Körper und ich sind uns ebenso uneins wie Rosa und ich. Und der Parasit und ich.
Körper jongliert wild Hormone durch die Gegend und stellt sich dabei wohl nicht sonderlich geschickt an, denn er entscheidet sich nach den letzten, immer länger werdenden Zyklen, dass doch auch 11 Tage mal ganz lustig wären, von denen nur 4 ohne Schmierblutung waren.
Rosa findet es fantastisch, dass Körper langsam wieder am Untergewicht kratzt und arbeitet mitunter sehr erfolgreich gegen mich, wenn ich mich zumindest in Erhaltung versuche.
Der Parasit, dem ich mit einem permanenten, sozial überwiegend akzeptierten Zeichen ein Denkmal auf meiner Haut gesetzt habe, sieht nicht ein, sich deswegen zur Ruhe zu setzen. Stattdessen nagt er an meinen Nerven, die aufgrund von einfach allem summen und bis zum Zerreißen gespannt sind.
Die Welt könnte dann bitte mal aufhören, so f*cking kaputt zu sein. Meine würde mir ja auch schon reichen. Fürs erste.
Schlagwort: Anorexia Nervosa
Integrität
32,375 Stunden. Mehr braucht es scheinbar nicht, um mich um Monate zurückzuwerfen. Ich fühle mich vergiftet, erschöpft und frustriert und meine innere Anspannung winkt mit dem Zaunpfahl, ohne dass sie dabei besonders dezidiert in eine Richtung deuten würde.
Das beständige BeeDooBeeDoo aus dem Badmülleimer wird langsam anstrengend und Youtube leerschaun ändert auch nur wenig daran. Der Parasit untermalt das Ganze mit forderndem Heulen und wispert mir Verführungen ins Ohr, weil er nicht begreifen will, warum ich die Klinge nicht wie geplant mit unter die Dusche genommen, sondern verbogen und weggeworfen habe. Ich begreife es selbst nicht und habe keine Ahnung, wie ich das tiefdunkle Sehnen ohne sie loswerden soll.
Rosa möchte an dieser und möglichst vielen anderen Stellen unbedingt noch erwähnen, dass jetzt 40% des in der Klinik zugenommenen Gewichts wieder weg sind. Dass das eigentlich nicht zu unserem Deal gehört, ignoriert sie geflissentlich und ist maximal verwirrt, als wir plötzlich mitten am Nachmittag ein kleines Porridge essen.
Jetzt hält sie dem Parasit ein Megafon vor die Nase.
Intoxikation
Das System, auf das ich zur Beerdigung meiner Oma treffe, könnte kaputter kaum sein. Zumindest hat es so scharfe Kanten, dass ich fluchtartig schon einen Tag früher als geplant wieder im Auto sitze und lieber 7 + X Stunden Freitagsverkehr in Kauf nehme, als noch eine Minute länger an dem Ort auszuharren, bei dem der einzig beständige Gedanke Ich muss hier weg ist.
Während Papa innerhalb weniger Atemzüge erst meine zu schlanke Figur kommentiert, dann mein – natürlich mitgebrachtes – Abendessen als kalorientechnisch deutlich günstiger einstuft als seine zwei Laugenbötchen mit einem großen Pott billiger Krabbenmayo und sich dann darüber auslässt, dass er im Urlaub ja so viel zugenommen hat und dringend abnehmen muss, kämpfe ich damit, überhaupt etwas zu essen.
Rosa hat ihre beiden Rockzipfel in der Hand und macht einen tiefen Knicks, als alte Halbbekanntverwandte vor der Kirche nichts besseres zu sagen wissen als ein vor Bewunderung triefendes °Hömma, schlank bisse!°
Ich ziehe es vor, nicht darauf einzugehen, dass Körper menstruieren gerade nur so semi verfolgt und Rosa gerade meine größte Stütze ist.
Ich sitze vor meinem ineinander gestapelten Kuchenservice und ringe mich mit Mühe und Not zu einem Latte Macchiato durch, während die Verwandtbekanntschaft über Wurstbrote und Windbeutel herfällt.
Schwager erzählt stichelnd, wieviel Kalorien mein Bruder täglich für seinen Muskelaufbau verputzt und dass er alles fein säuberlich trackt. ° Also das wär mir viel zu anstrengend! ° stellt Cousine halb amüsiert fest. Deswegen essen wir einfach nichts, denkt Rosa.
Ich kann meine Jeans ausziehen, ohne dass ich die Knöpfe aufmache.
Euphemismen
Da ist es wieder, dieses nasse Wühlen in meinem Inneren. Etwas sucht. Der Parasit sucht, ohne sich dazu zu äußern, was eigentlich genau. °Klingen° wispert er kaum hörbar zwischen schmatzendem Umherwinden. °Ich weiß, wo sie liegen° flüstere ich sehnend zurück.
Körper hätte gerne Urlaub, so wie Orange gerade. Ich bin mir aber ziemlich sicher, dass er dann garnichts damit anzufangen wüsste und nur rumliegen würde. So wie heutefrüh, als es einer Menge guten Zuredens braucht, um ihn zum Aufstehen zu bewegen. Ich frage mich echt, was er von mir will. Jedenfalls nichts, was Rosa und ich ihm gerade zu geben bereit sind. Anstellerei.
Ich bin mir nach wie vor uneins darüber, ob mir Grün bloß Karotten vor die Nase hält, denen ich blind folge und dabei den Blick für den Weg, auf dem ich mich dabei befinde, aus den Augen verliere. Aber hey. Möhrchen!
Signalstärke
Nach dem Stress der letzten Wochen, in denen auf eine Pilzinfektion erst das Ausbleiben meiner Menstruation und dann eine Blasenentzündung folgten, ist meine Mama erneut zu Besuch. Du siehst gut aus! sagt sie. Siehste! sagt Rosa, die am nächsten Morgen mit mir das neue Tiefstgewicht seit meiner Entlassung bewundert.
Wir essen jetzt trotzdem mehr und ich bin ein kleines bisschen stolz auf Rosa, dass sie einigermaßen brav mitzieht.
Lumen
Rosa strahlt, weil wir an dem Tag, an dem wir die selbst gesetzte Minimalgrenze auf der Waage unterschreiten, auch unsere Menstruation hätten bekommen sollen. Die hustet aber nur kurz und ich bin über mich selbst erstaunt, als ich ein ernstes Gesicht aufsetze und Rosa erkläre, dass Husten gerade garnicht gut ankommt.
Betreten schaut sie auf ihre Füße und murmelt ein leises Ups vor sich hin, während ich – immer noch erstaunt – an höhere Fettzufuhr denke.
Und weil ich Rosa nicht böse sein möchte und sie gut verstehen kann – erst der Besuch* meiner weiterhin diätenden Mama, die vieles nicht versteht, dann der von furchtbar krampfig-oberflächlichen Gesprächen dominierte Besuch* von Papa und anschließend der wundertolle, aber körperlich anstrengende Besuch* sehr lieber Freunde innerhalb von nur 3 Wochen – machen wir uns gemeinsam an die richtige Planung.
Ein paar Kalorien mehr – und Mandelmus. Das ist der Deal. Rosa findet das zwar eher so semi, aber sie ist auch erstaunlich einsichtig und froh, dass sie die Küchenwaage dennoch weiter exzessiv benutzen darf.
Ich bin ein bisschen stolz auf uns.
*Besuch in einer Urlaubsregion, in der wir wohnen, heißt für andere genau das: Urlaub. Für uns ist das eher so: wah, Menschen.