Mit anderen Augen

Der Gedanke, was andere von mir denken könnten, begleitet mich schon so lange, dass es sich wie mein ganzes Leben anfühlt. Kein Wunder, denn wie oft hörte ich von meiner Mama, meiner Oma und anderen Mitgliedern meiner Familie die Worte, was andere nun wohl über dieses und jenes denken würden, was passiert war. Es ist wohl nachvollziehbar, wie schwer es mir fällt, mich von diesen Gedanken (plus denen, dass ich bitte ausnahmslos von allen gemocht werden will) zu lösen.

Ein relativ neuer Gedanke dazu kam mir aber erst vor Kurzem: ich betrachte mich und nahezu alles, was ich tue, stets durch die Augen Dritter. Wie sieht es aus, wenn…, Was denkt XY, wenn…, und so weiter. Und ich glaube, genau das könnte einer der Punkte sein, warum es mir nach wie vor so schwer fällt, mich selbst und die Depression anzunehmen, meine Fortschritte zu erkennen und (noch mehr) gegen die Krankheit zu kämpfen. Weil alle nur die Maske und die mühsam aufrecht erhaltene Perfektion sehen, aber nie das Chaos zu Gesicht bekommen, was täglich in meinem Kopf tobt. Und wenn ich nun hergehe und mich – durch die Augen Dritter – heute mit mir selbst zu Beginn meiner Verhaltenstherapie vergleiche, dann sehe ich einen so minimalen Unterschied, dass er schnell übersehen werden kann.

Wenn ich weiterkommen möchte, sehe ich aktuell nur einen Weg, der mir – zeitnah – helfen könnte. Gleichzeitig ist es gefühlt ein Spiel mit dem Feuer.
Natürlich kann – und werde – ich mich weiter bemühen, nicht mehr so viel darauf zu geben, was andere über mich denken und mich durch meine Augen statt durch die der Anderen betrachten. Aber durch die Prägung als Kind wird beides bestimmt eine lebenslange Herausforderung, die nicht von heute auf morgen umsetzbar ist.

Mein Plan

Ich werde den Anderen über mich erzählen. Ich möchte offener mit der Depression umgehen, und ich spüre schon länger, dass mir auch das Thema Entsigmatisierung am Herzen liegt. Ich möchte mich dafür – und für mich – stark machen. Auch, wenn ich entsetzliche Angst davor habe, dadurch selbst stigmatisiert zu werden – sei es von Bekannten, Kollegen, oder – wer weiß – möglichen künftigen Arbeitgebern. Aber ich sehe keinen anderen Weg.

Ich werde nicht morgen mit einem Banner durch meine Firma laufen. Ich werde auch diesen Blog nicht identifizierbar machen. Aber ich möchte auf Instagram, wo ich mit niemandem aus meinem Arbeitsumfeld verbunden bin, einen Anfang wagen. Vielleicht. Wenn ich mich traue.

7 Kommentare zu „Mit anderen Augen“

  1. Das ist eine sehr mutige Entscheidung! Ich verstehe die Entscheidung gut und kenne auch die Bedenken. Ich bin immer hin und her gerissen, offener (und identifizierbarer) mit den Erkrankungen umzugehen oder mich möglichst versteckt und bedeckt zu halten, um unangenehme Konsequenzen zu vermeiden. So, wie du das machen willst, kommt mir das sehr sinnvoll vor. Alles Gute!

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    1. Dankeschön! Am Tag nach meinem Beitrag fand ich die Idee schon wieder grotesk – aber das kenne ich ja von mir. Es braucht eine Weile, bis alle Anteile einverstanden sind und eine Entscheidung getroffen werden kann. Bisher habe ich noch nichts in die Richtung gemacht, und so werde ich noch eine Weile abwarten, bis ich mir wirklich sicher bin, ob ich das möchte.
      Liebe Grüße!

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  2. „Weil alle nur die Maske und die mühsam aufrecht erhaltene Perfektion sehen, aber nie das Chaos zu Gesicht bekommen, was täglich in meinem Kopf tobt.“ Dieser Satz könnte von mir stammen… Alle sehen nur die schöne Fassade – und die meisten wollen auch gar nichts anderes sehen!! Ich habe ein paarmal den Fehler gemacht, Menschen zu tief in die Abgründe meiner Seele gucken zu lassen, und aus diesem Fehler habe ich gelernt, dass so gut wie keiner damit umgehen kann oder will. Die meisten wenden sich voller Unverständnis ab, kriegen vielleicht sogar Angst, weil sie nicht wissen, wie sie reagieren sollen.

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  3. Ich finde die Idee klasse! Aber dränge dich bitte letztendlich nicht zu etwas, was du dann letztendlich gar nicht möchtest. Falls du es für das beste hältst, dann tue es. Wenn du dann doch noch Panik bekommst, dann lass es sein. Kein Druck. 🙂

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    1. Danke dir, genau so habe ich es vor. Ich habe es schon in einem weiteren Kommentar geschrieben, dass ich mir noch nicht ganz einig bin und meine Meinung dazu noch stark schwankt. So lange das so ist, werde ich erst einmal abwarten.
      Liebe Grüße!

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