Schatten

Schwarz hat, was sie will. Mich, in einem verdammt dunklen Loch, dessen Grund die Sonne, die draußen scheint, nicht einmal ansatzweise erreicht.
Wir kauern zusammen dort unten und diskutieren, ob wir trotzdem spazieren gehen sollen oder stattdessen lieber nach der Rasierklinge suchen, während ich mich immer noch frage, warum ich heute überhaupt aufgestanden bin.

Wie gerne würde ich mich in die Sonne stellen und den Vögeln zuhören, die Bienen beobachten. Aber von hier unten geht das nicht, und anstelle von Bedauern fühle ich nichts.
Heute überrascht mich nicht, denn es ist ja nicht so, als hätte ich die Zeichen, die Schwarz mir die ganze Woche über schon alles andere als dezent mit einem Zaunpfahl um die Ohren gehauen hat, nicht bemerkt. Sie waren mir nur einfach egal.
Eine sarkastische Gedankenstimme meldet sich mit den Worten Wie praktisch, dass du am Montag noch deinem tollen neuen Hausarzt erzählt hast, dass es dir „ganz gut“ geht und du schlafen kannst. Ich antworte nichts, während unzusammenhängende Satzfetzen wie wollte nicht jammern, Vertrauen ist doch nicht so einfach wie gedacht und hoffentlich mag er mich auftauchen.

Ich weiß nicht als Antwort auf alle (un)gestellten Fragen.

Gedankenstimmen

Ich bin schrecklich nervös. Als hätte ich 17 Tassen Kaffee gehabt, dabei war es nur eine, wie immer in der Früh, aber ich habe das Gefühl, durchzudrehen.
Ich habe kaum geschlafen letzte Nacht, weswegen ich Kopfschmerzen habe, gegen die nichts hilft. Meine Ohren sind laut, mein Kopf tuppelt wie ein Flummi grundlos vor sich hin und ich finde es wahnsinnig anstrengend.

Gedankenstimmen geben zu allem ungefragt ihren Kommentar ab. Schreien mich an, hetzen mich, reden durcheinander und hören nicht auf mich.

Ich könnte heulen vor Nervosität. Ich will mich verletzen oder was trinken. Oder und.

°

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Ich habe gelesen, dass sich zwischen dem 20. und 25. Lebensjahr die eigene Identität herausbildet und festigt. Man probiert aus – das Leben, Beziehungen, Grenzen, sich selbst.
Ich habe diese Jahre im Dunkeln verbracht. Ich habe mich nicht ausprobiert, sondern überlebt.

Und jetzt stehe ich hier und weigere mich, das Leben an mich heran und die Depression und SV gehen zu lassen. Weil ich mich mit ihr identifiziere, sie ist mein Leben. Aussprechen würde ich das nie.

Jeden Tag frage ich mich aufs Neue, ob ich noch die Kriterien für F33.8 noch erfülle und gleichzeitig, was ich davon habe, wenn es so ist – oder auch nicht. Ich habe keine Ahnung, wie ich mich davon lösen soll. Das war nie Bestandteil einer der Therapien und ist nichts, über das ich sonst mit irgendjemandem sprechen würde.
Ich suche Beweise und Bestätigung, fülle VDS30- und VDS90-Fragebögen aus, erhalte Grenzwerte und ignoriere zeitgleich, dass ich zu oft an Alkohol denke trinke, nicht Essen nach wie vor ein Thema ist und mein Gehirn nicht immer das macht, was es soll.

Das schwarze Loch in meinem Innern verschluckt mich immer wieder aufs Neue. Manchmal lässt es mich raus – zum Spaß, scheinbar, weil es das erneute Verschlucken lustig findet, und dabei genüsslich auf mir rumkaut. Ich nicht so – aber wenn ich den Absatz drüber lese, stehe ich wohl doch drauf.

Ich sollte darüber nachdenken, weiter irgendeine Therapie zu machen.

Hm

°Triggerwarnung°
Ich fühle mich entschleunigt, auch wenn ich das Wort nicht mag. Die weitgehende Planlosigkeit dieses Urlaubs tut mir gut.
Dennoch rumort irgendetwas in mir. Ungedachte Gedanken, unausgesprochene Worte, unbefriedigte Bedürfnisse. Äußern tut sich das ganze in subtilem Kopfweh, einem vor unbewusster Anspannung schmerzenden Kiefer und steigendem Selbstverletzungsdruck – letzteres ein für mich gerade nicht einmal negativ besetztes Gefühl, eher ein Sehnen danach.

Mein Kopf fühlt sich unsortiert an. Tagsüber komme ich nicht zum Denken, dabei hätte ich Zeit genug, aber es will irgendwie nicht. Abends im Bett fängt es dann an, von selbst loszulaufen, wo ich es so gut ich kann unterbinde. Irgendwas ist da, aber es kommt nicht an die Oberfläche. Es lässt sich nicht denken, versteckt sich, entzieht sich meinem Zugriff. Schneiden würde helfen, denkt ein Teil von mir – weil es das bisher immer getan hat. Als würde ein Schalter umgelegt, kann ich danach Dinge anders sehen, anders denken als vorher.

Da ist es also wieder. Das Problem, dass ich Skills und Strategien kenne, es nicht zu tun. Aber das, was tiefer liegt, erreiche ich dadurch nicht.

F wie …

Ich tue es schon wieder. Mich in Diagnosen verlieren, ICD-F-Diagnoseschlüssel aus meiner Patientenakte vom Hausarzt googeln, mich darin suchen und fragen, ob ich überhaupt krank bin, weil ich auch heute schon wieder (!) einen eigentlich recht guten Tag habe. Ob es dann noch eine Rechtfertigung für das, was in meinem Kopf passiert, gibt.
Einen guten Tag einfach als solchen hinnehmen? Ging gestern einigermaßen gut, heute eher so mittel bis schlecht.

Für nächste Woche habe ich jetzt einen Termin bei meinem vielleicht neuen Hausarzt Herr Dr. Ganzheitlich gemacht, gleich mal Vorsorge inkl. Hautkrebs-Screening. Dann weiß er gleich, woran er ist und ich habe mir fest vorgenommen, ihn sehr offensiv zu fragen, ob die Diagnosen ein Problem für ihn sind. Ob ich mit Vorwürfen rechnen muss, wenn es doch mal wieder zu SV kommt, weil ich nicht versprechen kann, dass es nie wieder passiert.

Von außen betrachtet

Von außen betrachtet führe ich ein ganz normales Leben. Von außen bekomme ich das oft gesagt. Dass ich einen guten Job mache. Dass ich an einem schönen Ort lebe.
Jetzt, wo ich Urlaub habe, soll ich mich erholen und entspannen. Nichts tun. Es mir gut gehen lassen. Was man halt so macht als normaler Mensch, wenn man Urlaub hat.

Von innen betrachtet bin ich jedes Mal wieder erstaunt, dass ich so ein normales Leben führe, während ich das Gefühl nicht loswerde, eine Maske zu tragen und eine Rolle zu spielen.
Nein, ich liege innerlich nicht am Boden. Ich bin nicht zutiefst verzweifelt. Aber in meinem Urlaub kann ich nicht Nichts tun, weil ich dann nach Innen statt nach Außen blicke, und da gibt es so verflucht viel aufzuräumen. Und ich weiß, wie schnell ich mich in meinem Chaos verlieren kann, und dann doch stolpere.

Schemenhafte Gedanken huschen geisterhaft in meinem sonst leeren Kopf umher. Blitzartige Ideen, die sich in Rauch auflösen, sobald ich sie festhalten will. Nur Schneiden und Trinken haben mehr Kontur, als sie haben sollten.

Du willst hier weg du willst hier raus
Du willst die Zeit zurück
Du atmest ein du atmest aus
Doch nichts verändert sich

Juli – Geile Zeit

Innen würde so gerne ausbrechen. Schreiend losrennen, weg, raus. Ausrasten, zu viel trinken, schneiden, untertauchen, verschwinden. Gerettet werden.