Irrlicht

Ich habe schon die Klinke in der Hand, als mein Chef mit einem bekannten „Ach…“ noch einen Nachsatz beginnt, der den Eindruck eines plötzlichen Einfalls einer nicht ganz so wichtigen Sache vermitteln soll, aber das genaue Gegenteil bedeutet. „Du hast ja so abgenommen… Bei den Kollegen geht rum, dass du bestimmt etwas hast. Auch nach der Geschichte letztes Jahr.“ Er meint meinen Klinik-Aufenthalt – der kein Geheimnis ist, aber dennoch von vielen wie eines behandelt wird.
Rosa steht plötzlich neben mir und sonnt sich im zweifelhaften Glanz seiner Bemerkung. Das ganze Jahresgespräch über hat sie eigentlich eher desinteressiert irgendwo in einer Ecke ganz hinten in meinem Kopf verbracht und nur aufgepasst, dass ich weder die Salzstangen noch das extra vegane Weingummi anrühre. Hat das erstaunlich viele Lob mir überlassen, aber jetzt fühlt sie sich wohl doch angesprochen. Ich versuche, möglichst schnell und unauffällig meine Gesichtszüge wieder einzusammeln und zu etwas zusammenzusetzen, das wie mein Gesicht aussieht. „Ja“, sagt er, „Gerüchte halt, dass du krank wärst. Ich sehe das ja nicht so und weiß ja, dass du nicht krank bist. Das kommt ja bestimmt vom Stress und so…?“
Rosa fällt die Kinnlade runter, weil sie derart ignoriert und für eine banale körperliche Krankheit gehalten wird, und sieht mich herausfordernd an. Ich gestikuliere mit ihr, um ihr begreiflich zu machen, dass gerade ein echt doofer Zeitpunkt wäre um zu sagen, ach übrigens, ich hab ne Essstörung. Ist neu – schick, gell! Sie findet das blöd.
Ich rede – winde – mich irgendwie raus. Halb zustimmend, halb nicht, schaffe ich es, mit einem schiefen Grinsen und einer schulterzuckenden Bemerkung, gegen solche Gerüchte könne man eh nichts machen, das Büro zu verlassen. Rosa schwebt schwer neben mir her und ist froh, dass wir nachmittags zusammen zum Sport gehen. Wir sind uns einig, dass der Zeitpunkt zum Umfallen jetzt eigentlich ganz recht wär, aber da spielt Körper nicht mit, weil er schließlich auch ins Studio will.

1 Kommentar zu „Irrlicht“

  1. Dein gesundheitlicher Status geht deinen Arbeitgeber nichts an, finde ich. Vielleicht fühlte er sich dazu verpflichtet, nachzufragen, du musst ihm aber nichts sagen.

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