Molekül

Achja. Körper ist ja auch noch da. Hatte ich verdrängt vergessen, irgendwie. Und statt sich hübsch diskret im Hintergrund zu halten, wie sich das für ein so fragiles Geschöpf gehören täte, hat er sich trotzig auf den Boden geworfen, umklammert nun mit beiden Händen Rosas Beine, die selbstverständlich schon in Sporthosen stecken, und macht sich extra schwer, was garnicht so leicht ist. Leicht wie er ist.
Aber Rosa hat sowieso nicht mehr als ein müdes Lächeln für ihn übrig, als sie ihn einfach trotzdem mit zum Sport schleift und so wort- wie mühelos auf den CrossTrainer stellt, wo er gefälligst seinen Dienst zu tun hat.
Dabei ist Körper langsam wirklich durch. Seit Klinik nur noch eine Frage der Zeit ist, nörgelt er täglich lauter, dass er weder die Reserven noch die Lust hat, Rosas jetzt nur noch übersteigerteren Bewegungsdrang, der uns zu inzwischen 6-7 Mal Sport pro Woche bei nochmals restringierter Energiezufuhr geführt hat, noch länger zu ertragen.
Ich stehe zwischen den Beiden und schaue zu. Denke darüber nach, ob es legitim ist, mir erst in aller Seelenruhe eine sehr lange Weile beim Verschwinden zuzusehen, nur um dann in eine Klinik zu gehen, ohne es vorher wirklich versucht zu haben, selbst oder ambulant wieder an Kontur zu gewinnen. Am Ende gehört es aber zu den Millionen von Dingen, die mir derzeit sehr egal sind. Und doch habe ich das unbändige Verlangen, meinen Kopf wirklich hart auf den Betonboden der Garage, auf dem meine Sportmatte und Körper liegen, zu schlagen. Damit Kopf zu Denken aufhört und Körper endlich die Pause bekommt, die ihm in seiner allumfassenden Erschöpfung zusteht. Praktisch wäre auch, wenn ich ihn einfach beim Sport abgeben und anschließend wieder abholen könnte, so dass ich mich nicht damit rumschlagen müsste, wie sehr er nicht mehr mag. Aber leider braucht er eine rund-um-die-Uhr-Betreuung, alleine geht er nicht dort hin. Und Rosa muss ich ja an die andere Hand nehmen, damit sie die Kontrolle nicht verliert und sich möglichst oft um Spiegel anschauen kann, die es im Studio gibt.
Bis auf Rosa haben wir also eigentlich alle keine Lust. Aber auch keine Wahl.

Limitiert

Meine Muskeln summen, als ich stehen bleibe, um etwas zu trinken. Körper kann nicht mehr, und schon wieder droht er mit Systemabschaltung. So wie vorhin vorm Frühstück, als ich plötzlich merke, dass ich kurz davor bin, einfach umzufallen, weil sämtliche Speicher einfach leer sind.

Von vorne. Wir gehen auf Wander-//Foto-//Bergtour – eine, die Schatz vor einiger Zeit allein gemacht hat und die er mir unbedingt zeigen möchte. Es ist toll, aber ich scheitere trotz bester Vorsätze an dem letzten Stück rauf zur Alm, auf der er gewesen ist. Zu steil, zu weit, zu ungefrühstückt. Also gehen wir den Weg ein Stück zurück, zur vorigen Alm, und rasten dort. Ohne frische Buttermilch, die es zusammen mit knuddelbaren Kühen und selbstgemachtem Käse oben gegeben hätte – daher nur mit Wasser und einem Pott Kaffee, während Schatz ein Stück Käsekuchen verdrückt. Immerhin, der Kaffee rettet mich über weitere 1 1/2 Stunden, bis zu eben jenem Punkt während des Rückweges, wo beinahe nichts mehr geht und ich endlich mein Frühstück auspacke. Und die Hälfte esse.
Die zweite Hälfte folgt im Auto, zu dem ich es noch gerade so geschafft habe. Kommuniziert habe ich all das natürlich weitaus harmloser und in deutlich geringerem Umfang, als es sich anfühlte und was wohl nur diejenigen wirklich nachfühlen können, die wissen, wie strange sich ein ausgehungerter Körper mit leeren Muskeln anfühlen kann, wenn er leisten soll, aber einfach nicht mehr kann und mit Abschaltung droht.

Iss halt einfach denkt sich der rationale Teil von mir. Rosa rollt mit den Augen.

Systemrelevanz

Rosa hatte gestern einen fantastischen Tag – stand sie doch die ganze Zeit im Zentrum meiner Aufmerksamkeit und durfte sich auf Instagram ganz besonders austoben. Immerhin billigt sie dafür gerade, dass ich abends noch ungetrackt diverse Beerensträucher im Garten abgrase, da ist das wohl nur fair.

Körper hat heute keine Lust. Die Treppe, die mich im Homeoffice von der Kaffeemaschine und der Toilette trennt, gleicht dem Everest jedes Mal mehr. Sport?! lautet seine nicht unberechtigt sehr zweifelnde Frage, aber er kennt die Antwort. Rosa gibt sie vor.
Aber er mag nicht. Er mag echt nicht. Also trennt Rosa mich von ihm – noch mehr als sonst. Und beinahe treibt sie es zu weit dabei, denn auch wenn das Gefühl irgendwie interessant ist, neigt der Körper deutlich mehr als einmal zur Selbstaufgabe und nutzt mein nicht mehr konzentrationsfähiges Hirn gegen mich.

Ich stehe daneben und betrachte. Beobachte. Mal fasziniert, mal fassungslos, mal kopfschüttelnd. Abwartend. Die Zeit vergessend, die unwiederbringlich zerfließt.

Sturmtief

Es ist schon wieder Mittwoch und mir fällt ein, warum ich eigentlich Sport mache. Was mir nicht einfällt ist, warum ich Mittwoch zum sportfreien Tag erklärt habe. Und mich auch noch daran halte.
Mein Kopf jedenfalls hat seine Hüpfburg aufgepustet (ohne Luftpumpe – dafür spricht zumindest meine mir heute wieder besonders auffallende Kurzatmigkeit), alles an auffindbaren Gedanken dort reingeworfen – jeden. einzelnen. Fetzen. – und hüpft. Ekstatisch.
Befürchtungen wickeln sich um Tatsachen, Gedanken verheddern sich im entstehenden Durcheinander, und ich stehe etwas ratlos davor. Rosa hält mir zusätzlich einen sehr ausschweifenden wie vorwurfsvollen Vortrag über meine Tageskalorienüberschreitung von 38 kcal und streut Salz in die heute-kein-Sport-Wunde, die ähnlich zwanghaft ist, wie morgen-natürlich-wieder-Sport.
Meinen ausnahmsweise sturmfreien Nachmittag hatte ich mir anders vorgestellt. Ohne Orkan.
Es ist schon wieder Mittwoch und mir fällt ein, warum ich Alkohol und Rasierklingen vermisse.

Versiegelung II

Das Pflaster ist ihr so präsent, wie es nur sein kann. Es juckt, und drunter brennt es ganz furchtbar. Vielleicht bahnt sich auch eine Entzündung an.
Alkohol wäre gerade super. Nicht zum desinfizieren – nicht nur – sondern um zu betäuben und sich Mut anzutrinken, um die Rasierklinge zur Ablenkung anzusetzen. Sie spürt, wie schwach sie ist. Wie sämtliche Energie gerade so ausreicht, um den Tag und das Sportpensum zu überstehen. Während andere ihre gar nicht so plötzliche, aber bisher gut überspielte Langsamkeit als Entspannung missdeuten und loben, spürt sie die physiologische Leere ihres Körpers und den schlurfenden Gang, der ihren Körper mit jedem Schritt mehr herausfordert und nicht vorhandene Reserven weiter leert. Und sie liebt es.

Leicht

Es geht mir scheiße die letzten zwei Tage. Gut, länger eigentlich, aber gestern und heute so richtig. Kein Wunder, halte ich meinen Körper weiterhin im Mangel und zwinge ihm Abbauprozesse auf, die er nicht will. Zusätzlich zum Sport natürlich, der mir jeden Tag schwerer fällt.

Es ist mehr als grenzwertig. Aber ich kenne meinen Körper. Er wird durchhalten, weil er muss. Zwei Wochen noch, so rede ich mir ein, dann geht vielleicht wieder mehr. Mehr Essen, mehr Kalorien. Wenn ich bei meiner Familie vorbeigeschwebt bin,mir das mir zustehende Mitleid und die Sorgen abgeholt habe. Ein Hoch auf die Opferrolle.