Inkongruent

Körper tut, was Körper halt den ganzen Tag so tun. Geht auf Fototour. Sitzt beifahrend im Auto. Häkelt. Macht seinen Teil des Haushalts. Blutet – wieder einmal. Bei alldem ist er so nett, mir zumindest einige der visuellen Eindrücke ins Bewusstsein weiterzuleiten – der Rest aller Reize versickert irgendwo auf dem Weg dorthin, wenn gewisse Grenzen nicht überschritten werden. Also sitze ich da so semi-interessiert in meinem Kopf herum und verfolge mal mehr, mal weniger aufmerksam den Film, der da draußen so passiert.
So richtig identifizieren kann ich mich nicht mit alldem, was so verdammt normal und mitunter alltäglich scheint. Gespräche werden geführt und vergessen. Tätigkeiten werden ausgeübt, damit der Tag vergeht. Gedacht wird immer, aber nur selten finden sich Zusammenhänge zwischen dem Film und meiner Wirklichkeit.
Die Statisten um mich herum machen Feststellungen, beantworten ihre eigenen Fragen und geben sich mit nicht näher definierten Lautäußerungen zufrieden, deren Interpretation überraschenderweise stets ins Drehbuch passt.
Wer selbiges geschrieben hat, ist mir jedoch ein Rätsel. Ich war es jedenfalls nicht, weil ich garnicht schreiben kann, während ich so entfremdet und körperlos in meinem Kopf herumsitze und nichts damit anzufangen weiß, was Körper so tut.
Unausprechlichkeiten türmen sich vor mir auf, aber mindestens eine glänzt unfassbar beruhigend im fahlen Restlicht.

Pyroman

Ich spiele mit dem Feuer. Und es ist mir egal, dass ich in einer Pfütze Benzin stehe, denn das Züngeln der roten Flammen, der beißende Rauch, das bedrohliche Knistern, die glühende Hitze, all das fasziniert mich viel zu sehr. Außerdem habe ich ein Glas Wasser neben mir stehen. Das wird das Inferno schon bändigen, sollte es nötig sein. Sollte ich es für nötig befinden.

Ausbaufähig

°Triggerwarnung°

Rosa und ich betrachten argwöhnisch die Zahlen auf der Waage – die wir natürlich entgegen der Klinikempfehlung jeden Morgen und nicht nur lächerliche zwei Mal die Woche betreten – und in der KalorienApp. Immerhin stehen nämlich auf ersterer eine doch nicht unerheblich höhere Zahl und in letzterer auch ~300 kcal mehr pro Tag als noch vor einem halben Jahr. Da haben sich die 5 1/2 Monate doch gelohnt.
Ich beruhige Rosa damit, dass Körper noch vor 9 Tagen schon deutlich mehr Brennwert nur aus dem immer gleichen Frühstück und Abendbrot ziehen konnte, ohne dass ich das Mittagessen mitgerechnet habe und das Defizit sich somit knapp um die Vierstelligkeit herum bewegen dürfte.
Apropos Bewegung, wirft Rosa ein. 3 Mal die Woche Sport. Dein Ernst?! Nein, eigentlich nicht. Trotzdem müssen ausgedehnte Spaziergänge an den restlichen vier Tagen erst einmal reichen. Rosa grummelt. Ich auch. Und Körper – aber nur an den Sporttagen. Und an denen, wenn wir ihn spazieren schleifen. Versteh ich garnicht.
Rosa und der Parasit haben derweil ihre Unstimmigkeiten zumindest vertagt. Mein Beitrag dazu ist wohl nicht unerheb-, aber unbeschreiblich – selbt hier. Austoben dürfen sich beide ein bisschen – Rosa etwas mehr, aber das verraten wir dem Parasiten nicht -, schließlich soll ja der neue Hausarzt auch noch was zu tun haben, wenn wir nächste Woche – dann auch mal wieder mit so richtiger ärztlicher Legitimation, dafür dann in eher nicht nennenswerter Mengen – Blut abgeben müssen für ein weiteres Labor.

Kulturschock

°Triggerwarnung°

Die Luft knistert und vibriert vor Spannung, ich kann kaum atmen und nicht denken. Rosa und der Parasit streiten, wer den Fluchtwagen fahren darf. Ich sitze teilnahmslos dazwischen, weil sie eh nicht auf mich hören und konzentriere mich darauf, nicht zu ersticken, auch wenn es am Ende sowieso auf das gleiche Ergebnis rausläuft.
Das hübsche Trugbild, was ich derweil durch die Welt trage, ist anstrengend und fühlt sich falsch an.
Ich halte die Luft an. Mir wird schwindlig.

PNR

Ich sitze im Wald auf einem umgefallenen Baum und denke an Dinge, die viele ver- und manche zerstören würde. Vogelgezwitscher dringt zwischen den Liedern in mein Bewusstsein und erinnert mich daran, dass es etwas außerhalb meines Kopfes gibt. Dennoch ich habe ich das Gefühl, weder hierher, noch irgendwohin zu gehören. Zu viel Raum einzunehmen in einer Welt, die nicht für mich gemacht ist – und ich nicht für sie.
Unsere Oberflächen interagieren, aber nichts berührt mich wirklich. Ich höre und lese die Bekundungen, wie stolz alle auf mich sind, wieviel ich erreicht hätte, wie stark ich sei und ziehe es vor, nur heimlich und in aller Stille zusammenzubrechen. In meinem Kopf Szenarien durchzuspielen und mich an die winzigen Momente zu halten, in denen es aushaltbar scheint.

Nyx


Nach einem längeren und einem kürzeren Spaziergang in der frühsommerwarmen Sonne, einem weiteren einschneidenden Erlebnis und einer heißen Dusche sitze ich mit einer Wärmflasche unter meiner Wolljacke in meinem Zimmer. Frierend. Was bestimmt nicht an Körper liegt, der ja schon eine Weile fett wiederhergestellt ist und in Kürze wohl zum zweiten Mal nach langer Zeit wieder menstruieren dürfte. Wobei, eigentlich liegt es doch an Körper, auch wenn er nun wirklich nichts dafür kann. Schließlich hat er nur das getan, was Körper halt so tun, wenn sie verletzt werden. Wiederholt verletzt. Ich bin also selber schuld, wenn ich frierend, dyspnoisch und irgendwie umnebelt versuche, den 13² Tagen, die ich dann am Ende doch in der Klinik verbracht habe, eine Bilanz abzuringen. Irgendwie scheitere ich aber bereits an der Zeitspanne, deren Dauer nur langsam in mein Bewusstsein sickert, wenn ich mir die verschiedenen Punkte am Horizont ansehe, zu denen im November und heute die Sonne aufgeht.
Ich glaube, ich habe vieles gelernt und verstanden. Ich weiß nur nicht, ob ich mich für oder doch viel eher gegen die als therapeutisch sinnvoll erachtete Umsetzung entscheide, wenn ich an die minutiös erarbeitete Funktion von Rosa, die sie mir ins Ohr zu flüstern niemals aufgegeben hat, entscheide.*

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* oh, ich will wollen, dass es besser wird. dass ich mich für die Umsetzung entscheide. wirklich. aber ich bin ambivalent. und werde das konzept wohl etwas anpassen. so dass es am ende ein bemühtes vielleicht wird.

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(Bildquelle: Wikipedia)