Dis-tanz in Worten

Schwarz möchte ganz dringend ein paar Gedanken und Gefühle festgehalten wissen. (Rot auch, und erstaunlicherweise bittet sie ganz lieb darum). Für die Klinik, für die Therapie(n). Noch viel mehr, seit beide gestern in der Katamnese mit meiner ehemaligen Therapeutin vollkommen übergangen wurden von Jemandem, der, wie mir erst vor kurzem bewusst wurde, generell die Therapiestunden für sich beansprucht (hat).
Jemand, der mit erschreckender Distanz zu sämtlichen Gefühlen und Gedanken von SchwarzRot das Ding rockt. Vorzeige-Patient. Der das GefallenWollen so geschickt hinter dem selbstverständlichundhochmotiviertGesundwerdenwollen versteckt, dass es nicht einmal den Therapeuten auffällt. So reflektiert, dass er genau das zurückwirft, was erwartet wird. Und zu solch ignoranter Selbstanalyse fähig, dass SchwarzRot mit allen Gedanken und Gefühlen im Wortsinn aufgelöst werden, und nur der Schatten einer Erinnerung überhaupt Erwähnung findet.
Nach seinem Auftritt lügt Jemand mir mitunter noch tagelang ins Gesicht, während SchwarzRot nur langsam zur alten Form zurückfinden. Und wenn sie zurück sind und nach Gehör verlangen, ist niemand da, der zuhört. Denn, wenn jemand da wäre, wäre Jemand da.

Nie genug

°Triggerwahrnung°

Meine Mama schreibt.

Hast du schon was von der Klinik gehört?
Nein.
Aber deinen Chef kannst du doch am Montag dann trotzdem vorbereiten, dass das kommt.
Das mag ich erst machen, wenn ich was genaues weiß. Nicht dass die sagen, ich passe nicht ins Konzept, bin nicht krank genug oder hab die falsche Nase…
Ja stimmt.
Und sie wechselt das Thema.

Ich weiß nicht, warum ich es immer wieder versuche. Bestätigung von ihr zu bekommen, dass sie mich versteht, mich ernstnimmt. Mich aufbaut, mir Mut macht und relativiert, was ich schreibe. Schwarz stürzt sich natürlich darauf. Ich bin nicht krank genug!
Seit sie mir das schrieb, will ich mich betrinken und schneiden. Tief. Und ihr Bilder davon schicken und sie anschreien, ob es jetzt vielleicht ausreicht? Ob ich jetzt krank genug bin? Rot hat sich mit Schwarz zusammengetan und beide überfluten mich mit unendlich viel Wut, die nirgends hin kann. In meinem Kopf schmeiße ich sämtliches Geschirr an die Wand und brüllte, bis ich heiser bin. Kopfweh und Schwindel melden sich.
Ich antworte. Auf den Themenwechsel.

Offline

Die emotionale Verbindung zu meinem Leben ist seit Sonntag unterbrochen. Ich hätte sie zwar vorher schon als nicht nennenswert bezeichnet, aber jetzt ist sie ganz weg. Verschwunden.
Ich gehe arbeiten, führe wichtige Gespräche, auf die ich teilweise sogar körperlich reagiere, aber es passiert nichts in mir. Mein Kopf ist woanders, ich rede mich um Kopf und Kragen, beobachte mich selbst und fühle nichts. Grau und Schwarz haben die Führung übernommen, und selbst wenn Rot versucht, dazwischenzufunken, ist es nicht mehr als ein Windhauch. Ich funktioniere ganz hervorragend und schaffe viel in der Arbeit, und dennoch scheint jede Anstrengung zu viel, das Bett schon beim Heimkommen so verlockend.
Und wenn dann Grün und Orange plötzlich, auch aufgrund eines dieser geführten Gespräche, anfangen, Hand in Hand wie Flummis auf und ab zu hüpfen und Pläne zu schmieden und Ideen zu haben, ignorieren sie dabei, dass sie von GrauSchwarz in einen viel zu kleinen Käfig gesperrt wurden und nichts bewirken, außer mich nervös zu machen und am Ende Kopfweh zu haben.

Es herrscht gähnende Leere, nicht mal ein Echo kommt zurück. Es ist alles so egal, so entfernt. Und mir ist egal, dass es egal ist – ich sehe keinerlei Notwendigkeit, etwas daran zu ändern.

Chaos

°Triggerwahrnung°

Rot ist immernoch präsent. Immernoch wütend. Immernoch auf der Suche nach einem Grund, auszurasten.
Ich habe alle Hände voll zu tun, ihr nicht das Steuer zu überlassen. Sie zu beschwichtigen und davon zu überzeugen, dass es nicht sinnvoll ist, die Adern, die sich heute beim Sport so schön an meinen Unterarmen abzeichneten (und die mir zeigen, was Rot mit meinem Körper macht, weil sie das sonst nicht so stark tun), aufzuschneiden und ihnen beim Bluten zuzusehen.

Ich habe das Gefühl, massiv abzurutschen. Die Nacht war kurz und scheiße, und es brauchte zwei Stunden, mich davon zu überzeugen, doch mal aufzustehen. Schwarz ist auch da, und möchte heulen und sich verkriechen.

Ich muss daran denken, dass ich am Mittwoch zum ersten Mal bei einer Depressions-Selbsthilfegruppe war (ich denke, ich werde wieder hingehen) und ein kurzes, aber interessantes Gespräch über meine auslaufende Verhaltenstherapie, die längere, aber doch abgebrochene tiefenpsychologische Therapie, reine Symptombehandlung und tieferes Verständnis innerer Vorgänge hatte.
Mir fehlt gerade jegliche Geduld, mehr von meinen Gedanken dazu zu schreiben (vielleicht ein andernmal). Aber ich erlebe gerade, dass Symptombehandlung zwar sinnvoll ist, damit Rot vorerst nicht zur Klinge greift und Schwarz sich nicht verkriecht, sondern zumindest 10 Minuten Sonne und frische Luft abbekommt, aber das Grundproblem nicht löst, weil ich es nichtmal verstanden habe.

Ich sehe Schemen und meine, ein Muster zu erkennen, aber sicher bin ich mir nicht. Schwarz habe ich seit Wochen eher klein gehalten, ihr Ruhe- und Rückzugsbedürfnis mit zu vielen und zu dicht aufeinanderfolgenden Terminen ignoriert, genau wie die täglichen Gedanken an SV und Alkohol – auch wenn ich letzterem zu oft aber mit zu geringen Mengen nachgebe und nicht nur daran denke. Also kommt jetzt Rot daher, weil sie Schwarz beschützen will und mit ihrer lauten Art eher die Aufmerksamkeit bekommt, die sie haben will.

In meinem Inneren ist gerade so viel los, dass ich mich garnicht näher und tiefergehend damit beschäftigen kann. Mein Plan für heute ist, mich abzulenken und lauter Zeug online anzuschauen, um nicht mit Rot zu streiten, ob sie sich schneiden darf, weil ich weiß, wer am Ende verlieren wird.
Ich habe keine Ahnung, ob ich morgen arbeitsfähig sein will werde, aber auch damit kann ich mich nicht beschäftigen. Irgendetwas kippt in meinem Inneren, und es fühlt sich gefährlich an.

Wut

Plötzlich ist sie da. Plötzlich ist Rot da.
Wir kommen heim, Schatz will noch nach draussen gehen, Nachthimmel aufnehmen. Wir essen noch eine halbe Pomelo zusammen, er geht nebenbei die Sternkarte am Handy durch. Steht auf, weil er etwas vergessen hat, kommt wieder zurück, ich verteile weiter Pomelo, aber er isst so langsam, dass ich auf seiner freien Hand stapeln muss.
Als wir aufgegessen haben und ich mit gewaschenen Händen zurück zum Sofa komme, darauf wartend, dass er endlich rausgeht, sitzt er immernoch da und schaut aufs Handy. Krault die Mieze. Gibt mir mehr Decke, als ich haben will, und GEHT EINFACH NICHT.
Ich weiß nicht, warum es mich wütend macht. Rasend. In Gedanken brülle ich ihn an, er soll mich endlich in Ruhe lassen und rausgehen. Ich sage zu ihm, dass es umso kälter draussen wird, je länger er wartet.
Er spürt, dass etwas nicht stimmt, fragt nach. Ich halte mich tapfer, lasse mir nichts anmerken, und endlich steht er auf. Nur, um in der Küche zu hantieren, und ich möchte meine Tasse nach ihm werfen.
Schließlich geht er runter, und ich atme innerlich auf. Zwei Minuten später höre ich Schritte auf der Treppe – “…nur noch eben schnell…“ höre ich, und bin erleichtert, dass er es sich nicht anders überlegt hat und wieder runtergeht.

Ich will gar nichts tun, wobei er mich stören würde. Und trotzdem hätte ich ihn erwürgen können. Ich verstehe mich nicht, verstehe nicht, was Rot hier plötzlich zu suchen hat. Was sie will, warum sie so verdammt wütend ist. Aber sie tobt. Schreit herum, wirft Sachen. Brüllt, so laut sie kann.

Bunt ohne hell ist auch nur grau

Grün schaukelt mit trüben Augen auf der Stange in ihrem winzigen Käfig, in dem sie seit einiger Zeit sitzt. Irgendwer hat ihn abgeschlossen, aber es kümmert sie nicht. Sie schaukelt. Vor. Zurück. Vor. Zurück.
Gelb und Orange teilen sich einen kleinen Stuhl in der Ecke. Manchmal, wenn sie gebraucht werden, steht einer von ihnen lustlos auf und versucht, seinen Job zu machen. Egal, wie viel oder wenig Energie sie investieren, es scheint immer zu wenig und ist immer mehr, als eigentlich zur Verfügung steht. Beide sind froh, sobald sie wieder zurück und sich ausruhen dürfen, so schwer das auf dem unbquemen, harten Stuhl auch fällt.
Schwarz liegt am Boden. Dort liegt sie schon eine ganze Weile, und beobachtet die Staubflusen, die sich dort sammeln. Nicht, weil es sie interessieren würde, sondern weil ihre Augen ab und zu offen sind, und es halt staubt.
Rot liegt daneben. Dann und wann fällt ihr wieder ein, dass die Katastrophe noch nicht vorbei ist und Wut ein angemessenes Gefühl wäre. Dann setzt sie sich auf und schreit aus Leibeskräften, nur um festzstellen, dass diese nicht nur sehr begrenzt sind, sondern auch niemand zuhört. So wendet auch sie sich wieder den Flusen zu und passt auf, dass Schwarz sie nicht einatmet.
Grau spielt notgedrungen den einzigen Gedankenfilter. Verschluckt die Hälfte, nur um sie zu einem anderen Zeitpunkt zerhackt wieder auszuspucken. In den Rest macht er immer wieder Knoten und Schlaufen, Gefühle behält er gleich ganz für sich und lässt keines auch nur in die Nähe von mir.