Fremdbild|Selbstbild

Aber was man im Inneren ist, zählt nicht. Das was wir tun, zeigt, wer wir sind.

Batman begins

Ist das so? Zählt nur das, was ich tue? Oder ist es nicht vielmehr eine Frage der Perspektive – aus der Sicht der Anderen mag das zutreffen. Aus meiner nicht.

Die Anderen: meine Arbeitskollegen

Sie sehen eine – meistens – selbstbewusste, verständnisvolle, etwas nachgiebige, aber immer kompetente und umgängliche Kollegin und Vorgesetzte, die lösungsorientiert handelt und nicht weniger als 100% gibt.

Die Anderen: meine Familie

Sie sehen eine stille, unauffällige und zurückgezogene Tochter/Nichte/Cousine/…, die nur selten Schwächen zugibt und lieber nichts als das Falsche sagt. Die sich lieber nicht meldet, als negativ aufzufallen.

Die Anderen: meine (wenigen) Freunde

Sie sehen mich – selten. Als was? Keine Ahnung.

Die Anderen: mein Mann

Er sieht mich als das, was am ehesten dem nahekommt, was ich bin. Liebe- und Harmoniebedürftig, verletzlich, instabil, nachdenklich, nicht gesund.

Die Anderen: meine Therapeutin

Sie sieht mich als reflektierte, motivierte, ein wenig außergewöhnliche, etwas zu stille, aber sehr beflissene Patientin, die während der Therapie riesen Fortschritte gemacht hat und stolz auf sich sein kann. Als jemand, der auf dem besten Weg zu einem gesünderen, zufriedeneren Leben ist und als jemand, der bloß aus Appetitlosigkeit von Termin zu Termin dünner wird.

Ich

Fühle mich, als würde ich mich bloß anstellen, reinsteigern, Probleme haben wollen, als wäre ich aufmerksamkeitsgeil, unsicher und ungenügend. Als hätte ich nur Mini-Schritte in der Therapie gemacht. Als Lügnerin, weil ich Schatz und Frau Therapeutin im Brustton der Überzeugung sage, ich wolle nicht weiter abnehmen (und das berauschende Gefühl der Kontrolle nichtmal erwähne) und natürlich weder an SV noch an ein Ende denke. Oder daran, mich irgendwie zu berauschen.

Ich, die ich an mir selbst und am Leben manchmal mehr, selten weniger,verzweifle. Ich, die ich meine Klinge nicht wegschmeißen kann. Ich, die ich – erst in letzter Zeit, aber dennoch – zu oft etwas trinke. Ich, die ich – erst in letzter Zeit, aber dennoch – zu selten etwas esse. Ich, die gerne einen Unfall hätte. Ich, die gerne jemand anderes wäre.

Ich bin nicht das, was die Anderen sehen. Aber zählt es?

98 – Denken. Hoffen.

Frau Therapeutin sagt, es ist normal, dass ich in alte* Verhaltensmuster zurückfalle.
Frau Therapeutin sagt, es ist normal, dass ich in alte* Denkmuster zurückfalle.
Frau Therapeutin sagt, ich muss dranbleiben.
Frau Therapeutin sagt, ich muss Achtsam bleiben.
Frau Therapeutin sagt, ich soll mich ablenken.

Ich sage nicht, dass ich keine Lust mehr habe. Dass ich will, dass es aufhört. Dass ich finde, nach 15 Jahren reicht es jetzt wirklich mal. Dass ich aus Überzeugung und ganz bewusst zu wenig esse, zu oft (heimlich!) Alkohol trinke, und keine Hoffnung auf dauerhafte Besserung sehe.
Ich schweige. Denke. Hoffe. Auf ein Ende.

*alt ist relativ. alt ist nur ein paar wochen alt. alt ist jetzt. alt ist neu.

94 – Wohin?

Wohin mit den Gedanken, dass es nur eine Absolutheit im Leben gibt?

Wohin mit den Gedanken, dass die einzige Gewissheit ein Ausweg wäre?

Wohin mit den Gedanken, die ein normaler Mensch nicht denkt?

Wohin mit den Gedanken, die ich niemandem erzählen kann?

Wohin mit den Gedanken, die ich doch gar nicht haben kann, wo es mir doch besser geht?

Geht es mir besser?

40

Sie war ein Mond. Ein komplexer Himmelskörper aus Gedanken und Gefühlen, der um ein Leben kreiste, um einen Planeten.
Er hatte eine helle und eine dunkle Seite, dazwischen Zwielicht. Sie kannte ihn in- und auswendig. Kannte jede seiner Seiten, seine Oberfläche und alles, was darunter lag. Auch die Narben waren ihr vertraut, die die Einschläge von Asteroiden und die Vulkanausbrüche hinterlassen hatten.

Sie war dieser Planet, dieses Leben. Aber sie war auch der Mond, der auf ewig verbunden seine Bahnen am Himmel zog.
Sie wünschte sich, frei zu sein. Frei von einem Planeten, der sie seit einer gefühlten Ewigkeit zwang, ihren Blick ausschließlich auf ihn – und damit auf sich selbst – zu richten. Auf das Zwielicht und seine dunkle Seite, die so anders war, als das Licht. Bizarr, kalt, und auf eine nicht greifbare Art gewaltig. Der mit seiner schwankenden Anziehungskraft irgendwann dazu führen konnte, dass sie hinunter stürzte und sich selbst verlor.
Sie wollte mehr sein, als nur ein gefangener dunkler Satellit. Sie wünschte sich hin zum Licht, hin zu den zahllosen Sternen.

28

Mit Unwillen, ja Abscheu, sah sie das Kostüm an, das sie am Freitag achtlos in eine Ecke geworfen hatte. Zerknittert lag es am Boden, zusammen mit ihren Plänen und ihrer Hoffnung. Es passte ihr nicht so richtig. Schien viel zu eng, unbequem.

Und es war kein Superheldenkostüm, welches seinem Träger allein durch sein Überstreifen zu Superkräften verhalf. Ganz im Gegenteil. Es war so dünn, dass jeder Angriff direkt zu ihr hindurch drang und eine heftige Verletzung hinterließ. Weiterlesen „28“

13

Sie war einfach losgelaufen. Hatte sich auf die Suche gemacht, mit unbekanntem Ziel. Nein, eigentlich wusste sie genau, was sie suchte, aber eben nicht, wo sie es finden konnte. So lief sie immer weiter, getrieben durch die Hoffnung, irgendwann irgendwo anzukommen.

Regen begleitete sie seit geraumer Zeit, durchnässte ihre Kleidung und lief ihren Körper hinab. Es war ihr egal, finden, ankommen war das erklärte Ziel. Kalter Wind blies ihr ins Gesicht, aber sie lief einfach weiter. Für Weggefährten hatte sie keine Augen, keine Zeit, sie hielten sie nur auf. Wer ihr folgte, den verjagte sie nicht, aber sie nahm es auch niemandem übel, wenn er schließlich einen anderen Weg einschlug als sie.

Irgendwann war sie so schnell unterwegs, dass die Landschaft zu einem verwischten Streifen in Grau verschwamm, der jede Landschaft einheitlich trostlos aussehen ließ. Sie war so weit entfernt von ihrem Ausgangspunkt, wie es nur irgendwie ging. Suchte und suchte immer weiter, und übersah dabei, dass sie es längst gefunden hätte, wäre sie nie losgelaufen.

23.05.2015