Meta

Ich wollte das in Ruhe mit den Beiden diskutieren. Mit Rosa die Tatsache, dass dreistellige Tagesbilanzen dann echt ein bisschen arg wenig sind und mit dem Parasit, dass die Pflaster am Arm bei dem Wetter auf Dauer blöde weiße Flecken hinterlassen. Allerdings sind beide nicht besonders sachlich und finden meine gar nicht so wenigen Argumente nur so semi.
Also gut. Unsachlich kann ich auch.
Aber es endet dann doch nur damit, dass wieder einmal darüber nachdenke, nachdenken zu müssen. Und endlich reden sollte, ich aber keinen Schimmer habe, wie ich das anstellen soll, ohne dass ich die beiden vorher Genannten gemeinsam mit meinen Hemmungen unter den Tisch trinke.

Sehnsucht

Seit Dienstag eskaliere ich still und heimlich vor mich hin. Seit 3 Stunden habe ich die Welt mit Musik ausgesperrt – ein Zustand, von dem ich gerade nicht wüsste, warum ich ihn jemals wieder ändern sollte – und allein die Vorstellung, irgendjemanden sehen zu müssen, ist absurd.

Rosa feiert mich.

Schmerzgrenze

Rosa brüllt mich an. Laut. Schrill. Sie ist außer sich. Schier rasend.
Mit Abscheu und Ekel gestikuliert sie wild Richtung Körper, der aus purem Trotz nicht nur Unmengen Fett, sondern noch viel mehr Wasser einlagert, einem Marshmallow gleicht und sich wie ein riesiges speckiges Walroß anfühlt.
Ich kann ihr nur zustimmen. Und finde den Gedanken, ihn trotzdem weiter füttern zu müssen derart abstoßend, dass ich heulend und ratlos in Rosas Armen liege, die mir liebevoll übers Haar streicht und gleichzeitig weiter Vorwürfe mit einem Megaphon ins Ohr schreit.

Rosa packt meine Koffer. Teil für Teil wandert aus dem Schrank dort hinein, wo ich es sogleich wieder herausnehme und zurücklege. So drehen wir uns im Kreis und streiten dabei unentwegt über die Gründe, die für eine Abreise aus der Klinik sprechen – und welche dagegen. Rosas Argumente finde ich durchaus stichhaltig – Sport, Hungern und Dünnsein klingen nicht nur gut, sondern geradezu großartig. Aber die Rückkehr in das Leben, bei dem wir im November auf Pause gedrückt haben, erscheint mir derart absurd, dass ich lieber einen Pakt mit ihr schließe, statt ihr oder Körper vollends nachzugeben.
Sie darf brüllen, soll es sogar. So laut bitte, dass ich nicht über das Leben nachdenken muss, während ich den Käse zum Frühstück verweigere. Und sie brüllt.

Intensität

Es ist 5 Uhr, seit einer Stunde liege ich wach, ohne den genauen Grund zu kennen. Immerhin konnte ich überhaupt etwas schlafen, denn die erste Nacht hier in der Klinik war sehr kurz.

Heute zum ersten Mal Wiegen. Rosa findet das scheiße, weil wir jetzt schon 1 1/2 Tage Richtmenge essen mussten, Körper weiterhin munter Wasser bunkert und ich seit Montag nicht auf der Toilette war.
Eigentlich will ich es garnicht wissen. Die meisten anderen sind dünner kränker berechtigter, hier zu sein als ich. Aber Rosa sagt, vielleicht sind wir dann um so schneller wieder draußen und können da weitermachen, wo wir aufgehört haben.

Butter, Vollfettfrischkäse und Nudeln schmecken schon geil, Frühstück um 7 mit Semmal ist aber irgendwie pervers. 3 Mal am Tag essen ebenfalls. Magenknurrenhunger habe ich zwischendurch auch, was Rosa aber als persönliches Versagen ansieht. Wenigstens habe ich diese Woche noch nicht so viele Termine, so dass ich gestern spazieren gehen konnte und auch für heute vormittag schon eine – noch größere – Runde geplant habe. Kann ja schließlich nicht nur rumsitzen hier -.-

Ich bin unruhig, und auch wenn ich brav meine Richtmenge esse und sie so gut wie möglich in die Kalorienapp hacke, nur um mich dann bei der Tagesbilanz zu gruseln, drücke ich die Zahl am Ende des Tages auf den geringstmöglichen Wert, der unter diesen Umständen möglich ist.

Nicht der Beitrag, der mir sprachlich gefällt, aber wohl das, was um halb 6 in der Früh halt möglich ist.

Matsch

Körper wäre gerne in Tränen aus- und insgesamt gerne zusammengebrochen, als am Donnerstag das Telefon klingelt und mir der kommende Dienstag als Aufnahmetermin mitgeteilt wird. Orange hält aber nichts davon, weil ich mich mitten in einer nur kurz auf Stumm geschaltenen Telefonkonferenz befinde und man da schließlich nicht zu heulen hat. Also heulen wir nicht und brechen auch nicht zusammen, sondern führen das unterbrochene Gespräch anschließend angemessen weiter, nur angereichert um ebenjene Information, so wie sich das für eine Führungskraft gehört.
Rosa begrüßt das ebenfalls sehr und legt seither eine kaum zu überbietende Ignoranz an den Tag. Sie sieht keinen Grund, Sport herunter- oder Nahrungsaufnahme hochzufahren und macht weiter, als gäbe es keinen Dienstag und keinen Boden der Tatsachen, auf dem nicht nur zu wenig, sondern garkein Glitzer liegt.
Schlafen wird seither überbewertet, weil diffuse Gedankenströme ununterbrechbar durch mich hindurch fließen, sobald ich die Augen schließe. Es fühlt sich an wie ein nahender Abschied von dem Körper, der so wunderschön ausgezehrt und zerbrechlich wirkt, wie ich mich im Innen fühle und dessen Schwäche und Erschöpfung als einzige Legitimation dient, nicht zu sehr über Leistungsgrenzen hinweg zu gehen.
Rosa flüstert derweil ohne Unterlass, dass sie mich sowieso nach drei Tagen wieder rausschmeißen, weil ich weder krank noch dünn genug bin und nur jemandem den Platz wegnehme, der ihn wirklich braucht. Sie ist also die Einzige, die sich trotz dieser Nachricht entspannt zeigt und Körper und mir vielleicht sogar zugesteht, am Montag nach der Arbeit nur Spazieren zu gehen, statt uns ein vorerst letztes Mal auf den CrossTrainer und vor die Gewichte zu stellen. Ist ja nur für drei Tage.

Mordlust

Der Geruch macht mich wahnsinnig. Ich stehe in der Küche neben dem Ofen, in dem Schatz erst eine Pizza und nun Schokokekse backt.

Ich würde töten für eine Scheibe Käse, die ich in den Ofen legen und damit diese Kekse überbacken könnte. Denn so riecht es – nach mit Käse überbackenen Schokokeksen, und ich kann mir nichts geileres vorstellen, auch wenn ich mich ein bisschen darüber wundere.

Weil Rosa und ich uns aber – nicht fair verteilt, aber dennoch – notgedrungen ein Gehirn teilen, kommt töten nicht in Frage, also stehe ich nur da, blättere meinen Katalog weiter durch und beruhige Rosa, dass wir von der Vorstellung allein ebenso wie vom Geruch nicht zunehmen werden, auch wenn sie genau das befürchtet – wie auch vom Massageöl gesternabend, welches bestimmt durch meine Haut in die Zellen diffundiert und es sich dort gemütlich macht.

Ich nippe an meinem – kalorienfrei – gesüssten Tee.