Luft

Der zweifelhafte Dunst der Esskastanie, unter der ich sitze, umweht mich, während ich hier im Garten sitze und darauf warte, dass es endlich Zeit ist, das Gemüse für unsere Grillpfanne heuteabend abzuwiegen und zu schnippeln. Ironischerweise hasse ich Hunger fast noch mehr, als dass ich ihn liebe.

Zeit für eine weitere Bestandsaufnahme.
Ich war am Freitag zum dritten Mal im Fitnessstudio und fühle mich jedes Mal unfassbar beobachtet. Während Rosa sich im Spiegel kaum sattsehen kann und sich bewundert fühlt, laufe ich mit hochgezogenen Schultern von Gerät zu Gerät, auf dass mich ja niemand anspricht oder gar zum Wiegen zitiert, um mich anschließend rauszuschmeißen und auf unbestimmte Zeit zu sperren.
Meine am Rücken herausstehenden Hüftknochen schmerzen seit einiger Zeit latent, was Rosa jedoch nicht davon abhält, sie immer wieder abzutasten, ob sie auch wirklich noch da sind. Mein nicht vorhandener Arsch ist jedenfalls noch da, sagt er, als er merkt, dass zwei Stuhlkissen auf dem Gartenstuhl eindeutig 5 zu wenig sind.
Zum Staubsaugen heute fehlte mir – eigentlich – die Lust, aber neben der expliziten Notwendigkeit sah auch Rosa selbige, der Bewegung wegen. Dass sie mich damit an den Rand meiner körperlichen Leistungsfähigkeit, mindestens jedoch meiner mentalen Willenskraft bringt, findet sie eher begrüßenswert. Ich tröste mich damit, dass immerhin knapp dreistellige Quadratmeter zu Staubsaugen auch eine echte Herausforderung sein kann und bin ansonsten froh, dass mein Hirn weiterführende Gedanken schon länger und ziemlich umfassend einfach ablehnt und stattdessen lieber schaukelnd in der Hängematte liegt. Am liebsten hat es dabei, wenn ich Youtube laufen lasse (was über Essen wäre toll!) und es bitte nicht mit irgendwelchen kognitiv höchst anspruchsvollen Dingen wie dem Lesen meiner abonnierten Psychozeitschrift dabei unterbreche. Die kommt in letzter Zeit eh viel zu oft, meckert es dann und verweist vorwurfsvoll auf den langsam höher werdenden Stapel un- bzw. angelesener Papierberge, von denen ich maximal die Hälfte des angelesenen verstanden, geschweige denn im Gedächtnis behalten habe. Von den Büchern, die etwas angestaubt gleich daneben liegen, ganz zu Schweigen.

16.55 Uhr. Gleich kann ich reingehen und das Gemüse und den Salat vorbereiten. Und frage mich, worauf ich mich mehr so-etwas-wie-freue. Das Essen, oder dass ich dann bald ins Bett und von Essen träumen kann, ohne dass Rosa ein schlechtes Gewissen haben muss.

Dämmerung

Es ist 3 Uhr früh, als ich aufwache und weiß, dass ich nicht mehr einschlafen werde, obwohl ich noch sterbensmüde bin. Aber Rosa tippt mir penetrant auf die Schulter, mit großen fragenden Augen, und verlangt, dass wir nun endlich den Restaurantbesuch von gesternabend mal genauer beleuchten. Also stehe ich auf, tappe im Dunkeln zum Sofa und versuche mit müden Augen, den Anzeigen auf meinem Handydisplay einen Sinn abzugewinnen.
Als ich fertig damit bin, die Mengen grob zu schätzen, schaut Rosa entsetzt bis fassungslos zwischen der Kalorienbilanz und mir hin und her. Kopfschüttelnd steckt sie sich die Finger in die Ohren und singt schief, als ich den Versuch starte, ihr logisch zu erklären, dass es trotzdem noch im Defizit gewesen sein wird und wir nicht zunehmen werden. Stattdessen murmelt sie du spinnst und ganze Woche im Arsch. Ich frage, ob ich jetzt noch ein bisschen weiterschlafen darf, aber sie bockt und redet nicht mehr mit mir. Immerhin hat sie aber zu singen aufgehört und beäugt immerhin meinen heutigen Tagesplan nicht allzu ablehnend – ich habe mir ja auch Mühe gegeben, das stimmt sie einen Hauch versöhnlich. Na gut, flüstert sie, und so rollen wir uns auf der Couch nochmal zusammen.

Kindchenschema

Mama möchte dringend mit mir reden, erzählt mir die Sprachnachricht in WhatsApp. Was ich unpraktisch finde, weil meine Woche mit Arbeiten und Sport mehr als voll ist und ich jetzt nicht nur genervt, sondern auch scheiße neugierig bin. Also, Verabredung für nach dem Abendessen. Nach einer Weile Smalltalk kommt sie zum Punkt.
Dein Papa hat gesagt, ich muss mit dir reden. Und das hatte ich sowieso vor. Der hat sich richtig erschrocken.
Jemand im Innen drückt an dieser Stelle mal vorsorglich den roten Knopf, auf den ich extra groß Nicht drücken! geschrieben habe und dessen Funktion ich nicht verstehe, weil er gerade genug Schwindel verursacht, um mich zu irritieren und in den Fluchtmodus zu versetzen, aber nicht ausreichend, um vom Stuhl zu fallen. Nicht, dass ich das Thema nicht herbeigesehnt erwartet und schon den ganzen Tag totgedacht habe, aber da hat wohl jemand trotzdem keine Lust auf Konfrontation.
Was folgt, ist eine erstaunlich sensible, aber mehr als holprige Konversation über Hunger, Kontrolle, Sport und andere Nebensächlichkeiten, die alle nur die Hülle um den eigentlichen Kern, der sich auch meiner Kenntnis entzieht, bilden.
Dein Papa meint, wenn du so weitermachst, kommen wir das nächste Mal, um dich … zu beerdigen, sagt sie zwischendurch, mit gut, aber nicht vollständig überspielter brüchiger Stimme.
Wir reden 1 1/2 Stunden lang, wenn auch nicht ausschließlich über Rosa, die unauffällig neben mir auf dem Boden der Terrasse sitzt und die Bienen am Lavendel beobachtet.
Ich hab jedenfalls nicht vor, mich unter die Erde zu Hungern, schließe ich auf die Frage, ob sie denn meinen Papa beruhigen kann.

Ich liege im Bett. Unaufgewühlt, das Gespräch lief und tat irgendwie gut – trotzdem gehe ich es natürlich nochmal Wort für Wort durch. Plötzlich denke ich Wirklich? als Reaktion auf meinen letzten Satz. Das wühlt dann doch.

Fraglich

Stell dir vor, du bist Mutter einer sport- und magersüchtigen essgestörten Tochter und verbringst deinen Jahresurlaub mit deinem nicht-mehr-ganz-so-neuen-Mann in der 100m Luftlinie entfernten Ferienwohnung. Für wie sinnvoll hältst du es, ihr deine getrackte Walkingstrecke mit Zeit-, Kilometer- und Kalorienverbrauchsangabe als Screenshot zu schicken?

[ ] wenig sinnvoll bis hirnrissig
[ ] vielleicht als reine tagesausflugsinfo sinnvoll, wenn keine kalorienangabe dabei wäre
[x] warum? na klar schick ich ihr das!

Selbst Rosa ist irritiert. Fragt sich, ob sie überhaupt da ist, oder zur Unsichtbarkeit neigt. Ich jedenfalls scheine es zu sein. Und tendiere dazu, die eigene Sporteinheit von heutefrüh als Nichtig anzusehen und nochmal nachlegen zu wollen.

Sturmtief

Es ist schon wieder Mittwoch und mir fällt ein, warum ich eigentlich Sport mache. Was mir nicht einfällt ist, warum ich Mittwoch zum sportfreien Tag erklärt habe. Und mich auch noch daran halte.
Mein Kopf jedenfalls hat seine Hüpfburg aufgepustet (ohne Luftpumpe – dafür spricht zumindest meine mir heute wieder besonders auffallende Kurzatmigkeit), alles an auffindbaren Gedanken dort reingeworfen – jeden. einzelnen. Fetzen. – und hüpft. Ekstatisch.
Befürchtungen wickeln sich um Tatsachen, Gedanken verheddern sich im entstehenden Durcheinander, und ich stehe etwas ratlos davor. Rosa hält mir zusätzlich einen sehr ausschweifenden wie vorwurfsvollen Vortrag über meine Tageskalorienüberschreitung von 38 kcal und streut Salz in die heute-kein-Sport-Wunde, die ähnlich zwanghaft ist, wie morgen-natürlich-wieder-Sport.
Meinen ausnahmsweise sturmfreien Nachmittag hatte ich mir anders vorgestellt. Ohne Orkan.
Es ist schon wieder Mittwoch und mir fällt ein, warum ich Alkohol und Rasierklingen vermisse.

Körperlos

Weil ich nicht möchte, dass sich meine in letzter Zeit nur noch selten getragene Jeans wegen mir schlecht und ungeliebt fühlt, entscheide ich mich für eine der Beiden, die mir noch passen. Wir wollen ins Gartencenter und den Wochenendeinkauf erledigen – nach wie vor mein Highlight der Woche, da ich wegen Homeoffice und festbetonierten Tagesroutinen ansonsten ausschließlich Zuhause bin und je nach Kontext nur die eine Jogging-, Sport- oder Cargohose trage.
Oh. Ich stocke gedanklich, als ich feststelle, dass eben jene Skinnyjeans nicht mehr so skinny ist, wie sie noch vor einigen Wochen war, als ich sie das letzte Mal anhatte. Unschlüssig stehe ich vorm Spiegel, aber schöner wirds nicht. Auch wenn ich die Gefühle meiner Jeans wirklich nicht verletzen möchte, das geht so nicht. Also doch die Cargohose mit Gummizug und Bändchen zum Zuknoten. Die ist zwar noch weiter, aber wenigstens sieht es ein bisschen nach Absicht aus.

Auf dem Weg zum Einkaufen machen wir einen Zwischenstopp am See. Schatz macht ein Bild von mir und ich denke, dass mein Kopf viel zu groß auf meinem Körper sitzt, der mir so furchtbar fremd geworden ist. Den ich beim Sport in der Garage in der spiegelnden Autoscheibe beobachte, wie er Übung um Übung ausführt und es seltsam finde, wenn ich doch mal meine Muskeln dabei spüre, während die Frau im Spiegel trainiert. Und wenn ich das spüre, konzentriere ich mich schnell wieder auf das Bild vor mir, weil dort noch einiges mehr in dem Körper zu spüren wäre, was mir nicht gefällt. Extrasystolen, Schwindel, Erschöpfung – solche Sachen halt.

Während sich extern einfach alles um den Körper zu drehen scheint, habe ich intern einfach mal so garnichts (mehr) damit zu tun. Ich müsste nicht einmal mehr – weder optisch, noch gefühlt – abnehmen, eher ganz vielleicht sogar ein miniwinzigkleinesbisschen im Gegenteil – wenn nur diese abstrakte und genauso wenig zu mir gehörende Zahl auf der Waage weiter sänke und die Kontrolle fortbestünde.

Der Versuch, all jenes zu verstehen, scheitert wie jedes Mal. Doch manchmal wird ein Drängen spürbar, etwas zu unternehmen, bevor mir die Kontrolle entzogen wird. Selbst anzuerkennen, dass es genau jetzt genug ist, und es besser anders werden darf, ohne externen Druck oder gar Zwang Bestätigung.