Abstrakt

Das ganze Klinik-Gedöns war lange so wunderbar abstrakt, ein Konstrukt in meinem Kopf, dass mich funktional hielt. Und dann kam der Anruf, dass es doch schon eher losgeht. Konkret: nächste Woche.

Oh. Mein. Gott.
Ich stelle mich bloß an, die schmeißen mich noch am selben Tag wieder raus, und ich muss in der Arbeit erklären, warum ich so ein riesen Fass aufmache zwecks meiner Vertretung, nur um Tags drauf wieder auf der Matte zu stehen und verlegen zu lächeln. Und außerdem nehme ich jemand anderem den Platz weg, wer ihn wirklich braucht.
Und selbst wenn ich länger dort bleibe, erwarten die meisten Leute, dass ich geheilt zurück komme.

Ich will mich schneiden. Ich will mich betrinken.

Zerstreut

Dinge, die dringend gedacht werden wollen, geistern durch meinen Kopf. Aber ich denke sie nicht. Ich ignoriere sie, weil ich keine Zeit habe, so dass sie zerfallen und die einzelnen Buchstaben lose umherliegen und keinen Sinn ergeben, wenn ich hinsehe. Der Berg an Buchstabendurcheinander wird immer höher, und ab und zu lösen sich kleine Lawinen und rollen über mich hinweg.

Und wenn ich dann denke, da war doch was, was gedacht werden wollte – jetzt hätte ich Zeit, ist da nur Buchstabensalat, der sich am Boden festgetreten hat. Und meine Konzentration sagt zu mir, dass sie jetzt aber sowas von keine Lust hat, das alles zu sortieren und zu etwas sinnvollem zum Denken zusammenzubasteln. Also lässt sie es, während ich Salat denke und wieder einmal hoffe, dass der Tag bald ein Ende hat.

Verschwiegen

Wenn ich es genau betrachte, liegt hier eine ganze Menge Zeug rum, was dringend aufgeräumt werden müsste. Altes, nicht so altes und neues Zeug stapelt vor sich hin und setzt Staub und Spinnweben an, während es im Weg rumsteht.

Aber ich betrachte es nicht genau. Ich stehe auf einer Stelle, kneife die Augen zusammen, bewege mich nicht und ignoriere das, was da um mich herum und vor sich hin liegt und staubt. Wenigstens kann ich so nicht umfallen.

Vielleicht.

Mindf*ck

Möglicherweise hatte Schwarz genau das im Sinn, als sie mich gesternabend nach einer ätzenden Nacht und einem noch viel ätzenderen Tag wieder mal zum Alkohol greifen lässt. Viel Alkohol. Der erst meinen Kopf angenehm ausschaltet, aber dann die Mauer, die ich so sorgfältig um meine Gefühle gebaut habe, erst bröckeln und schließlich unter viel Lärm und Staub in sich zusammenstürzen lässt.

Plötzlich kann Schwarz all das rauslassen, was ich sonst so sorgsam kontrolliert wegsperre. Und sie lässt viel raus. So sitze ich dort auf der Terrasse mit Schatz und heule, weil Schwarz so sehr nicht mehr kann und sich einen Hauch Beachtung wünscht. Sage Dinge, die ich nüchtern nie ausgesprochen hätte und lasse zu, dass Schwarz sogar erwähnt, dass mein Hausarzt noch Sprechstunde hätte und es nicht das schlechteste wäre, genau jetzt zu ihm zu fahren, weil ich genau weiß, dass Nüchtern und am nächsten Tag Schwarz wieder weggesperrt sein wird.

Ich lasse Schatz mich lenken, und als ich mich im Wartezimmer wiederfinde und die Woge des Alkohols nachzulassen scheint, frage ich mich, was ich eigentlich hier tue. Außer mich anstellen und so.
Der Weg ins Sprechzimmer und die frische Luft der offenen Balkontür spülen eine neue, heftige Welle Rausch über mich hinweg, und Schwarz weiß genau, was sie hier tut. In meinem Kopf steht ein minutenlanger Monolog bereit, der beschreibt, wie es Schwarz so geht. Aber als der Arzt vor mir sitzt, sind da plötzlich nur noch Bruchstücke, und genau so fallen auch meine Worte aus. Bruchstücke, aus denen man mehr Verzweiflung heraushört, als ich es mir selbst zu fühlen gestatte.

Viel ist nicht rekonstruierbar aus dem Gespräch. Ich soll mich um einen psychosomatischen Klinikaufenthalt bemühen, soll mich nochmal melden am Ende der Woche, ggf. auch wegen Medis zum Schlafen. Ich bin die nächsten zwei Wochen krankgeschrieben.

Die Nacht war kurz. Die Mauer um meine Gefühle steht noch nicht wieder. Und da ist das schlechte Gewissen, weil es gerade jetzt in der Arbeit so viel wichtiges für mich zu tun gäbe und viele Gedanken an das, was ich an fachlichen Dingen noch meinem Chef schreiben muss möchte.
Ganz viel Sortierarbeit liegt vor mir, und die Aufgabe, mich mit dem Thema Klinik zu beschäftigen, was mir ebenso viel Angst wie Hoffnung macht.

Gedankenstimmen

Ich bin schrecklich nervös. Als hätte ich 17 Tassen Kaffee gehabt, dabei war es nur eine, wie immer in der Früh, aber ich habe das Gefühl, durchzudrehen.
Ich habe kaum geschlafen letzte Nacht, weswegen ich Kopfschmerzen habe, gegen die nichts hilft. Meine Ohren sind laut, mein Kopf tuppelt wie ein Flummi grundlos vor sich hin und ich finde es wahnsinnig anstrengend.

Gedankenstimmen geben zu allem ungefragt ihren Kommentar ab. Schreien mich an, hetzen mich, reden durcheinander und hören nicht auf mich.

Ich könnte heulen vor Nervosität. Ich will mich verletzen oder was trinken. Oder und.

Trip

Es beginnt damit, dass mein Kreislauf spinnt. Wir frühstücken draußen, knippsen Krokusse, und bei jedem Aufstehen wird mir schwindlig und meine Lippen beginnen zu prickeln.
Ich gehe irgendwann rein, setze mich aufs Sofa. Meine Hände sind ganz weiß und mein Gesicht wahrscheinlich noch mehr, so wie ich mich fühle.
Ich will eine Doku am Laptop gucken, aber ich kann dem Verlauf nicht folgen. Mein Mund wird trocken. Ein Verdacht formt sich.
Schatz kommt dazu, ich kann ihm garnicht richtig sagen, wie ich mich fühle. Wir schauen fern, aber die Unterhaltungssendung ist für meine geistige Verfassung viel zu anspruchsvoll. Ich muss weinen, weil ich eine Riesenangst davor habe, verrückt zu werden. Schatz hält und beruhigt mich, ich mache die Augen zu. Mir ist so schwindlig, dass die Welt einen fühlbaren Ruck zu machen scheint, wenn ich die Augen wieder öffne. Schatz hat mich im Arm und ich beruhige meine immer ich steigende Angst damit, dass er schon auf mich aufpassen wird. Immer wieder mal fällt mir ein, dass ich aufs Klo müsste, glaube aber nicht, dass ich laufen könnte und habe die Sorge, ich könnte es vergessen und mir in die Hose machen.
Irgendwann wird es etwas besser. Langsam, die Angst kommt immer noch in heftigen Wellen, die aber auch irgendwann weniger werden.
Als ich ins Bett gehe, bin ich totmüde, und fühle mich immer noch benebelt. Ich schlafe unruhig, träume verwirrende Zeug.
Als der Wecker geht, versuche ich herauszufinden, ob es mir besser geht. Ich einige mich nach einer kleinen Bestandsaufnahme auf Ja, aber auch, dass ich heute nicht arbeiten gehen kann oder will, weswegen sich das heutige nicht-fühlen immerhin mit Schuldgefühlen abwechselt. Wobei letzteres abnimmt, je mehr ich merke, wie sehr mein Kopf heute noch die Arbeit verweigert.

Zwei Dinge sind möglich. Der Keks war ein Haschkeks mit Überdosis und ich hatte etwas, das sehr nahe an einen Horrortrip heran kommt, oder – und das wäre die sehr viel beunruhigende Variante – dass mein Kopf die Symptome nur simuliert und die irgendwann mal gelesenen, nie selbst erlebten Zustände dazu auserwählt hat, weil es zum Kontext passte.
Was es auch war, es lässt ein ungutes Gefühl zurück. Ein was wäre, wenn, weil es mich ein Stück weit an meinen damals eindeutig psychischen Zusammenbruch von 2013 erinnert – so anders war das damals nicht, nur weniger heftig.

VeRrÜcKt oder nicht, ist die Frage des Tages.