Signalstärke

Ich komme nicht umhin, so etwas wie stille Bewunderung zu empfinden für die Körper der richtig Magersüchtigen.
Mein Körper hat heute das Schutzglas vor dem Not-Aus-Schalter mit dem Ellbogen zerschmettert, den Finger auf den Knopf gelegt und starrt mich wütend an. Weder er noch ich blinzeln.

Ich sitze in der Arbeit. An- und abschwellende Kopfschmerzen gesellen sich zu diffusem Schwindel und durchdringender Nervosität, die ich nicht verorten kann. Ich taste nach meinem Puls in der Erwartung, dass er zu schnell ist, dabei ist das Gegenteil der Fall. Deutlich unter 50 – sonst liege ich immer bei um die 70+. Ein Zustand, der mich am Ende dazu bringt, schon mittags Feierabend zu machen, weil ich in seinen Augen sehe, dass mein Körper ernsthaft in Betracht zieht, den Knopf zu drücken.

In den letzten drei Wochen kann ich dem körperlichen Abbau wie im Zeitraffer zuschauen. Bleierne Erschöpfung, die mich immer dann ereilt, wenn ich Leerlauf habe. So kalte Füße, dass ich meine, sie sterben gleich ab und die auch an der auf 5 stehenden Heizung nicht nachhaltig warm werden. Büschelweise Haarausfall. Schmerzen in jeglichen Sitz- oder Liegepositionen. Und ich bilde mir nicht nur ein, Lanugobehaarung zu entwickeln. Ganz zu schweigen vom bereits monatelangen Ausbleiben meiner Menstruation.

Also passt es irgendwie, dass ich heuteabend einen Termin bei meiner Ernährungsberaterin habe und wir mit dem Programm beginnen. Vor nichts habe ich gerade mehr Angst. In nichts setze ich gerade mehr Hoffnung.

Ratio

Die ES prattet. Weil ich bei der Ernährungsberaterin war und doch tatsächlich daran denke, das Essstörungs-Programm dort zu machen – noch dazu, weil Mama zahlt und ich mir deswegen über die Kosten nicht den Kopf zerbrechen muss. Im Januar ginge es dann los, mit Terminen über etwa 3 Monate.
Du willst also echt zunehmen?!“ fragt mich die ES. Passiv-aggressiv kann sie.
Nein, eigentlich kann ich mir gerade kaum etwas weniger vorstellen. Mehr auf der Waage macht mir eine riesengroße Angst. Mehr auf meiner Kalorientagesbilanz macht mir eine riesengroße Angst. Nicht mehr den ganzen Tag an Essen denken macht mir eine riesengroße Angst.
Nicht mehr krank sein macht mir eine riesengroße Angst.

Defizitär

Die ES und ich, wir kommen gerade ganz gut miteinander aus. Zwar frage ich mich zwischendurch, was seit der Klinik so schief läuft, dass sie sich so wohl mit mir fühlt, aber dann scht! sie mir ins Ohr und wir denken lieber gemeinsam übers Essen nach. Wie vorher die Depression, die wir gemeinsam in Schach halten, füllt sie etwas aus. Ein Loch, das sich jeder Erkenntnis entzieht.
Auch den Termin bei der Ernährungsberatung nächste Woche sieht die ES ganz entspannt, weil es dann so aussieht, als würden wir uns bemühen, aber ja nicht gesagt ist, dass wir dann auch wirklich auf das hören, was Frau Beraterin uns so erzählt.
Und ich? Weiß nicht, ob ich lieber mit der ES abhänge oder etwas ändern möchte oder nur will, dass es so aussieht, während ich die Kontrolle feiere.

Über

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Die erste Woche Alltag liegt hinter mir und neben dem Gefühl, mit meiner Überforderung überfordert zu sein, stellt sich auch die unerwartete Erkenntnis ein, dass eine 4-Tage-Woche nicht einfach nur nett gegenüber einer prä-Klinik-5-tägigen ist, sondern 3 Tage Wochenende (gerade?) einfach (noch?) notwendig sind. Und beides fühlt sich garnicht so schön an, erst recht nicht an einem grauen Novembertag, auch wenn sich dieser gerade von seiner gemütlichen Seite mit warmem Tee, einer Decke und einem Sofa zeigt.

Für die Überforderung mit der Überforderung fällt mir keine schicke Umschreibung oder ein Kunstwort ein, leider. Die Anforderungen in der Arbeit sind hoch, und in 4 Tagen mit einem immer noch anhaltenden Informationsdefizit nur schwer bis garnicht zu schaffen. Mein Ich-leiste-also-bin-ich-Teil hält natürlich nichts vom Delegieren, also rudere ich alleine, obwohl Angebote im Raum schweben, dass andere etwas übernehmen würden. Ja, auch ich sehe den Fehler. *PunktaufderbessermachenListe*
Wahrscheinlich resultiert genau aus diesem Umstand der, dass ein langes Wochenende echt nötig ist gerade, um wieder runterzufahren.

Und ganz nebenbei ist da ja auch noch die ES, der es ganzhervorragend geht und die einen Großteil meiner Gedankenkapazitäten einnimmt, wenn diese gerade mal nicht mir der Arbeit ausgelastet sind. So haben wir fast 24 Stunden mit der Diskussion verbracht, ob ich an meinem sportfreien Samstag doch ins Studio fahre, weil ich gestern nicht wie freitags üblich dort auf der Waage war um zu sehen, dass ich auch nicht nur gefühlt weiter abgenommen habe und ob ich heute Flammkuchen selber machen und essen darf. Auf beides lautet die Antwort Nein, was ich mal als ganz blauäugig alsTeilsieg verbuche – und dann halt morgen auf die Waage steige.

Minus

Der blinkende Cursor mahnt, nun doch auch etwas zu schreiben, wenn ich schon eine Überschrift eintippe und das Gefühl habe, schon zu lange nichts mehr geschrieben zu haben. Aber viel ist da gerade nicht, was aufs virtuelle Papier will. Fast herrscht gerade so etwas wie eine ausgewogene Work-Life-Balance, die ab Montag mit Ende der Wiedereingliederung auf die Alltagsprobe gestellt wird, auch wenn dieser sich zunächst – und zum Glück – in Teilzeit darstellen wird.
Es klappte bisher gut, den Sport in den noch-nicht-ganz-Alltag zu integrieren, genau wie die ES, die vor den Augen meines Mannes alles abwiegt und beteuert, nicht zu wenig essen zu wollen, während sie insgeheim die Zahl feiert, die da heute beim Wiegen im Fitnessstudio stand, weil nun auch der BMI offiziell ES flüstert. Ich selbst dagegen war ehrlich etwas geschockt, also streiten wir heute, die ES und ich. Weil Schatz am Wochenende gerne selbstgemachten Flammkuchen essen würde, und ich schon auch, aber die ES diese fucking große Menge an Kalorien sieht und Panik schiebt. Ich versuche, mich ihr anzunähern und Teigauswahl, Saucenuntergrund und Belag zu verhandeln, aber sie zeigt sich zäh, hält ihr Dagegen-Schild stur in meine Richtung und flüstert, dass es schon verdammt schräg cool ist, seine Tage samt Krampfgedöns nicht mehr zu haben. Tatsächlich ist mir ihr Verhalten gerade eher peinlich, aber auch das findet sie doof.

Verzerrung

°Triggerwarnung°

Zweidimensional betrachtet sehe ich die Auswirkungen der Essstörung und mein rationales Denken, das mehr essen für sinnvoll bis notwendig hält. Darunter liegt eine Subdimension nach der anderen, und jede beginnt mit einem Aber.

In der Zweierdimension sehe ich auf Fotos, wie dünn ich geworden bin. Mein Körperfettanteil schmilzt dahin, mein Gewicht ebenso, mein BMI ist nur 1 kg von der als anorektisch definierten Grenze entfernt. Ich sehe, wie meine letzten Jeans auch zu weit werden, und dass ich jetzt besser nicht körperlich krank werden sollte, weil die Reserven fehlen. Ich sehe, dass ich so bei dem vielen Sport keine Muskeln aufbauen kann, und dass meine Menstruation möglicherweise dieses Mal komplett ausbleibt. Ergo sollte ich meine Energiezufuhr erhöhen, ganz einfach. Gewicht halten als erstes Etappenziel.

Dann kommen die verschlungenen Subdimensionen ins Spiel.
Aber ich finds geil, zum ersten Mal in meinem Leben so dünn zu sein.
Aber mein kleiner Aufmerksamkeitsjunky liebt es, dass meine Mama (und mein Arzt, und die Fitnesstrainer, und mein Papa, und mein Bruder, und …) sich Sorgen macht.
Aber ich habe keine Ahnung, um wie viel ich meine Kalorienzufuhr erhöhen darf ohne wieder Fett zu werden.
Aber ich will meinem Hunger nicht nachgeben.
Aber ich bin noch garnicht dünn genug, um ernsthaft was zu ändern.
Aber ich mag keine Zwischenmahlzeit einbauen.
Aber ich liebe meine Knochen.
Aber ich möchte weiterhin meine Muskeln sehen und ums Verrecken keinen höheren Körperfettanteil.
Aber ich kann noch eine Million weitere Gründe finden, erst morgen (dann aber wirklich – vielleicht) mit mehr Kalorien anzufangen.

Gestern habe ich Schatz erzählt, dass ich es so schwer finde, auch wenn ich nur wenige der Subdimensionen im Gespräch überhaupt angekratzt habe. Ich zeige mich willig, etwas dagegen zu tun und bitte ihn, mit drauf zu schauen. Die ~200 kcal weniger, die ich gestern irgendwie unbeabsichtigt weniger esse als sonst, fallen dabei nicht auf, weil er keinen Plan hat, wo welche Energie drinsteckt und ich ihm meine Tagesübersicht einfach nicht zeigen kann.

Die Subdimensionen haben sich so fest um mein rationales Denken geknotet, dass sie sich nur fester ziehen, wenn ich sie zu entwirren versuche. Und es ist nicht so, dass ich das Entwirren nicht wollen würde. Aber die ES will eben auch. Mehr, vielleicht.