportfreien Tag erklärt habe. Und mich auch noch daran halte.
Mein Kopf jedenfalls hat seine Hüpfburg aufgepustet (ohne Luftpumpe – dafür spricht zumindest meine mir heute wieder besonders auffallende Kurzatmigkeit), alles an auffindbaren Gedanken dort reingeworfen – jeden. einzelnen. Fetzen. – und hüpft. Ekstatisch.
Befürchtungen wickeln sich um Tatsachen, Gedanken verheddern sich im entstehenden Durcheinander, und ich stehe etwas ratlos davor. Rosa hält mir zusätzlich einen sehr ausschweifenden wie vorwurfsvollen Vortrag über meine Tageskalorienüberschreitung von 38 kcal und streut Salz in die heute-kein-Sport-Wunde, die ähnlich zwanghaft ist, wie morgen-natürlich-wieder-Sport.
Meinen ausnahmsweise sturmfreien Nachmittag hatte ich mir anders vorgestellt. Ohne Orkan.
Es ist schon wieder Mittwoch und mir fällt ein, warum ich Alkohol und Rasierklingen vermisse.

Körperlos

Weil ich nicht möchte, dass sich meine in letzter Zeit nur noch selten getragene Jeans wegen mir schlecht und ungeliebt fühlt, entscheide ich mich für eine der Beiden, die mir noch passen. Wir wollen ins Gartencenter und den Wochenendeinkauf erledigen – nach wie vor mein Highlight der Woche, da ich wegen Homeoffice und festbetonierten Tagesroutinen ansonsten ausschließlich Zuhause bin und je nach Kontext nur die eine Jogging-, Sport- oder Cargohose trage.
Oh. Ich stocke gedanklich, als ich feststelle, dass eben jene Skinnyjeans nicht mehr so skinny ist, wie sie noch vor einigen Wochen war, als ich sie das letzte Mal anhatte. Unschlüssig stehe ich vorm Spiegel, aber schöner wirds nicht. Auch wenn ich die Gefühle meiner Jeans wirklich nicht verletzen möchte, das geht so nicht. Also doch die Cargohose mit Gummizug und Bändchen zum Zuknoten. Die ist zwar noch weiter, aber wenigstens sieht es ein bisschen nach Absicht aus.

Auf dem Weg zum Einkaufen machen wir einen Zwischenstopp am See. Schatz macht ein Bild von mir und ich denke, dass mein Kopf viel zu groß auf meinem Körper sitzt, der mir so furchtbar fremd geworden ist. Den ich beim Sport in der Garage in der spiegelnden Autoscheibe beobachte, wie er Übung um Übung ausführt und es seltsam finde, wenn ich doch mal meine Muskeln dabei spüre, während die Frau im Spiegel trainiert. Und wenn ich das spüre, konzentriere ich mich schnell wieder auf das Bild vor mir, weil dort noch einiges mehr in dem Körper zu spüren wäre, was mir nicht gefällt. Extrasystolen, Schwindel, Erschöpfung – solche Sachen halt.

Während sich extern einfach alles um den Körper zu drehen scheint, habe ich intern einfach mal so garnichts (mehr) damit zu tun. Ich müsste nicht einmal mehr – weder optisch, noch gefühlt – abnehmen, eher ganz vielleicht sogar ein miniwinzigkleinesbisschen im Gegenteil – wenn nur diese abstrakte und genauso wenig zu mir gehörende Zahl auf der Waage weiter sänke und die Kontrolle fortbestünde.

Der Versuch, all jenes zu verstehen, scheitert wie jedes Mal. Doch manchmal wird ein Drängen spürbar, etwas zu unternehmen, bevor mir die Kontrolle entzogen wird. Selbst anzuerkennen, dass es genau jetzt genug ist, und es besser anders werden darf, ohne externen Druck oder gar Zwang Bestätigung.

Brüchig



Sie fühlt sich wie eine Schnecke. Aber anders als bei normalen Schnecken ist ihr Häuschen festgenagelt, und es zu verlassen wird durch die viele Zeit, die sie nun schon gezwungenermaßen darin verbringt, nicht leichter. Im Gegenteil, sie liebt ihr Häuschen und die Sicherheit darin von Tag zu Tag mehr. Die Berechenbarkeit. Die Zweisamkeit, die Einsamkeit. Der wohl dosierte digitale Kontakt, der etwas unverbindliches und leichtes hat, weil er sich ebenso gut kontrollieren wie ignorieren lässt.

Buchstaben, die ebenso den Inhalt von Gedanken wie Bücher befüllen, tanzen vor ihren Augen wie Glühwürmchen umher und geben weder im Innen noch im Außen einen Sinn. Je mehr es sind, desto weniger will sie sich damit befassen. Bücher verstauben, Zeitschriften stapeln sich zu nur zur Hälfte gelesenen kleinen Türmchen und Gedanken bleiben unvollendet.

Zu Glas erstarrte Tagesabläufe lenken sie und lassen keine Abweichungen zu. Sie sind scharfkantig und kalt, aber der Druck, den sie beim Hindurchgehen erzeugen, hält sie warm und gleicht einer Umarmung.

Rosa als selbstverständliche Begleitung an der Hand kann sie es nicht verantworten, sie dieser Gefahr auszusetzen. Also sucht und erfindet sie Gründe. Manipuliert. Verschiebt, damit es nur nicht morgen ist. Jederzeit, aber nicht morgen.

Strömung

Genau genommen wäre wohl schon vorgestern der letzte Tag des auf nicht genauer als „Ende April“ definierten Zeitfensters gewesen, um mich bei Frau Ernährungsberaterin mit einer Entscheidung zu melden, wie es denn nun weitergehen soll mit uns. Also Frau Ernährungsberaterin und mir. Oder Rosa und mir. Oder uns allen dreien. Wobei, letzteres wohl eher nicht, so fragend, wie Rosa beim letzten Wort eine Augenbraue hebt.

Seit Anfang dieser Woche schleiche ich um mein Email-Postfach herum, in enger werdenden Kreisen zwar, aber nach wie vor in sehr großzügigen. Außer Frage steht, dass ich ganz sicher nicht anrufen und meinen derzeitigen Unwillen, mit Routinen zu brechen, auch noch in Gesprochenes verwandeln werde. Dann lieber geschrieben Worte raussenden und die Augen möglichst lang vor der Antwort verschließen, mir Szenarien ausmalen und diese dann gemeinsam mit Rosa beim Sattessen an Instagram-Foodporn unter den Krümeln begraben.

Schatz speise ich derweil bei seinen nur zögerlich drängender werdenden Fragen mit einer choerografisch anspruchsvollen Mischung aus Nicken, Schulterzucken und Rumdrucksen ab, zu der sich gemurmelte Laute mischen, deren nähere Interpretation ihm überbleibt.

Nur wenige Gedanken habe ich seit dem letzten Gespräch mit Frau Ernährungsberaterin in eine tatsächliche Entscheidungsfindung investiert, war doch schon damals klar, dass da ein viel zu großes ichwillnicht vor dem klitzekleinen ichsollteaberweilesvernünftigwäre steht und von Rosa nicht nur mit Krallen verteidigt wird. Auf der wenig ambitionierten Suche nach Gründen, die für den anstrengenderen der zwei vor mir liegenden Wege sprächen, finde ich nichts außer Gleichgültigkeit und einem fernen Sehnen nach mehr, ohne eine Definition desselben.