Jetzt.

Vielleicht habe ich mir nun mein eigenes Grab geschaufelt.
Eine anstrengende, kurze, chaotische, viel zu lange Woche liegt hinter mir. Ich werde im September in eine Klinik gehen. Und das habe ich nun allen gesagt. Meinem Chef. Meinem Kollegen. Meinem Team. Und ausnahmslos alle stehen hinter mir. Denn alle (mit Ausnahme meines Chefs, aber das ist eine andere Geschichte – er ist Vulkanier, muss man wissen) machen sich Sorgen um mich. Und ich weiß nicht, ob ich das geil oder beängstigend finden soll.

Ich dachte, ich fühle mich freier danach. Defragmentierter. Ein bisschen ist das vielleicht so, aber weniger, als erwartet. Viel weniger. Aber fühlen ist ja eh so eine Sache. Der Schatten eines Gefühls, vielleicht, den ich fühle. Immerhin, es schattenfühlt sich nicht falsch an. Ist ja schonmal was.

Jetzt, wo es feststeht, wird mir langsam klar, wie fertig ich bin. Und ich weiß noch nicht, wie ich die 3 Wochen bis zum Urlaub schaffen soll, wenn mich 4 Arbeitstage schon so schlauchen. An die Wochen danach mag ich noch garnicht denken.

Nie genug

°Triggerwahrnung°

Meine Mama schreibt.

Hast du schon was von der Klinik gehört?
Nein.
Aber deinen Chef kannst du doch am Montag dann trotzdem vorbereiten, dass das kommt.
Das mag ich erst machen, wenn ich was genaues weiß. Nicht dass die sagen, ich passe nicht ins Konzept, bin nicht krank genug oder hab die falsche Nase…
Ja stimmt.
Und sie wechselt das Thema.

Ich weiß nicht, warum ich es immer wieder versuche. Bestätigung von ihr zu bekommen, dass sie mich versteht, mich ernstnimmt. Mich aufbaut, mir Mut macht und relativiert, was ich schreibe. Schwarz stürzt sich natürlich darauf. Ich bin nicht krank genug!
Seit sie mir das schrieb, will ich mich betrinken und schneiden. Tief. Und ihr Bilder davon schicken und sie anschreien, ob es jetzt vielleicht ausreicht? Ob ich jetzt krank genug bin? Rot hat sich mit Schwarz zusammengetan und beide überfluten mich mit unendlich viel Wut, die nirgends hin kann. In meinem Kopf schmeiße ich sämtliches Geschirr an die Wand und brüllte, bis ich heiser bin. Kopfweh und Schwindel melden sich.
Ich antworte. Auf den Themenwechsel.

Der einzig mögliche Zeitpunkt

Mein Gewissen schreit fragt mich ja pausenlos, wer eigentlich die idiotische Idee hatte, ausgerechnet jetzt blauzumachen krank zu sein. In der Hochphase in der Arbeit. Schwarz übrigens, aber das nur am Rande. Die sich zur Zeit erstaunlich bedeckt hält.
Mir ist klar geworden, dass es der einzig mögliche Zeitpunkt überhaupt war für den Zusammenbruch. Ja, es ist megaviel zu tun. Aber wenn ich nun weiter arbeiten gegangen wäre, dann hätte ich in einigen Wochen wohl gedacht, dass ich jetzt auch nicht zusammenbrechen brauche, schließlich war ja vor einigen Wochen viel mehr zu tun.

Ich habe Angst vor der anstehenden Arbeitswoche. Weil ich keine Ahnung habe, was ich erzählen oder wie ich reagieren soll, wenn ich auf das Kranksein angesprochen werde. Ich weiß, ich müsste niemandem auch nur irgendwas darüber sagen, aber wie sagt man, dass man nichts sagen möchte und später dann aber sagen muss sollte, dass man vielleicht, eventuell, voraussichtlich, hoffentlich einige Wochen stationär gehen wird?

Ich mag nicht.

Endlich ein Grund zur Panik

Ich hasse es, krankgeschrieben zu sein. Sobald ich das Haus verlasse, sei es zum notwendigen Lebensmittel-Einkaufen, zum nicht-so-lebensnotwendigen Gartencenterbesuch oder, wie vielleicht morgen geplant, zum Berggehn, schiebe ich Panik, jemand aus der Arbeit – der ~100km entfernten Arbeit – könnte mich sehen und dann denken, dass ich zwar so etwas machen kann, aber nicht arbeiten gehe. Oder schlimmer noch, es dort rumerzählen.
Unsichtbar sein wäre toll. Dann hätte ich heute nicht mit dem übermächtigen Wunsch zu verschwinden dort im Gartencenter gestanden und versucht, gegen den immer heftiger werdenden Druck in meiner Brust zu atmen, sondern die Blumen genießen und damit etwas für mich tun können. Aber nö, so überlege ich jetzt, ob Berg morgen wirklich eine so gute Idee ist oder ich den Tag lieber daheim verbringe und mein schlechtes Gewissen halt nur in den Garten trage. Vielleicht ganz in der Früh zum See (und Milliarden Mücken), aber mehr scheint unmöglich.
Ich kann gar nicht anders, als Montag wieder Arbeiten zu gehen. Zwar bereitet mir dieser Beitrag gerade schon wieder Schwindel und leichtes Kopfweh (vom Atmen rede ich mal nicht…), aber ob ich jetzt hier unentspannt und faul rumhänge, oder dann unkonzentriert einen Teil meiner Arbeit meine Arbeit mache, ist dann auch irgendwie egal.

Mäh

Hattest du in der letzten Woche denn überhaupt schon einen Tag ohne Kopfschmerzen, Schwindel oder Herzrasen?“ fragt Schatz, als ich (mir) zum wiederholten Male die Frage stelle, ob ich nicht doch trotz Krankschreibung diese Woche schon wieder arbeiten gehen soll.

Jeden Tag schreien Orange und Grün mir ins Gesicht, ich soll mich nicht so anstellen und gefälligst arbeiten gehen, denn ich hab ja nichts. Ich bin schließlich nicht krank oder sowas. Jeden Tag murmle ich gedanklich tausendfach vor mich hin, dass es ok ist, krankgeschrieben zu sein und ich trotzdem das Wetter genießen darf.

Nein“ antworte ich und finde es so ätzend wie beruhigend, dass er Recht hat. Nur interessiert OrangeGrün das nicht. Sie schreien weiter, während Schwarz hofft und bangt, was nun weiter passiert und mir sicherheitshalber mal SV-Druck und das Verlangen nach Alkohol um die Ohren haut.

Mindf*ck

Möglicherweise hatte Schwarz genau das im Sinn, als sie mich gesternabend nach einer ätzenden Nacht und einem noch viel ätzenderen Tag wieder mal zum Alkohol greifen lässt. Viel Alkohol. Der erst meinen Kopf angenehm ausschaltet, aber dann die Mauer, die ich so sorgfältig um meine Gefühle gebaut habe, erst bröckeln und schließlich unter viel Lärm und Staub in sich zusammenstürzen lässt.

Plötzlich kann Schwarz all das rauslassen, was ich sonst so sorgsam kontrolliert wegsperre. Und sie lässt viel raus. So sitze ich dort auf der Terrasse mit Schatz und heule, weil Schwarz so sehr nicht mehr kann und sich einen Hauch Beachtung wünscht. Sage Dinge, die ich nüchtern nie ausgesprochen hätte und lasse zu, dass Schwarz sogar erwähnt, dass mein Hausarzt noch Sprechstunde hätte und es nicht das schlechteste wäre, genau jetzt zu ihm zu fahren, weil ich genau weiß, dass Nüchtern und am nächsten Tag Schwarz wieder weggesperrt sein wird.

Ich lasse Schatz mich lenken, und als ich mich im Wartezimmer wiederfinde und die Woge des Alkohols nachzulassen scheint, frage ich mich, was ich eigentlich hier tue. Außer mich anstellen und so.
Der Weg ins Sprechzimmer und die frische Luft der offenen Balkontür spülen eine neue, heftige Welle Rausch über mich hinweg, und Schwarz weiß genau, was sie hier tut. In meinem Kopf steht ein minutenlanger Monolog bereit, der beschreibt, wie es Schwarz so geht. Aber als der Arzt vor mir sitzt, sind da plötzlich nur noch Bruchstücke, und genau so fallen auch meine Worte aus. Bruchstücke, aus denen man mehr Verzweiflung heraushört, als ich es mir selbst zu fühlen gestatte.

Viel ist nicht rekonstruierbar aus dem Gespräch. Ich soll mich um einen psychosomatischen Klinikaufenthalt bemühen, soll mich nochmal melden am Ende der Woche, ggf. auch wegen Medis zum Schlafen. Ich bin die nächsten zwei Wochen krankgeschrieben.

Die Nacht war kurz. Die Mauer um meine Gefühle steht noch nicht wieder. Und da ist das schlechte Gewissen, weil es gerade jetzt in der Arbeit so viel wichtiges für mich zu tun gäbe und viele Gedanken an das, was ich an fachlichen Dingen noch meinem Chef schreiben muss möchte.
Ganz viel Sortierarbeit liegt vor mir, und die Aufgabe, mich mit dem Thema Klinik zu beschäftigen, was mir ebenso viel Angst wie Hoffnung macht.