Sonntag, 69. Januar

Die Zeit ist stehengeblieben. Kurz vor der ersten Woche im Februar, als die Katastrophe nicht vorbei war. Erwartet, zwar, aber nicht gehofft. Gehofft war etwas anderes. Seither steht die Zeit.
Ganz oft denke ich zum Beispiel, dass diese oder jene Knospe aber früh dran ist in diesem Jahr – bis ich merke, dass es da draußen schon Mitte März ist, nicht Ende Januar, so wie in meinem Kopf.

Da draußen läuft die natürlich ungetrübt weiter, denn was juckt die Zeit schon meine innere kaputte Uhr. So gehen meine letzten Urlaubstage ins Land, während ich mir wünsche, ich hätte meinem neuen Hausarzt die Ohren vollgeheult, so dass ich vielleicht ein paar Tage Krankschreibung hätte erwirken können. Hab ich nicht. Gewissen sauber, Uhr immernoch kaputt.

Ich fange in Gedanken an, Ausreden Gründe und Begründungen für SV zu finden. Das Sehnen wird stärker, und ein bisschen verstehe ich auch, warum. Weil ich erst die Fenster zugenagelt habe, dann die Tür, und mich nun wundere, warum nichts von dem, was in meinem Kopf passiert, nach außen dringt. Das Brecheisen finde ich nicht, aber ich weiß, wo die Streichhölzer liegen…

Von außen betrachtet

Von außen betrachtet führe ich ein ganz normales Leben. Von außen bekomme ich das oft gesagt. Dass ich einen guten Job mache. Dass ich an einem schönen Ort lebe.
Jetzt, wo ich Urlaub habe, soll ich mich erholen und entspannen. Nichts tun. Es mir gut gehen lassen. Was man halt so macht als normaler Mensch, wenn man Urlaub hat.

Von innen betrachtet bin ich jedes Mal wieder erstaunt, dass ich so ein normales Leben führe, während ich das Gefühl nicht loswerde, eine Maske zu tragen und eine Rolle zu spielen.
Nein, ich liege innerlich nicht am Boden. Ich bin nicht zutiefst verzweifelt. Aber in meinem Urlaub kann ich nicht Nichts tun, weil ich dann nach Innen statt nach Außen blicke, und da gibt es so verflucht viel aufzuräumen. Und ich weiß, wie schnell ich mich in meinem Chaos verlieren kann, und dann doch stolpere.

Schemenhafte Gedanken huschen geisterhaft in meinem sonst leeren Kopf umher. Blitzartige Ideen, die sich in Rauch auflösen, sobald ich sie festhalten will. Nur Schneiden und Trinken haben mehr Kontur, als sie haben sollten.

Du willst hier weg du willst hier raus
Du willst die Zeit zurück
Du atmest ein du atmest aus
Doch nichts verändert sich

Juli – Geile Zeit

Innen würde so gerne ausbrechen. Schreiend losrennen, weg, raus. Ausrasten, zu viel trinken, schneiden, untertauchen, verschwinden. Gerettet werden.

Die Frau im Spiegel

Schatz weiß, was ein Mädchen hören will. Du siehst fertig aus, sagt er, als ich von der Arbeit heimkomme. Und so fühle ich mich auch. Erschöpft. Ich will nur noch aufs Sofa.
Seit Tagen geht es mir so. Vormittags ist es okay, aber mit Beginn meiner Mittagspause habe ich das Gefühl, ich wäre einen Marathon gelaufen. Bergauf. Mit Bleiweste. Dann will ich nur noch Heim, aufs Sofa oder ins Bett, mit Kuscheldecke, und nichts mehr tun müssen.

Manchmal, wenn ich an einem Fenster oder einer Glastür vorüber gehe und mein Spiegelbild aus den Augenwinkeln sehe, denke ich, die ist aber dünn. Aber das bin nicht ich, denn wenn ich mich mit Absicht vor den Spiegel stelle, bin ich vielleicht schlank, aber auch nicht mehr weniger.
Ich bin nicht dünn. Oder doch? Denn da ist diese schmale, aber doch vorhandene Lücke zwischen meinen Oberschenkeln, von der ich bislang überzeugt war, sie sei rein anatomisch niemals möglich, und meine Schulter, die je nach Licht ziemlich knochig ausschaut. Abgesehen von meinen Hosen, die ich größtenteils ausziehen kann, ohne sie zu öffnen – würde ich sie noch tragen (können).

Vielleicht werde ich einfach krank. Grippale Infekte gehen in der Firma rum. Vielleicht habe ich mich angesteckt.

Am Ende

Ich darf endlich wieder ins Bett. Aber anders als bei den Puppen, die beim Hinlegen die Augen schließen, gehen meine auf, als mein Kopf das Kissen berührt und ich das Licht ausschalte.
Der Tag war lang und ätzend. Brennende Kopfschmerzen, den ganzen Tag, weil ich seit Tagen nicht gut schlafe. Ich habe wieder mit Lasea angefangen, die mir das Ein- und Durchschlafen leichter machen. Dennoch fühle ich mich seit Tagen beim Aufwachen erschöpfter, als beim Schlafengehen.
Was am Tag zuvor erstaunlich gut funktionierte – mir sagen, dass Nachdenken nichts bringt und ich einfach schlafen sollte – zeigt jetzt keinerlei Wirkung. Ich denke an die Fahrt zur Arbeit, und dass ich fast umgedreht wäre an diesem Morgen, weil ich mich so unendlich müde fühlte und aus Angst, Erschöpfung und Sorge Weinen musste. Ich denke an die Fahrt nach Hause, bei der ich mich richig erschrocken habe, als mir auffiel, dass es erst Dienstag ist und ich noch 3 weitere Tage vor mir habe.
Ich liege also im Bett und denke. Schlafe ein, wache auf, denke, döse, und hoffe nicht, dass ich es am nächsten morgen trotzdem schaffe, aufzustehen.

Als ich wieder mal aufwache und nach langer Zeit doch auf die Uhr schaue, ist es 3.20 Uhr. Der Wecker geht in 1 1/2 Stunden, ich fühle mich, als hätte ich garnicht geschlafen. Ich bemerke Bauchkrämpfe, gehe zur Toilette und nehme eine Tablette. Als ich wieder ins Bett gehe, denke ich, dass ich unmöglich so arbeiten gehen kann. Eine Stunde Autofahrt in der Verfassung – keine gute Idee. Ich schreibe eine Email, melde mich krank, und schalte den Wecker aus. Endlich kann ich etwas schlafen.

Es ist kurz vor 9, als ich aufwache. Mein schlechtes Gewissen ist auch gleich da und hält mir vor, was für eine faule Sau und ein schlechter Mensch ich bin, dass ich heute krank bin blau mache.
Ich brauche fast eine halbe Stunde, bis ich mich zum Aufstehen aufraffen kann. Meine Knie tun aus unerfindlichen Gründen weh, ich habe immernoch, oder schon wieder Kopfweh, in meinem Handgelenk scheinen aus genauso unerfindlichen Gründen einige Nerven entzündet zu sein. Meine Bauchkrämpfe sind immernoch leicht da, meine Periode nach wie vor nicht – heute ist Tag 34 und ich weiß, dass ich nicht schwanger bin, auch wenn mein Bauch derzeit wie im 3. Monat ausschaut, weil er mal wieder so geschwollen ist (und ich mich wirklich mal auf Endometriose untersuchen lassen sollte). Ich habe das Gefühl, mein Körper will mir sagen, dass irgendetwas mal so überhaupt nicht stimmt. Mir fällt ein, dass mir in der Nacht ständig zu heiß oder zu kalt war, und mein Lymphknoten am Hals geschwollen war.

Ich versuche also, meinem schlechten Gewissen so wenig Raum wie möglich zu geben, während es mir weiter einzureden versucht, dass ich genauso gut hätte Arbeiten gehen können, statt faul und unproduktiv auf dem Sofa herumzusitzen. Den Tag zu nutzen, um etwas zur Ruhe zu kommen und mich um mich selbst zu kümmern.

Am Ende wird sich zeigen, wer gewinnt.

54 – Wo fange ich an?

Und das meine ich wörtlich. Wo fange ich an, wo hört die Depression auf? Was ist Teil meiner Persönlichkeit, was gehört zur Krankheit?

Das frage ich mich öfter, in letzter Zeit. Wahrscheinlich auch, weil ich über Antidepressiva nachdenke, die ich bisher noch nie genommen habe, und Angst vor Persönlichkeitsveränderungen habe – dass ich dann nicht mehr ich selbst bin. Und, weil ich – ausgelöst durch die Katastrophe und das Loch, das gerade eher tiefer als flacher wird – immer mehr zu der Einsicht komme, dass ich so nicht weitermachen möchte. Ich will mein Leben zurück, will Gefühle spüren, Energie haben, Pläne machen. Wenn es auch nur etwas Gutes an der Situation gibt, die Schatz und ich durchmachen, dann diese Erkenntnis(se).

Zur Zeit bin ich die wandelnde Planlosigkeit. Mir ist das Meiste egal, ich will nur, dass der Tag möglichst bald vorbei geht und ich wieder ins Bett kann, wo ich hoffentlich einigermaßen schlafen kann. Ich kann mir nicht merken, welcher Tag eigentlich ist, vergesse Termine in der Arbeit, kann nicht denken und will nur, dass das alles vorbei geht.

Ich weiß, ich kann akut nichts daran ändern, wie ich mich fühle. Ich kann auf meine Gedanken achten und kann mir Gutes tun, aber all das wird nicht dazu führen, dass ich morgen aufwache und alles anders ist. Auch nicht übermorgen. Aber in einigen Wochen, vielleicht. Das macht das Durchhalten nicht weniger anstrengend.

Ein Lichtblick: den Urlaub, den wir uns bald gönnen werden. Eigentlich sah unsere Jahresplanung anders aus, aber “eigentlich“ war, bevor all das passiert ist. Und uneigentlich sind wir schon jetzt reif für die Insel/Klappse/Auszeit/wasauchimmer, und wollen nur noch raus.

Es gibt diesen blöden Spruch: besser ein Ende mit Schrecken, als Schrecken ohne Ende. Ich weiß gerade nicht, was es ist, hoffe aber auf das Erstere.

Das Gras wird gebeten, über die Sache zu wachsen. Das Gras bitte!