52 – Stärke und andere Paradoxa

Die Situation, in der mein Mann und ich uns befinden, ist extrem. Belastend, anhaltend und sehr fremdgesteuert. Und trotz, oder vielleicht auch gerade wegen der widrigen Umstände, entwickle ich gerade eine Stärke, die mich selbst verblüfft.

Plötzlich ist mein “ich kann nicht“ zwangsweise einem “ich muss“ gewichen. Ja, ich hatte in den letzten Wochen einige Zusammenbrüche. Aber ich verstehe sie, ich erkenne sie an. Jeden anderen hätte es wohl ähnlich zerbröselt. Aber ich stehe. Ich bin nicht zerbrochen, liege nicht am Boden. Ich bin verletzt, geschockt, verwirrt und belastet. Aber aufrecht. Meine Therapeutin ist stolz auf mich. Schatz ist stolz auf mich. Und langsam glaube ich ihnen, und fühle selbst so etwas wie ein klitzekleines bisschen Stolz.

Ja, es wäre in gewisser Weise verlockend, sich heulend und wimmernd in die Arme eines anderen zu begeben. Die Verantwortung abzugeben und von anderen das (er-)tragen zu lassen, was so schwer auf Schatz und mir liegt. Um so erstaunter bin ich, dass ich es nicht tue. Und ich glaube, dass mich diese Katastrophe, die gerade unser Leben bestimmt, enorm voran bringen kann. Hin zu einem stabileren, selbstfürsorgenderen Leben, das ich wieder genießen kann.

Es ist keine überschwängliche Stärke, es liegt keine Arroganz darin, sondern sie lässt auch zu, dass ich “schwach“ sein darf. Dass ich sagen darf, “das ist mir jetzt zu viel“, oder “hier brauche ich Unterstützung“. Dass ich auf mich achten und mir gutes tun darf. Ich hoffe, dass sie beständig und übertragbar ist. Übertragbar auf meine Arbeit, weil ich nach 2 1/2 Wochen Krankschreibung merke, dass ich trotzdem nicht voll belastbar bin (…wie auch?) und nicht in die selbe Routine fallen darf, wie vor der Katastrophe, wenn ich dauerhaft stabil bleiben möchte.

***

Es gibt eine Diagnose in meiner Patientenakte bei meinem Hausarzt, die mich schon immer etwas gestört hat. Weil sie vor etwas über 4 Jahren von einer Psychiaterin gestellt wurde, die mich genau einmal gesehen hat. Und weil sie falsch ist. Mein ehemaliger Hausarzt, der durch meinen Wechsel innerhalb der Gemeinschaftspraxis mit insg. 3 Ärzten nun die Vertretung meines HA ist, schickte mich damals dort hin, als ich Hilfe und eine Therapiemöglichkeit suchte. Ich füllte zig Fragebögen aus, wartete eine Stunde oder zwei, beantwortete Fragen (u.a., und die ist mir bis heute wortwörtlich im Gedächtnis geblieben, ob meine Selbstverletzung eher ein Zwang oder ein Impuls sei und ich mich für “Impuls“ entschied) und hatte anschließend die Diagnose “Borderline“ und “Impulskontrollstörung“ nicht nur auf meiner Stirn, sondern auch in ihrem Arztbrief an meine HA-Praxis stehen.

Als ich in den letzten Tagen aufgrund der belastenden Situation nicht schlafen konnte (und es meinem Mann ohne psychische Vorgeschichte genauso ging), bat ich also nicht nur um eine Krankmeldung, sondern auch um Schlaftabletten. Ich bekam sie. Aber sie waren “teurer“, als ich mir je hätte vorstellen können. Plötzlich wurde mir nicht nur (wegen Urlaub) von der Vertretung, sondern bei einem weiteren Besuch aufgrund massiver Nebenwirkungen des ersten Schlafmittels, von der Vertretung der Vertretung ein höchst anmaßender und anschuldigender Vortrag gehalten. Ich ging aufrecht (wenn auch müde) in die Praxis rein, und kam als zitterndes Häufchen Elend heraus.

Ja, ich bin vor 2 Wochen zusammengeklappt und habe mich verletzt. Und daraus schließen beide Vertretungsärzte in ihren nicht weniger als 15 Minuten dauernden Vorträgen, dass ich mein Problem (nämlich Borderline – was ich auch nach Schilderung des Ganzen bei meiner Therapeutin nicht habe, sondern eben eine Depression) offensichtlich weder erkannt noch in den letzten Jahren daran gearbeitet habe. Dass ich nun Tabletten nehmen will, statt mich damit auseinanderzusetzen, und keinen ärztlichen Rat annehme. Dass ich mich auf meiner Therapie ausruhe und die Therapeutin demnach nichts taugt. Und dass mir einfach mal der Spiegel vorgehalten werden muss, auch wenn ich es nicht hören will.

Das saß.

Ich weiß noch nicht, ob ich mit meinem HA darüber rede, wenn er wieder aus dem Urlaub zurück ist, oder gleich die Praxis wechsle. Auf jeden Fall möchte ich meine Patientenakte einsehen. Und meine Therapeutin vielleicht bitten, einen eigenen Bericht an die Praxis zu senden. Im Nachhinein bin ich froh, so stabil zu sein, dass es mich nur einen heftigen Heulkrampf daheim gekostet hat – das hätte auch anders ausgehen können.

Früher wünschte ich mir eine Diagnose. Irgendeine, damit ich Orientierung habe. Jetzt merke ich, was eine falsche Diagnose kaputt machen kann. Wenn sie dazu dient, jemanden als faul und nicht therapiewillig einzustufen, ihm nicht mehr zu glauben und das entgegengebrachte Vertrauen mit Füßen zu treten.

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