Teil Drölfzundneunzig aus der Reihe „Mimimi“.
Meine Kalorien habe ich nicht noch weiter reduziert, nachdem die Waage am nächsten Morgen sehr versöhnlich war und Rosa gleich mit. Allerdings lässt sie sich nicht dazu erweichen, mir eine Sport- oder anderweitige Bewegungspause zu gönnen, auch wenn wir Urlaub haben. Den haben wir schließlich nicht zum Spaß, sondern um die Tage mit möglichst viel Aktivität zu füllen. Und auch, wenn ich für heute herausschlagen konnte, den Ausflug – nach dem Sport heutefrüh natürlich – auf Samstag zu verschieben, werde ich mich wohl noch ans Wischen der gesamten Wohnung machen, die es nicht nur sehr nötig hat, sondern auch wunderbar dazu geeignet ist, den Schrittzähler noch etwas in die Höhe zu treiben. Besonders, wenn man vorher erst noch staubsaugt.
Dabei kann ich einfach nicht mehr. Von mögen mal ganz zu schweigen. Aber meine oder Körpers Stimme zählt nunmal nicht, findet Rosa, also machen wir weiter. Das Handy immer dabei, in der stillen Hoffnung, dass genau jetzt die Klinik anruft und ich morgen schon kommen darf, so dass mir endlich jemand erlaubt, nichts zu tun und alles zu essen. Tut sie aber nicht.
Schlagwort: Sog
Limitiert
Meine Muskeln summen, als ich stehen bleibe, um etwas zu trinken. Körper kann nicht mehr, und schon wieder droht er mit Systemabschaltung. So wie vorhin vorm Frühstück, als ich plötzlich merke, dass ich kurz davor bin, einfach umzufallen, weil sämtliche Speicher einfach leer sind.
Von vorne. Wir gehen auf Wander-//Foto-//Bergtour – eine, die Schatz vor einiger Zeit allein gemacht hat und die er mir unbedingt zeigen möchte. Es ist toll, aber ich scheitere trotz bester Vorsätze an dem letzten Stück rauf zur Alm, auf der er gewesen ist. Zu steil, zu weit, zu ungefrühstückt. Also gehen wir den Weg ein Stück zurück, zur vorigen Alm, und rasten dort. Ohne frische Buttermilch, die es zusammen mit knuddelbaren Kühen und selbstgemachtem Käse oben gegeben hätte – daher nur mit Wasser und einem Pott Kaffee, während Schatz ein Stück Käsekuchen verdrückt. Immerhin, der Kaffee rettet mich über weitere 1 1/2 Stunden, bis zu eben jenem Punkt während des Rückweges, wo beinahe nichts mehr geht und ich endlich mein Frühstück auspacke. Und die Hälfte esse.
Die zweite Hälfte folgt im Auto, zu dem ich es noch gerade so geschafft habe. Kommuniziert habe ich all das natürlich weitaus harmloser und in deutlich geringerem Umfang, als es sich anfühlte und was wohl nur diejenigen wirklich nachfühlen können, die wissen, wie strange sich ein ausgehungerter Körper mit leeren Muskeln anfühlen kann, wenn er leisten soll, aber einfach nicht mehr kann und mit Abschaltung droht.
Iss halt einfach denkt sich der rationale Teil von mir. Rosa rollt mit den Augen.
Aussichtslos
Warten auf den nächsten Termin. Warten auf die bisher ungestellten Fragen. Auf die richtige Uhrzeit zum Essen oder zum Sport. Auf das nächste Wochenende, die nächste Bettgehzeit und das Wundern, dass Körper immer noch mitmacht. Auf das nächste Mal Wiegen, das nächste Mal aufwachen, das nächste Mal Feierabend haben. Auf das Verschwinden von Cravings, auf Konzentration, auf Klickmomente.
Warten aufs Leben.
Rosa bleibt.
Flach
Ich weiß nicht, ob es der gestrige Tag oder die letzten 3 bis 17 Jahre sind, die heute wie Tonnen von Blei auf mir liegen. Beides erscheint gleichermaßen un- wie absolut möglich, spielt aber am Ende auch keine Rolle. Vielleicht ist es auch nur bloße, aber sehr massive Unlust – rede ich mir ein -, die mich beinahe dazu bringt, mich heute nach einer halben Stunde Arbeit krank zu melden. Was mich letztendlich davon abhält, ist der Gedanke daran, wie ich den natürlich dennoch stattfindenden Sport gegenüber Schatz verargumentieren soll, wenn ich vorher den halben Tag nahezu bewegungsunfähig auf dem Sofa oder noch lieber im Bett verbringe.
Produktiv bin ich nur mäßig, und jede noch so kleine Bewegung ruft innere Widerstände hervor. Körper haut mir seinen Unwillen gleich mit dem ganzen Zaun um die Ohren, so dass mir die gewohnte Ignoranz mehr als schwer fällt.
⦁
Etwas irritiert frage ich mich während meines Workouts, was hinter der plötzlichen Idee stecken könnte, meine mehr als schulterlangen Haare auf wenige Millimeter abzurasieren. Gleichzeitig will ich meinen Kopf auf den rauhen Garagenboden schlagen, meine Arme und Beine aufschneiden und mich betrinken. Zwischen Denken und Metadenken bin ich fast dankbar für den Sog, den mein Gehirn gerade produziert, weil es den Körper gleichzeitig so deutlich in den Hintergrund rückt wie in den Vordergrund stellt, dass ich unbeteiligt dazwischen herschweben kann.
⦁
Am Ende lässt mich dieser Tag mehr als erschöpft zurück. Er hat mich zerkaut und ausgespuckt, und während er noch munter weiter da draußen vor sich hin existiert, liege ich – wie gewohnt – gegen 20 Uhr im Bett und bin fertig mit der Welt. Sie aber nicht mit mir, und das nehme ich ihr übel.
Müde
Das Gefühl, einen weiteren Tag schlichtweg verloren zu haben, breitet sich in mir aus. Ein Urlaubssommertag geht zuende, und ich muss mich wirklich anstrengen, um mich an ihn zu erinnern. Ich komme mir vor wie ein Zuschauer, der alles nur aus der Weite und mit einem verdreckten Fernglas beobachtet. Nichts davon hat wirklich mit mir zu tun und die Zeit verpufft in grauem Nebel.
Gedanken, die rational betrachtet wohl mindestens als besorgniserregend durchgehen, machen es sich in meinem Kopf bequem und stellen einfach alles in Frage. Einem kleinen Teil von mir wird bewusst, dass ich mein Leben in der Hand habe. Ein großer Teil von mir will es gerade zerknüllen und in die Ecke schmeißen. Anzünden vielleicht. Oder zerreißen.
Schrödinger
Rosa hat meine Gefühle im Laufe der Zeit alle nach und nach eingesammelt und in eine Kiste gestopft. Während sie sie zugehalten hat, habe ich Klebeband besorgt und sie damit umwickelt. Also die Kiste, nicht Rosa.
Das Ergebnis gefällt uns beiden eigentlich ganz gut. Nachdem meine Mens auch mit in der Kiste ist, hat sie die monatlichen Krämpfe und sukzessive vermutlich auch meine Knochendichte gleich mitgenommen. Praktisch, irgendwie, und bei meinem nicht vorhandenen Kinderwunsch auch nicht weiter relevant.
Ein bisschen ist es aber doch, als wenn man an allem das Salz weglässt. Stört beim Kaffee eher weniger, in der Suppe aber dann doch.
Ob und wann Rosa gewillt sein wird, die Kiste wieder zu öffnen, weiß ich nicht. Wie lange ich mir die geschlossene Kiste noch ansehen möchte, weiß ich genausowenig. Sie setzt Staub an und schaut nicht mehr so schön aus, wie sie da in der dunkler werdenden Ecke steht. Und manchmal stolper ich auch drüber und haue mir die Zehen an, was echt keinen Spaß macht weil der ja auch in der Kiste sitzt.
Ziele. Eine Frage, keine Antwort, nur Stille und Einöde. Ein Aushalten, ein Weitermachen aus Gewohnheit. Rosa fest an der Hand. Die Frage, wer wen festhält, stelle ich nicht.