Schlafen wird überbewertet

Ich bin zum Umfallen müde. Zwar habe ich in der letzten Nacht etwas mehr geschlafen, aber trotzdem war es zu wenig. Irgendwie habe ich die Woche überstanden, aber es ist, als würde nun sämtliche Luft aus einem Ballon entweichen.
Außer Schatz wird wohl niemand gemerkt haben, wie es mir geht. Ich bin immer wieder von mir selbst erstaunt, wie hochfunktional ich bin.

Mein Kopf treibt mich in den Wahnsinn. Würde man Seiten damit beschreiben, was ich den ganzen Tag denke, wäre am Abend eine – vor Egozentrik triefende – Bibliothek gefüllt – und anschließend durch den Reißwolf gejagt. Ich habe keine Ahnung, wie ich mich fühle – garnicht! – und kann nicht aufhören, mich zu analysieren und zu zerdenken. Ich drehe mich immer schneller um mich selbst, bis ich in mein eigenes schwarzes Loch falle – also, tiefer, weil drin bin ich ja schon.

Ich ertrinke an mir selbst.

Setzen, 6!

Als uns die Klassenarbeit vorgesetzt wird, die aus einer Mischung aus Psychologie, Biologie, Chemie, Mathe und Physik besteht, macht mich das genauso wenig stutzig wie die Tatsache, dass neben Klassenkameraden auch Mitarbeiter und Kollegen von mir mit im Raum sitzen.
Wir haben eine Schulstunde Zeit, der Fragenkatalog ist kilometerlang, der Vordruck für die Antworten ist viel zu knapp bemessen. Ich habe nicht gelernt, fällt mir siedend heiß ein, während die anderen fleissig drauflos schreiben. Habe schlichtweg vergessen, dass wir eine Arbeit schreiben oder dass ich noch zur Schule gehe.
Ich hänge immernoch an der ersten Frage, als ich bei anderen sehe, wie sie Frage 13 beantworten und beiläufig chemische Experimente durchgeführen. Mein Bleistift funktioniert nicht richtig, und als ich kurzfristig auf die grün gemusterte Tapete ausweichen muss, weil mir der Platz ausgeht, kann man meine Schrift gar nicht mehr lesen.
Ich bin gestresst, und habe solche Angst davor, zu versagen.

Ich wache auf, weil Schatz aufsteht. Fühle mich wie gerädert, weil ich gestern ewig lang wach lag und nachgedacht habe. Und jetzt dieser Traum, der mich immer noch gestresst fühlen lässt.
Irgendwann schlafe ich tatsächlich wieder ein. Nur, um in weiteren seltsamen Träumen von meinem vorigen Traum zu erzählen und weitere wirre Dinge zu erleben.

Ich wache auf, weil meine Blase findet, dass ich lang genug im Bett war. Ich bin anderer Meinung, vorallem, was die Schlafdauer angeht, aber ich ziehe den Kürzeren.

Kaffee, endlich. Ein gestresstes Gefühl, das mich wahrscheinlich den ganzen Tag begleiten wird. Die Bedeutung des Traums ist, wie die der anderen, nicht schwer zu erraten. Wirklich nachdenken mag ich darüber aber nicht. Mach ich dann heutabend. Wenn ich im Bett liege und schlafen will.

Still.Stand.

In Filmen gibt es manchmal diese Szenen, dass der Protagonist in einer Menschenmenge steht und alles ganz schnell abläuft, während er still in der Mitte steht. So fühle ich mich gerade. Alles rundherum verschwimmt, passiert, während ich da stehe und versuche, irgendwie das Chaos in meinem Kopf zu sortieren und den Anschluss nicht zu verlieren – was beides nicht so richtig gut funktioniert.

Ich habe sehr schlecht geschlafen. Kopfschmerzen kommen und gehen in Wellen. Ich kann nicht richtig denken, alles ist so … chaotisch. Ich habe mich krank gemeldet und kämpfe mit meinem schlechten Gewissen, wie ich es immer tue in solchen Situationen. Dabei wäre die Stunde Autofahrt heutefrüh wirklich nicht sinnvoll gewesen, das sehe ich sogar ein. Trotzdem. Hätte mir ja auch einfach frei nehmen können, Stunden habe ich ja genug.

Zusätzlich habe ich gerade nicht das Gefühl, Schatz sonderlich unterstützen zu können, weil ich viel zu sehr damit beschäftigt bin, um mich selbst zu kreisen. Dabei passiert all das ihm, ich bin nur eine Randfigur.

Die Katastrophe ist nicht vorbei. Aber mein Leben fühlt sich gerade so an.

Cut!

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Eineinhalb Jahre tiefenpsychologisch fundierte und eineinhalb Jahre Verhaltenstherapie, und ich habe Nichts, was ich dem Film, der seit Tagen jeden Abend in meinem Kopf abläuft, entgegensetzen könnte. Spielzeit: noch mindestens 3 1/2 Wochen, bis es dann wirklich soweit ist.

Ich kann nicht (ein-)schlafen, habe Alpträume. Und auch, wenn die inhaltlich rein garnichts mit der eigentlichen Situation zu tun haben, sondern einfach absurd sind, strengen sie an. Ich wache immer wieder auf, und immer wieder läuft der Film.

Ich versuche, ihn zu stoppen. Bewusst an etwas anderes oder an nichts zu denken. Aber sobald meine Aufmerksamkeit nachlässt, ist der Film wieder da. Voller hypothetischer Gefühle und potentieller, teils unrealistischer Abläufe, weil alles in dem Film nicht passiert ist, sondern erst noch passieren wird.
Ich weiß, dass es nichts bringt, mir 1000 Szenarien auszumalen, weil sowieso Nummer 1001 eintritt. Ich weiß, dass ich keinen Einfluss habe, auch wenn ich mir alles ausmale. Meinen Film interessiert das nicht im geringsten.

Dreieinhalb Wochen. Dreieinhalb Wochen noch weiter ansteigender Druck, noch weniger Schlaf, noch mehr Stress. Bitte bitte bitte lass es dann vorbei sein. Ich weiß nicht, wie ich, oder wie wir beide, das noch weiter aushalten sollen.

81 – Ein Traum

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Ich hatte einen Traum, heutenacht. Einen, den ich öfters mal in den unterschiedlichsten Varianten träume. Ich habe einen Unfall, bin verletzt und auf Hilfe angewiesen. Die bekomme ich, von mir scheinbar vertrauten Menschen, die ich aber im echten Leben nicht kenne. Sie sorgen für mich, und vermitteln mir ein derart intensives Gefühl der Geborgenheit und Sicherheit, dass es immer noch nachklingt.
Genau das ist das Gefühl, nach dem ich im echten Leben suche, wurde mir bewusst. Dass ich es von Schatz bereits bekomme, spielt dabei keine Rolle, denn ich suche woanders und finde es nicht.

Was ich finde, ist …

Auf Facebook teilte meine Mama gesternabend einen Beitrag über den vermuteten Suizid von Rick Genest. Inhalt des Postings war der Folgende: „[…]Unterschätzt niemals den Wert der psychischen Gesundheit, hegt und pflegt euch und scheut euch nicht, nach Hilfe und Unterstützung zu fragen. Doch umgekehrt genauso: Depression hat wahnsinnig viele Gesichter, seid wachsam und behaltet ein offenes Ohr und offene Arme für eure Mitmenschen.[…]„.
Ich stehe ratlos vor diesem Posting, weil es etwas in mir anrührt, was ich nur schwer in Worte fassen kann. Nicht der eigentliche Inhalt, sondern dass meine Mama ihn teilt, meine Erkrankung aber … ignoriert, ist das falsche Wort, aber „darüber hinwegsieht“, „nicht wahrnimmt“ oder „nicht wahrhaben will“. Es macht mich wütend, traurig und hilflos.

Was ich mir wünsche, ist …

Gesternnachmittag telefonierte ich mit meiner Mama. Wir blieben oberflächlich. Sie fragt nicht, ich sage nichts. Ein nettes, einstündiges Gespräch über das Wetter, die aktuellen Fakten zur Katastrophe, den Urlaub, andere Leute. Alles wie immer.
Gesternnachmittag telefonierte ich mit meinem Papa. Wir blieben oberflächlich. Er fragt nicht, ich sage nichts. Ein nettes, viertelstündiges Gespräch über das Wetter, die aktuellen Fakten zur Katastrophe, den Urlaub. Alles wie immer.
Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal tiefgreifende Gespräche über Gefühle mit meinen Eltern irgendwem geführt habe, abgesehen von Schatz und der Therapeutin.
Empathie.
Genau das wünsche ich mir. Genau das bekomme ich nicht. Nur, wenn ich schlafe…