Gläsern

Direkt unter meiner Haut, die jeden Tag dünner wird, bin ich aus Glas und von tausend Sprüngen durchzogen. Nicht nur, weil ich mich gerade erst wieder einigermaßen funktional zusammengesetzt hatte, sondern weil der Druck langsam in bedrohliche Höhen steigt. Jeden Tag höre ich es knirschen, wenn ein neuer Riss entsteht. Jeden Tag versuche ich, durch Anspannung und innere Kontrolle dagegen zu halten. Und jeden Tag wird es schwieriger.

Eine Woche noch. Heute in einer Woche ist dieser so wichtige Termin, an dem sich unser weiteres Schicksal entscheidet. Ich könnte schreien und heulen, weil immer mehr der hypotetischen Gefühle in mir toben. Aber ich weiß, wenn ich jetzt nachgebe – und wenn es nur ein klitzekleines bisschen ist – werde ich bersten. In millionen Splitter zerspringen, von denen mich mehr als einer schwer verletzen könnte wird. Ein Scherbenhaufen, den ich nicht binnen einer Woche wieder zusammensetzen kann.

Also gebe ich nicht nach. Und lasse die Angst Gewissheit, dass ich – egal, wie es ausgeht – nächsten Mittwoch implodiere, unbeachtet.

Mit anderen Augen

Der Gedanke, was andere von mir denken könnten, begleitet mich schon so lange, dass es sich wie mein ganzes Leben anfühlt. Kein Wunder, denn wie oft hörte ich von meiner Mama, meiner Oma und anderen Mitgliedern meiner Familie die Worte, was andere nun wohl über dieses und jenes denken würden, was passiert war. Es ist wohl nachvollziehbar, wie schwer es mir fällt, mich von diesen Gedanken (plus denen, dass ich bitte ausnahmslos von allen gemocht werden will) zu lösen.

Ein relativ neuer Gedanke dazu kam mir aber erst vor Kurzem: ich betrachte mich und nahezu alles, was ich tue, stets durch die Augen Dritter. Wie sieht es aus, wenn…, Was denkt XY, wenn…, und so weiter. Und ich glaube, genau das könnte einer der Punkte sein, warum es mir nach wie vor so schwer fällt, mich selbst und die Depression anzunehmen, meine Fortschritte zu erkennen und (noch mehr) gegen die Krankheit zu kämpfen. Weil alle nur die Maske und die mühsam aufrecht erhaltene Perfektion sehen, aber nie das Chaos zu Gesicht bekommen, was täglich in meinem Kopf tobt. Und wenn ich nun hergehe und mich – durch die Augen Dritter – heute mit mir selbst zu Beginn meiner Verhaltenstherapie vergleiche, dann sehe ich einen so minimalen Unterschied, dass er schnell übersehen werden kann.

Wenn ich weiterkommen möchte, sehe ich aktuell nur einen Weg, der mir – zeitnah – helfen könnte. Gleichzeitig ist es gefühlt ein Spiel mit dem Feuer.
Natürlich kann – und werde – ich mich weiter bemühen, nicht mehr so viel darauf zu geben, was andere über mich denken und mich durch meine Augen statt durch die der Anderen betrachten. Aber durch die Prägung als Kind wird beides bestimmt eine lebenslange Herausforderung, die nicht von heute auf morgen umsetzbar ist.

Mein Plan

Ich werde den Anderen über mich erzählen. Ich möchte offener mit der Depression umgehen, und ich spüre schon länger, dass mir auch das Thema Entsigmatisierung am Herzen liegt. Ich möchte mich dafür – und für mich – stark machen. Auch, wenn ich entsetzliche Angst davor habe, dadurch selbst stigmatisiert zu werden – sei es von Bekannten, Kollegen, oder – wer weiß – möglichen künftigen Arbeitgebern. Aber ich sehe keinen anderen Weg.

Ich werde nicht morgen mit einem Banner durch meine Firma laufen. Ich werde auch diesen Blog nicht identifizierbar machen. Aber ich möchte auf Instagram, wo ich mit niemandem aus meinem Arbeitsumfeld verbunden bin, einen Anfang wagen. Vielleicht. Wenn ich mich traue.

Die 40-Minuten-Depression

Ich gucke gerade die Serie Desperate Housewives und in der letzten Folge wurden (Wochenbett-)Depressionen zum (Neben-)thema gemacht. Einer der Ehemänner war davon betroffen – 40 Minuten lang, eine Folge eben.
Und sie hängt mir nach, weil mir das Ende wieder einmal zeigt, wie falsch so eine Krankheit dargestellt werden kann.

Staffel 7, Folge 2

Tom kommt wiederholt früher von der Arbeit heim, weil es ihm nicht gut geht. Seine Frau Lynette schickt ihn zum Arzt, und er kommt mit der Diagnose Wochenbettdepression, einer Broschüre und einem angstlösenden Medikament nach Hause. Lynette nimmt weder die Krankheit enrst, noch will sie, dass er das Medikament nimmt, und schickt ihn daher zu einem ganzheitlichen Arzt. Dieser verschreibt Tom medizinisches Marihuana – welches noch vor der ersten Nutzung von Lynette durch Oregano ausgetauscht wird. Tom merkt dies zunächst nicht und wähnt sich trotzdem im Rausch, als er sich seinen ersten Joint dreht. Er steht über eine Stunde am Bettchen seiner kleinen Tochter, und entdeckt dadurch, dass er bloß für den Moment leben muss, um die Krankheit loszuwerden. Am Ende der Folge, deren Handlung an wenigen Tagen spielt, ist er scheinbar wieder glücklich und geheilt – und seine Frau hat offensichtlich gut daran getan, weder die Krankheit, noch die Medikation ernstzunehmen, sondern darauf zu setzen, dass er bloß seinen Blickwinkel ändern musste.

Stell dich nicht so an!

…ist irgendwie das Einzige, was ich hier „rausziehen“ kann. Und es ärgert mich – denn auch wenn (hoffentlich!) niemand sein gesamtes Wissen über Depressionen aus dieser einen Folge einer Hirn-aus-Film-ab-Serie zieht, zeigt es mir, wie sehr solche Darstellungen zu einem völlig falschen Bild führen können.

Graue Tage

Ich stehe am Rande meines Lebens und zerfleische betrachte es wieder einmal. Zwei Therapiestunden sind noch übrig, und beide sind schon voll mit aktuellen Dingen, die vor- und nachbereitet werden möchten.
Ich fühle mich meilenweit entfernt von dem Gefühl, dass ich fertig bin mit der Therapie, kann mir aber gleichzeitig nicht vorstellen, doch noch eine Verlängerung zu beantragen, weil ich nicht weiterkomme.

Wie definiert man „Erfolg“ bei einer seit 15 Jahren andauernden Krankheit mit bisher sehr überschaubaren symptomfreien Zeiten, an die ich mich so sehr gewöhnt habe, dass ich erst heute wieder beim Auflisten meiner Symptome erstaunt bin, weil ich lt. diesen als mittelgradig depressiv einzustufen wäre?
Gut, vielleicht ein stückweit so, dass ich heute, an meinem sturmfreien Tag, nicht in Selbstmitleid zerflossen bin, ich mich ok fühle und sogar ein bisschen Hausarbeit gemacht habe, frei nach dem Motto meiner Therapeutin: Spaß machen muss es ja (erstmal) nicht!

Die Verhaltenstherapie wird mich aber nicht weiterbringen. Ich weiß – auch, weil ich schon so viel über Depression und allgemein psychische Erkrankungen gelesen habe – genau, was ich tun kann. Aber was nützt es mir, wenn mich das Leben trotzdem fickt? Wenn es mir trotzdem schlecht geht, obwohl ich Sport mache, rausgehe, auf mich achte? Wenn ich mich trotzdem frage, wer ich eigentlich bin?

Ok, jetzt führt es doch zu Selbstmitleid und nicht in die Richtung, in die ich eigentlich wollte. Welche war das genau? Keine Ahnung. Therapie ist fast vorbei, Depression nicht.

Leben als Selbstzweck?

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Ich habe Urlaub und fühle mich sinnbefreit. Ich habe keinerlei Pläne für diese eine Woche und finde mich daher tagtäglich auf der Suche nach einer sinnvollen Beschäftigung wieder, um nicht in meinen Gedanken zu ertrinken. Dabei war Gammeln alles, was ich an meinen freien Tagen tun wollte, aber es ist anstrengend, dabei nicht unterzugehen.
Mir wird mehr und mehr klar, dass es mir vor der Katastrophe langsam besser ging. Ich konnte mich beschäftigen, konnte entspannen, hatte Pläne, eine Perspektive. Ich glaube, wäre sie nicht passiert, hätte ich diesen Sommer einen Weg aus der letzten depressiven Episode gefunden.
Aber es kam anders, und alle Pläne wurden von den Anderen an die Wand gestellt und erschossen. Ohne Zigarette, ohne Augenbinde, ohne Vorwahrnung.

Seither ist jeglicher Sinn aus meinem Leben verschwunden. Ich stehe auf, bestreite meinen Alltag, ich gehe schlafen. Alles nur, damit der Tag irgendwie vorüber geht und mich einen Tag weiter weg von der Katastrophe und einen Tag näher an den wie.auch.immer-gearteten Abschluss des Ganzen bringt.
Ich überlebe. Mehr nicht.

Ich ertappe mich dabei, wie ich alle Ideen, alle Pläne, die aufkommen, nehme und in eine Kiste werfe, bei der sich erst noch herausstellen wird, ob ich sie je wieder öffne, oder sie Mitte Dezember gleich anzünde. Und ich frage mich, wie ich bis dahin weitermache, wenn Leben nur Selbstzweck und Hoffnung eine quälende Flamme ist, die ich aus Angst immer wieder zu löschen versuche, weil ich sie nicht von den Anderen ermordet sehen will.

Cut!

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Eineinhalb Jahre tiefenpsychologisch fundierte und eineinhalb Jahre Verhaltenstherapie, und ich habe Nichts, was ich dem Film, der seit Tagen jeden Abend in meinem Kopf abläuft, entgegensetzen könnte. Spielzeit: noch mindestens 3 1/2 Wochen, bis es dann wirklich soweit ist.

Ich kann nicht (ein-)schlafen, habe Alpträume. Und auch, wenn die inhaltlich rein garnichts mit der eigentlichen Situation zu tun haben, sondern einfach absurd sind, strengen sie an. Ich wache immer wieder auf, und immer wieder läuft der Film.

Ich versuche, ihn zu stoppen. Bewusst an etwas anderes oder an nichts zu denken. Aber sobald meine Aufmerksamkeit nachlässt, ist der Film wieder da. Voller hypothetischer Gefühle und potentieller, teils unrealistischer Abläufe, weil alles in dem Film nicht passiert ist, sondern erst noch passieren wird.
Ich weiß, dass es nichts bringt, mir 1000 Szenarien auszumalen, weil sowieso Nummer 1001 eintritt. Ich weiß, dass ich keinen Einfluss habe, auch wenn ich mir alles ausmale. Meinen Film interessiert das nicht im geringsten.

Dreieinhalb Wochen. Dreieinhalb Wochen noch weiter ansteigender Druck, noch weniger Schlaf, noch mehr Stress. Bitte bitte bitte lass es dann vorbei sein. Ich weiß nicht, wie ich, oder wie wir beide, das noch weiter aushalten sollen.