Verzerrung

°Triggerwarnung°

Zweidimensional betrachtet sehe ich die Auswirkungen der Essstörung und mein rationales Denken, das mehr essen für sinnvoll bis notwendig hält. Darunter liegt eine Subdimension nach der anderen, und jede beginnt mit einem Aber.

In der Zweierdimension sehe ich auf Fotos, wie dünn ich geworden bin. Mein Körperfettanteil schmilzt dahin, mein Gewicht ebenso, mein BMI ist nur 1 kg von der als anorektisch definierten Grenze entfernt. Ich sehe, wie meine letzten Jeans auch zu weit werden, und dass ich jetzt besser nicht körperlich krank werden sollte, weil die Reserven fehlen. Ich sehe, dass ich so bei dem vielen Sport keine Muskeln aufbauen kann, und dass meine Menstruation möglicherweise dieses Mal komplett ausbleibt. Ergo sollte ich meine Energiezufuhr erhöhen, ganz einfach. Gewicht halten als erstes Etappenziel.

Dann kommen die verschlungenen Subdimensionen ins Spiel.
Aber ich finds geil, zum ersten Mal in meinem Leben so dünn zu sein.
Aber mein kleiner Aufmerksamkeitsjunky liebt es, dass meine Mama (und mein Arzt, und die Fitnesstrainer, und mein Papa, und mein Bruder, und …) sich Sorgen macht.
Aber ich habe keine Ahnung, um wie viel ich meine Kalorienzufuhr erhöhen darf ohne wieder Fett zu werden.
Aber ich will meinem Hunger nicht nachgeben.
Aber ich bin noch garnicht dünn genug, um ernsthaft was zu ändern.
Aber ich mag keine Zwischenmahlzeit einbauen.
Aber ich liebe meine Knochen.
Aber ich möchte weiterhin meine Muskeln sehen und ums Verrecken keinen höheren Körperfettanteil.
Aber ich kann noch eine Million weitere Gründe finden, erst morgen (dann aber wirklich – vielleicht) mit mehr Kalorien anzufangen.

Gestern habe ich Schatz erzählt, dass ich es so schwer finde, auch wenn ich nur wenige der Subdimensionen im Gespräch überhaupt angekratzt habe. Ich zeige mich willig, etwas dagegen zu tun und bitte ihn, mit drauf zu schauen. Die ~200 kcal weniger, die ich gestern irgendwie unbeabsichtigt weniger esse als sonst, fallen dabei nicht auf, weil er keinen Plan hat, wo welche Energie drinsteckt und ich ihm meine Tagesübersicht einfach nicht zeigen kann.

Die Subdimensionen haben sich so fest um mein rationales Denken geknotet, dass sie sich nur fester ziehen, wenn ich sie zu entwirren versuche. Und es ist nicht so, dass ich das Entwirren nicht wollen würde. Aber die ES will eben auch. Mehr, vielleicht.

1 Kommentar zu „Verzerrung“

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