Resonanz

Es ist Oktober und unsere Obstbäume blühen ins Angesicht einer munter weiter vor sich hineskalierenden Welt, die ich aller gesellschaftlichen Verantwortung zum Trotz zum Erhalt meiner kleinen Fluffblase schlichtweg zu ignorieren versuche.
Der Spr(i/e)ngteufel und ein Kollege machen mir aber einen Strich durch die Rechnung, gefüttert durch die Blauzahnverbindung im neuen Auto, so dass es nun Lieblingsmusik spielen kann. Das Resultat mag weder die Fluffblase, noch ich, weil es Dinge hochholt, die nicht umsonst – und ohne Beschriftung – in die Kiste gestopft sind.
Mit Einfahrt in die Garage und gezogenem Schlüssel sitzt aber wieder jemand brav auf dem Deckel und ich wiege mich in trügerischer Sicherheit. Bis um 3 Uhr morgens, als mein Gehirn plötzlich der Meinung ist, jetzt wäre doch auch wieder ein hervorragender Zeitpunkt, um weiter über den Kollegen nachzudenken, der gerade wild entschlossen ins Burnout rennt, so dass meine Empathie dabei im Dreieck springt, natürlich wiederholt die Gefühlskiste anrempelt und Inhalt unkontrolliert rausschwappt.
Jetzt bin ich mir nicht sicher, ob ich wirklich ihn oder vielmehr mich retten will, wenn ich im Kreis über Möglich- und Notwendigkeiten nachdenke. Und ob ich nicht doch mal die Kiste aufräumen soll.

Karaoke

Während meiner Einzelpersonenbeförderung ist es ja zum Glück relativ egal, dass ich meine gesanglichen Fähigkeiten nicht ganz zu Unrecht als eher so mittel beschreiben würde, so lange ich die Fenster geschlossen halte. Aber seit wenigen Wochen kann ich überhaupt wieder etwas Radio hören, wenn ich im Auto unterwegs bin, ohne mich maßlos überfordert zu fühlen, und damit kommt auch – wie bereits gelegentlich beim Putzen daheim – die Lust zurück, lauthals und entsprechend schief mitzusingen. Sing like no one is listening – because no one is listening – lautet die theoretische Devise. Praktisch hört immer diejenige in meinem Kopf mit, die gerade auf der Gefühlskiste sitzt – und die reißt es jedes. einzelne. Mal. dazu hin, aus nicht näher definierten Gründen jubilierend aufzuspringen. So dann auch eben jene Gefühlskiste, deren pharmazeutische Ketten ja nun schon vor einer Weile entfernt wurden. Und die knallt mir dann ihren Inhalt ebenso unaufgefordert wie schonungslos um die Ohren, wodurch ich spätestens beim ersten Refrain die Wahl habe: umgehend meinen Mund halten oder – vollkommen genreunabhängig – heulend zusammenbrechen, ohne auch nur den Grund dafür zu erahnen. Also, die theoretische Wahl. Weil, natürlich hat die innere Laola umgehend alles wieder restlos einzusammeln und sich hinzusetzen. Hab ja schließlich besseres zu tun. An einem Sonntag nach dem °ich.bin.so.dumm.schaueinmeineFirmenmailsundentdeckeeineunumgänglicheEssens“einladung“° durchdrehen zum Beispiel.

Physis

°Triumphal ist das Wort, was du suchst°, sagt sie, während ich versuche, ihren Gesichtsausdruck zu beschreiben. Und Rosa hat Recht, etwas anderes fällt mir tatsächlich nicht dafür ein, wie sie so vor mir steht und mit den beiden Vergleichsmessungen der Bioimpedanzanalyse aus dem Studio rumwedelt.
Und in der Tat denke ich, wir haben den heiligen Gral entdeckt. Muskeln auf- und Körperfett abgebaut. Alter, was will man mehr? °Mehr Energie? Menstruation? Käsespätzle?° wirft Körper ein, aber Rosa schüttelt nur selbstgefällig den Kopf und rahmt sich gedanklich den Fortschritt ein.
Allerdings ist da ja noch das Körpergefühl und das ist ne Weile eher so °meh° und dann kommt auch noch meine Mama zu Besuch. Also starten wir zwar sehr enthusiastisch den neu angepassten Trainingsplan, streichen aber gleich mal ne Zwischenmahlzeit – sicher ist sicher.

Und jetzt ist es Heute und Mama auf dem Heimweg und die Zwischenmahlzeit wieder vorsichtig erlaubt. Das heilt zwar Rosa nicht, aber das ist ja schließlich auch nicht das Ziel.

Anabol

Während ich versuche, meinen Gedankensalat irgendwie sinnvoll einzusortieren, drängt sich eine so simple wie bahnbrechende Erkenntnis relativ dreist dazwischen. Vielleicht ist es ja auch okay, gerade einfach mal fein damit zu sein, wie mein Leben so läuft. Und jetzt steh ich da, vor meinem Salat, dem nur provisorisch eingeräumten Ordnungssystem und dieser Erkenntnis und denke, fuck, sie hat Recht.

Gerade ist echt alles ziemlich okay – hält man die Augen weiterhin hübsch verschlossen vor der Welt – und ich fühle mich auch okay. Echt jetzt!
Arbeit? Läuft.
Sport? Läuft.
Privat? Läuft.

Was ich dennoch gerne einsortieren würde, ist Rosa. Weil, wir arrangieren uns und ich habe Angst, dass sie einfach geht. Ich will sie festhalten, einfach weil halt. Weil Halt, wahrscheinlich. Körper hätte da durchaus ne andere Meinung zu und ist auch ausgesprochen deutlich in seinen Forderungen, was mir wiederum so garnicht in den Kram passt.



Bei 28,3° eine Miezekatze auf dem Schoß zu haben, ist nur so semi 🔥

Aporie

Ich kann sie beide verstehen. Körper, wenn er bei jeglichen Aktivitäten immer deutlicher mault – ganz zu schweigen von so etwas wie dem Zeigen von Leistungsfähigkeit oder gar -steigerung im FitnessStudio – und Rosa, die mir aller in jenen Situationen gefassten Vorsätze zum Trotz einen Vogel zeigt, wenn es um Korrekturen geht. Beide umkreisen sich wie Raubtiere und schmeißen mit Amenorrhoe und Kontrolle um sich. Im entstehenden Handgemenge bekomme ich die meisten Ohrfeigen ab und würde mich gerne trösten lassen, aber dann müsste ich ja reden.
Igittihbäh.
Dass ich eigentlich jederzeit wieder auf Frau Therapeutin zugehen könnte, macht es auch nicht besser, weil ich sehr genau weiß, dass ich mich dort nur ein bisschen streicheln lassen würde, um anschließend wieder einen Weg zu skizzieren, der Lob verdient und nicht stattfindet. Einfach, weil ich es kann, das Ding mit der Manipulation.
Also setze ich mich einfach in die Mitte der Kreise, die die Teufel um mich herum ziehen, und schaue ihnen beim kleiner werden zu.
Wenigstens die Arbeit funktioniert jetzt. Ist ja schonmal was.