Halloween

Zum ungefähr drölfzigsten Mal frage ich mich, welcher Tag heute ist, weil die Antwort nicht in meinem Gehirn haften bleiben will. Samstag? Ja, doch. Samstag. Der ganz normal und mit wunderbarem Wetter beginnt, so dass unserer geplanten Fototour nichts im Wege steht. Kaffee und wachgammeln, dann geht’s los. Und noch auf Kilometer eins von insgesamt etwas über sechs – die auf ebener Strecke meine absolute Leistungsgrenze überschreiten darstellen – bin ich plötzlich von einer Ohnmacht nur noch einen Wimpernschlag entfernt. Körper zieht mich einige Schritte nach rechts und ist für kurze Zeit nicht ansprechbar. Doch bevor ich tatsächlich falle, gibt er mir die Kontrolle zurück.
Ich verstehe kaum, was hier gerade passiert ist. Kein Schwindel, kein Rauschen oder ein dunkler werdendes Gesichtsfeld, wie ich es – wirklich selten – vom zu schnellen Aufstehen und damit verbundenen Kreislaufschwierigkeiten kenne, sondern einfach ein ausschalten. Eine halbe Sekunde länger, und ich hätte im Gras gelegen. So aber hat Schatz fotografierenderdings nichts bemerkt, wofür ich dankbar bin, weil er sonst sicher durchdreht.
Der Rest der Tour verläuft erstaunlich unauffällig, auch wenn Körper irgendwann wieder einmal meine Arme abschaltet, aber das kenne ich ja schon. Der Rest des Tages hingegen fühlt sich seltsam an, ohne dass ich es in mehr als ein paar unzusammenhängende Worte fassen könnte. Verwirrt. Unkonzentriert. Irreal. Zäh. Erschöpft. Müde. Summend.

Ich stehe als Nächste auf der Liste der Klinik. Und wäre schon drin – wäre nicht Aufnahmestopp aufgrund der aktuellen Corona-Lage. Montag wird für die neue Woche entschieden.
Rosa hat auf diese Nachricht hin die tägliche Kalorienzufuhr nochmal eingekürzt, weil die Vorstellung, mit etwas anderem als dem niedrigstmöglichen Gewicht dort anzukommen, absurd scheint. Körper arbeitet dagegen und zieht – schon vorher, also seit zwei oder drei Wochen – Wasser, weil es das einzige ist, von dem er im Überfluss bekommt und sich überhaupt Reserven anlegen lassen. Die Zahl auf der Waage haut mir das jeden Morgen um die Ohren, und ich wäre wirklich neugierig, wie es ohne aussähe. Wenig wird wohl die Antwort sein, wenn ich meine rutschende Sporthosen und den Zwischenfall gestern betrachte.

Mordlust

Der Geruch macht mich wahnsinnig. Ich stehe in der Küche neben dem Ofen, in dem Schatz erst eine Pizza und nun Schokokekse backt.

Ich würde töten für eine Scheibe Käse, die ich in den Ofen legen und damit diese Kekse überbacken könnte. Denn so riecht es – nach mit Käse überbackenen Schokokeksen, und ich kann mir nichts geileres vorstellen, auch wenn ich mich ein bisschen darüber wundere.

Weil Rosa und ich uns aber – nicht fair verteilt, aber dennoch – notgedrungen ein Gehirn teilen, kommt töten nicht in Frage, also stehe ich nur da, blättere meinen Katalog weiter durch und beruhige Rosa, dass wir von der Vorstellung allein ebenso wie vom Geruch nicht zunehmen werden, auch wenn sie genau das befürchtet – wie auch vom Massageöl gesternabend, welches bestimmt durch meine Haut in die Zellen diffundiert und es sich dort gemütlich macht.

Ich nippe an meinem – kalorienfrei – gesüssten Tee.

Ereignishorizont

Während das Leben munter vor sich hin mäandert, geht mir der Bezug dazu mehr und mehr verloren. Wenn Rosa sich nicht gerade ums Essen, nicht Essen, Kalorien oder Sport dreht, kreise ich ausschließlich um den Gedanken an die Klinik.
Dabei fällt mir auf, dass Rosa ganz schön hässlich werden kann und dabei trotzdem jederzeit cute, but psycho wirkt. Mit kleinen, äußerst niedlichen Fangzähnchen hat sie sich in mir verbissen und krallt sich mit allen Extremitäten an und in mir fest. Ich finde das schön und grauenvoll zugleich. Sie flüstert mir liebevoll ins Ohr, dass ich nicht krank, aber mindestens nicht krank genug bin.
Tage fließen ineinander, ich umarme mich beim Sport selbst und rede mir gut zu, um auch diese Einheit noch zu überstehen. Alles, was nicht den Weg auf meine ToDo-Liste findet, versinkt umgehend im Nebel meines mangelernährten Hirns und hinterlässt nur ein kleines gedankenloses Loch, dessen Inhalt sich nur selten rekonstruieren lässt.
Das eine Ziel, endlich loslassen zu müssen dürfen, liegt nur Millimeter außerhalb meines Zugriffs und ich hoffe jeden Tag, dass das Telefon geht und ich morgen in die Klinik darf. Ich hasse hoffen, wenn das Telefon schweigt.

Sandsack

Ich weiß schon, warum ich in den letzten Tagen mein Homeworkout vermieden habe und stattdessen ins Studio gefahren bin. Um nicht wie heute zwischen zwei Übungssätzen auf der Matte zu liegen und relativ verzweifelt darauf konzentriert zu sein, die Dämme am Brechen zu hindern, die sich als zu niedrig und zu porös herausstellen, wenn ein Könnte rein hypothetisch möglich scheint, weil kein Muss vorhanden ist.

Im Studio stellt sich die Frage schlichtweg nicht – so lange Körper nicht die Reißleine zieht, ist da ausschließlich Sport in meinem Kopf. Aber ich bin nicht im Studio, sondern in der Garage auf der Matte, und ein gepflegter Nervenzusammenbruch scheint sehr verlockend – und anschließend eine große Pfanne Käsespätzle ganz für mich allein.

Rosa hält davon aber nichts, blendet mir stattdessen die tägliche Zahl auf der Waage ein und meint, dass ich gefälligst weiterzumachen habe.

Einatmen. Ausatmen. Nächster Übungssatz.

KopfSalat. Konzentration ist Mangelware, Verpeiltheit an der Tagesordnung. Angst vor Corona gesellt sich zu Überzeugung, nicht krank genug für die Klinik zu sein und die bevorzugte Aufnahme dort nicht verdient zu haben, auch wenn beides sich widerspricht. Ich bin totally lost und warte jeden Tag, jede Minute auf den Anruf der Klinik, damit ich noch am Telefon heulend zusammenbrechen kann, weil ich Angst habe und entsetzlich erleichtert bin. KopfSalat Ende. Nicht.

Zäh

Zeit ist gerade nicht nur ausgesprochen relativ, sondern auch ausgesprochen lästig.
Wahrnehmungslücken scheinen oft nicht unwahrscheinlich, wenn mir wieder einmal dutzende Minuten abhanden kommen. Zeit, der ich aber auch nicht wirklich nachtrauere, weil es heißt, dass sie weg ist, ohne dass ich nachhelfen musste.
Alles dreht sich nur darum. Wann ist Zeit zum Schlafen, wann ist Zeit zum Aufstehen, wann zum Essen, wann zum Sport, wann zum Tee kochen. Nicht unsubtil gesellt sich Rosa dazu und füllt jeden Moment, jeden Augenblick mit Gedanken an Essen, Nichtessen, Essenszubereitung, Essensplanung, Sport.
Ich. Mag. Nicht. Mehr.
Mein Gehirn übrigens auch nicht. Wie gut, dass ich mein Urlaub rum ist und ich morgen wieder arbeiten darf. Da kommen die Lücken sicher besonders gut zur Geltung.

Abhängigkeiten

Tagesform. In Rosas Welt nicht existent und damit nichts, über das Körper oder ich uns Gedanken machen sollten.
Haben wir auch nicht. Nicht, als wir heutefrüh beim Sport waren und es ätzend fanden. Nicht, als wir Mittag zum Einkaufen los sind und es so anstrengend war, einen Fuß vor den anderen zu setzen. Aber, als wir danach auf dem Sofa saßen, das Maß an Erschöpfung eine neue Dimension erreichte und ich den Tränen nahe war, weil ich eine Freundin am Nachmittag besuchen wollte – da mussten wir dann doch dran denken. Und zwar, dass es die heutige nicht zulässt, jetzt noch etwas anderes zu tun als Tee zu kochen, weiter auf der Couch zu sitzen und Youtube leerzuschauen.
Und während ich das trügerische Gefühl habe, mir den Tag auf der Couch zu gönnen, statt garkeine andere Wahl zu haben, sitzt Rosa so verdutzt wie pläneschmiedend neben mir und überlegt, wie sie mich doch noch für ein paar Schritte begeistern kann.
Körper findet es gerade einfach nur großartig, daher lehnt er jeden Vorschlag selig ab.
Ich handle mit Rosa derweil die Bedingungen für morgen aus.