Bildungsfern

Konzentration. Ein Fremdwort. Bingewatching und gleichzeitig peripherer Handyexzess. Ich staple die unnützen Informationen in eine Ecke, nur damit ich stapeln kann und nicht denken muss. Oder fühlen. Gut, dass sich letzteres sowieso wie verlernt anfühlt. Ersteres auch. Ersteres aber nicht verlernt, sondern unmöglich, dank Dauerbeschäftigung mit Rosa, Sport, Essen, Nichtessen, Hungerhaben – und dank jeglichem Mangel an anderweitigen Interessen. Wäre zu anstrengend, außerdem.

Drei Wochen Urlaub. Tag 1.

Lippenbekenntnisse

„Am Samstag müsst ihr dann Hungern, weil wir da gibt’s dann ja abends was! “ sagt mein Papa und spielt damit auf den geplanten Restaurantbesuch an, und während Rosa verwirrt schaut, weil sie das eh für selbstverständlich hält, klärt sich für mich in dem Moment die Frage, ob mein Papa auch nur ahnt, dass Rosa auch mitkommt. Wohl eher nicht.

Rosa und ich haben eine Horror-Woche vor uns. Oder stecken schon mittendrin. Gestern Essengehen mit Freunden. Morgen und übermorgen eine berufliche Veranstaltung im Hotel, mit Übernachtung. Freitag bis Montag Besuch bei meiner Familie, die grundsätzlich alle Treffen mit irgendeiner Form von Essen konnotiert. Meine Mama schickt mir seit zwei Tagen Rezeptvorschläge für Sonntag, bei denen Rosa mich nur entgeistert anschaut und ich hilflos mit den Schultern zucke. Das Restaurant, in das wir mit meinem Papa gehen, hat keine Speisekarte online. Sport wird außerdem schwierig in der Woche. Vielleicht schaffe ich nur zwei Mal. Nicht gut.
Und in der Woche drauf Termin bei Frau Ernährungsberaterin. Jäi.

Rosa und ich müssen uns also irgendwie durchwinden. Wenig Kalorien unter ausreichend Essen tarnen, vor der Familie auch noch erzählen, wie toll es wäre, wenn die Essstörung bald Geschichte wäre, während ich Rosa dabei sanft an mich drücke und ihr heimlich versichere, dass das alles nur Lügen sind. Ehrlich. Ich will das alles so, wie es gerade ist. Genau. So. Ich will zerbrechlich sein, und kontrolliert und einsam und schwach und und leicht und besonders, und will es genießen, meinen Körper immer weiter zu treiben. Ich weiß, dass ich es nicht sollte. Aber die Person zu sein, die man sein sollte, daran scheitert jeder. Also bin ich, was ich sein will. Auch, wenn es dumm ist.

Irrlicht

Ich habe schon die Klinke in der Hand, als mein Chef mit einem bekannten „Ach…“ noch einen Nachsatz beginnt, der den Eindruck eines plötzlichen Einfalls einer nicht ganz so wichtigen Sache vermitteln soll, aber das genaue Gegenteil bedeutet. „Du hast ja so abgenommen… Bei den Kollegen geht rum, dass du bestimmt etwas hast. Auch nach der Geschichte letztes Jahr.“ Er meint meinen Klinik-Aufenthalt – der kein Geheimnis ist, aber dennoch von vielen wie eines behandelt wird.
Rosa steht plötzlich neben mir und sonnt sich im zweifelhaften Glanz seiner Bemerkung. Das ganze Jahresgespräch über hat sie eigentlich eher desinteressiert irgendwo in einer Ecke ganz hinten in meinem Kopf verbracht und nur aufgepasst, dass ich weder die Salzstangen noch das extra vegane Weingummi anrühre. Hat das erstaunlich viele Lob mir überlassen, aber jetzt fühlt sie sich wohl doch angesprochen. Ich versuche, möglichst schnell und unauffällig meine Gesichtszüge wieder einzusammeln und zu etwas zusammenzusetzen, das wie mein Gesicht aussieht. „Ja“, sagt er, „Gerüchte halt, dass du krank wärst. Ich sehe das ja nicht so und weiß ja, dass du nicht krank bist. Das kommt ja bestimmt vom Stress und so…?“
Rosa fällt die Kinnlade runter, weil sie derart ignoriert und für eine banale körperliche Krankheit gehalten wird, und sieht mich herausfordernd an. Ich gestikuliere mit ihr, um ihr begreiflich zu machen, dass gerade ein echt doofer Zeitpunkt wäre um zu sagen, ach übrigens, ich hab ne Essstörung. Ist neu – schick, gell! Sie findet das blöd.
Ich rede – winde – mich irgendwie raus. Halb zustimmend, halb nicht, schaffe ich es, mit einem schiefen Grinsen und einer schulterzuckenden Bemerkung, gegen solche Gerüchte könne man eh nichts machen, das Büro zu verlassen. Rosa schwebt schwer neben mir her und ist froh, dass wir nachmittags zusammen zum Sport gehen. Wir sind uns einig, dass der Zeitpunkt zum Umfallen jetzt eigentlich ganz recht wär, aber da spielt Körper nicht mit, weil er schließlich auch ins Studio will.

Leicht

Es geht mir scheiße die letzten zwei Tage. Gut, länger eigentlich, aber gestern und heute so richtig. Kein Wunder, halte ich meinen Körper weiterhin im Mangel und zwinge ihm Abbauprozesse auf, die er nicht will. Zusätzlich zum Sport natürlich, der mir jeden Tag schwerer fällt.

Es ist mehr als grenzwertig. Aber ich kenne meinen Körper. Er wird durchhalten, weil er muss. Zwei Wochen noch, so rede ich mir ein, dann geht vielleicht wieder mehr. Mehr Essen, mehr Kalorien. Wenn ich bei meiner Familie vorbeigeschwebt bin,mir das mir zustehende Mitleid und die Sorgen abgeholt habe. Ein Hoch auf die Opferrolle.

Verdunkelung

Minuten. Stunden. Tage. Ganze Wochen und Monate, die in der Bedeutungslosigkeit versickern. Sich nicht erinnern lassen, weil es nichts zu erinnern gibt, außer Gleichförmigkeit und einem diffusen Gefühl von zerronnener Zeit, die um mich herumzufließen, mich aber nicht zu berühren scheint.
Abstrakte Konstrukte von Körper und Funktion werden mir kommuniziert, schließen sich aber der Zeit an. Funktion funktioniert, Körper funktioniert. Das noch wird ignoriert, dem Fluss bedauernd wie gleichgültig zugeschaut. Da ist nichts.

Aufgabe

Sie wirkt wie ein zugleich bockiges und ängstliche Kind, als ich Rosa* an der Hand hinter mir her ziehe. Sie schlurft mit einer an Resignation grenzenden Gleichgültigkeit dahin, weil sie mit mir zu Frau Ernährungsberaterin muss, aber nicht will.
Ich will auch nicht, aber das sage ich ihr nicht.

Ich nehme Platz, Rosa bleibt natürlich lieber stehen. Als gleich ganz zu Anfang Worte fallen wie „sehr deutliches Untergewicht“ und „Sie könnten umkippen“, findet Rosa das ganz hervorragend und strahlt selig. Ich funkele sie möglichst finster an, aber das ignoriert sie entweder, oder sie durchschaut mich längst. Stattdessen setzt sie sich kurzerhand zufrieden auf meinen Schoß. Ich nutze die Chance und halte sie fest, aber sie fängt sofort zu strampeln und zu quengeln an. Ich halte ihr den Mund zu. Rede mit Frau Ernährungsberaterin über mögliche (Wochen-)Ziele und dass weniger Sport eines davon sein könnte. Rosa beißt mir in die Hand und schüttelt so heftig den Kopf, dass mir schwindelig wird. Ich kann ihr vor Frau Ernährungsberaterin schlecht zustimmen, auch wenn ich das bei der Absurdität dieses Zieles gerne würde, als halte ich sie weiter fest und tue so überzeugt, wie ich es nur irgendwie zustande bringe.

Weil sie zu strampeln aufhört, lasse ich Rosa los. Das nutzt sie, um mir nun all ihre Befürchtungen in Endlosschleife ins Ohr zu flüstern, so dass ich den Ausführungen von Frau Ernährungsberaterin kaum noch folgen kann. Sie sind mir auch ziemlich egal, weil Rosa mit den meisten allen Dingen Recht hat. Nicht nur, dass ich Fett werde, sondern auch plötzlich Zeit hätte, über Dinge nachzudenken, über die ich nicht nachdenken will, oder noch schlimmer, etwas zu fühlen, was nicht gefühlt werden sollte. Als ich einen Teil davon laut äußere, tritt sie mir zu Recht vors Schienbein. Dummes Ich.

Am Ende halten Rosa und ich uns gegenseitig fest und ich hoffe, eine halbwegs überzeugende Darbietung meiner geheuchelten Motivation abgeliefert zu haben. Den nächsten Termin vereinbare ich so spät wie möglich und habe jetzt schon keine Lust darauf.

Ich weiß nicht, wer wen stützt, als wir die Praxis verlassen und uns heimwärts schleppen, ausgelaugt von so viel Inszenierung und innerem Widerstand. Ich habe schon fast wieder vergessen, was ich alles tun soll, aber nicht tun will.
Ich weiß nur, dass ich Rosa meiner Mama vorstellen muss, wenn wir uns nach über einem halben Jahr in wenigen Wochen wiedersehen. Und bis dahin sind unsere Wochenziele das, was zählt.

*so werde ich die Essstörung künftig nennen, habe ich beschlossen