Vertrauensfrage

Ich suche mir einen neuen Hausarzt. Ich habe das lange vor mir hergeschoben, aber für den jetzigen Urlaub habe ich es mir vorgenommen. Nach allem, was mir dort an den Kopf geworfen wurde, mag ich einfach nicht mehr dort hin.

Heutemorgen.
Traumhaftes Wetter, also gehe ich zu Fuß ins Dorf, wo ich einen Friseur-Termin habe. Meine noch-Hausarztpraxis ist gleich nebenan, also gehe ich vorher dort vorbei und bitte um eine Kopie meiner Patientenakte. Die Sprechstundenhilfe blafft mich in bekannter Manier an, ob ich vorher angerufen habe und dass das jetzt am Vormittag mal gar nicht ginge, weil Montag, und was ich denn eigentlich genau wolle und wofür? Ich wiederhole freundlich, aber bestimmt, was ich möchte, dass ich die nicht sofort brauche und gerne nach meinem Friseur-Termin nochmal vorbeischaue, wenn sie Gelegenheit hatte, mit einem der Ärzte zu sprechen. Ich rechne damit, dass ich morgen wiederkommen soll, und mit weiteren blöden Bemerkungen.
Als ich nach einer 3/4 Stunde zurückkomme, erhalte ich wider Erwarten tatsächlich meine fertige Kopie (gar nicht so billig…) und spaziere durch die Wintersonne wieder Heim.

Vorm Öffnen des Umschlags habe ich Schiss. Also gehe ich erstmal die frisch frisierte Frisur zerduschen, stelle eine Maschine Wäsche an, fülle die Miezen, putze das Duschregal. Dann traue ich mich.
Neben viel Kauderwelsch kann ich auch einiges rauslesen und fühle mich darin bestätigt, dass ich mir eine neue Praxis suchen sollte. Immerhin, nach dem gewünschten Telefonat des noch-Hausarztes mit meiner inzwischen-nicht-mehr-Therapeutin ist die Borderline-Diagnose rausgeflogen.

Die neue Praxis, die ich mir im Nachbarort rausgesucht habe, schließt gerade, als ich die Telefonnummer im Netz suche, aber *TrommelwirbelweilLandarzt* sie haben eine Homepage und eine Mailadresse, also schreibe ich hin. Schon eine halbe Stunde später habe ich eine sehr nette Rückmeldung, so dass ich heuteabend, wenn sie wieder Sprechstunde haben, anrufen und einen Termin machen werde.

Nun ist die Frage, möchte ich zu Frau Dr. Schulmedizin oder Herr Dr. Ganzheitlich? Das finde ich gar nicht so leicht zu beantworten. Ich hätte lieber einen Arzt, ohne dass ich sagen könnte, woher die Präferenz für einen Mann kommt – auch für die Therapie(n) hätte ich eigentlich lieber Männer gehabt. Aber an Homöopathie glaube ich etwa so sehr wie an den Mondkalender, nämlich garnicht. Also doch Frau Dr. Schulmedizin? Mal schauen. Schatz fragen, wenn er von der Arbeit zurück ist.

Außerdem mag ich diese Stelle für ein Schulterklopfen in eigener Sache nutzen. Weil ich die Sonne und den Spaziergang genossen habe, beim Doc war, mich von der Sprechstundenhilfe nicht habe verunsichern lassen, Wäsche wasche, das Regal saubergemacht, die Kaffeemaschine entkalkt, gelüftet, beim Tierarzt angerufen und die Mail geschrieben habe. Und was gegessen habe ich auch.

Heute ist ein guter Tag.

51 – Selbst.Bewusstsein.

Ihr Selbstbewusstsein. Ein fragiles Gebilde, eine feine Zeichnung auf noch feinerem Papier. Mühsam dort festgehalten, hatte sie es über die Jahre immer bei sich getragen. Die Zeit und die Beanspruchung waren es, die das Papier hatten durchscheinend und zerknittert werden lassen.

Seit über einem Jahr war sie dabei, es zu glätten und zu konservieren. Sie hatte sogar eine Möglichkeit gefunden, das Papier Stück für Stück zu unterlegen, um es wieder stärker zu machen, und die Zeichnung immer wieder mit Stiften nachgezogen. Es war weder einfach, noch schnell gegangen, aber jetzt merkte sie, wie wichtig all ihr Tun in den vergangenen Monaten gewesen war.

Auch wenn sich zwei der Menschen, von denen sie sich Hilfe und Unterstützung in der schwierigen Situation hatte holen wollen, ihr das Blatt aus den Händen rissen, mit ihren eigenen Stift wilde Spekulationen und Anschuldigungen darauf schrieben, und es vor ihren Augen so fest zerknüllten, dass sie meinte, es krümeln zu sehen, hatte sie den Mut, sich dagegen zu wehren und das Blatt wieder an sich zu nehmen. Sie hatte es heraus getragen, langsam wieder entfaltet und die fremden Bemerkungen entfernt. Zwar konnte man sie noch erahnen, aber sie wusste, dass sie verschwinden würden. Und sie würde diese Stellen noch einmal besonders sorgfältig überkleben, daran wachsen und versuchen, stolz auf sich zu sein.

Sie weigerte sich, dieses feine Gebilde, welches so wichtig für sie war, von anderen zerstören zu lassen. Ein kleiner, aber so wichtiger Schritt, der sie selbst erstaunte. Ein erstes Mal. Ein erstes Mal seit viel zu langer Zeit.

45 – Blown

Gestern nachmittag, als ich nach Hause kam, lag ein Brief von meiner Hausärztlichen Gemeinschaftspraxis in der Post. Eine Rechnung, wie sich herausstellte, vom neuen, dritten im Bunde, der eine orthopädische Leistung privat abgerechnet hatte. Soweit, so gut.

Jedenfalls stehen auf dieser Rechnung auch alle dort gestellten Diagnosen, die über eine Grippe hinausgehen. Viele sind das nicht, aber trotzdem hat mich irgendetwas daran aus der Bahn geworfen. Seit ich sie gelesen habe, habe ich Magenschmerzen, mir ist übel und ich habe leichte Atemschwierigkeiten. Ein Hoch auf die Psychosomatik. Weiterlesen