Prothese

Auf dem Gartenstuhl vor mir liegt die Post, und darauf ein sehr haariges Fliegenbein. Die zugehörige Fliege dazu fehlt. Meine frisch rasierten Beine liegen ebenfalls auf diesem Stuhl, aber ich bin noch an ihnen dran.

Mir ist nach Alkohol, heute. Ich versuche zu verstehen, warum das so ist, aber ich zerschelle an den Möglichkeiten und deren fehlender offensichtlicher Relevanz, so dass nur das Verlangen zurückbleibt, eine Schicht Rausch zwischen mich und die Welt und meine Gedanken zu legen.

Ein bisschen bin ich wie dieses einsame Bein, denke ich. Weit entfernt vom Rest meines Seins.

Diffus

Der Cursor blinkt penetrant vor meiner Nase herum, als hätte er nichts besseres zu tun. Aber wenn er so ist wie ich, hat er das vielleicht tatsächlich nicht, einfach, weil ihm nichts besseres einfällt. Also starren wir uns gegenseitig an, ich blinzle, er blinkt. Er gewinnt.

Ich würde so gerne etwas in Worte fassen. Es sortieren, chrolonogisch, thematisch, nach Relevanz. Sätze bilden, eine Zusammenfassung dessen, was mich schlussendlich in die Klinik bringt oder gebracht hat. Aber der penetrant blinkende Cursor hinterlässt langsam Abdrücke, weil es es auf immer derselben Stelle tun muss. Nur, weil ich ihn nicht beschäftigen kann. Wie mich.
Ich kann nichts greifen von dem, was als diffuse Ahnung eines – vielleicht sogar schlauen – Gedankens durch die hintersten Ecken meines Kopfs weht. Es fühlt sich so an, als wären da wichtige Dinge, die festgehalten werden wollen, damit ich die Zeit in der Klinik auch optimal nutzen kann, aber sie entgleiten mir immer wieder. Dabei wäre es mir so wichtig, eine fertig strukturierte Aufstellung meines bisherigen Weges sowie meines nichtDenkens und nichtFühlens mitzubringen, so dass die Therapeuten nur noch sagen müssen, ich solle jetzt bitte Dieses tun, damit es mir anschließend ganz hervorragend geht. Für immer.
Und ja, ich weiß, wie das klingt. Als wäre genau das Teil des Problems.

Zerstreut

Dinge, die dringend gedacht werden wollen, geistern durch meinen Kopf. Aber ich denke sie nicht. Ich ignoriere sie, weil ich keine Zeit habe, so dass sie zerfallen und die einzelnen Buchstaben lose umherliegen und keinen Sinn ergeben, wenn ich hinsehe. Der Berg an Buchstabendurcheinander wird immer höher, und ab und zu lösen sich kleine Lawinen und rollen über mich hinweg.

Und wenn ich dann denke, da war doch was, was gedacht werden wollte – jetzt hätte ich Zeit, ist da nur Buchstabensalat, der sich am Boden festgetreten hat. Und meine Konzentration sagt zu mir, dass sie jetzt aber sowas von keine Lust hat, das alles zu sortieren und zu etwas sinnvollem zum Denken zusammenzubasteln. Also lässt sie es, während ich Salat denke und wieder einmal hoffe, dass der Tag bald ein Ende hat.

Der einzig mögliche Zeitpunkt

Mein Gewissen schreit fragt mich ja pausenlos, wer eigentlich die idiotische Idee hatte, ausgerechnet jetzt blauzumachen krank zu sein. In der Hochphase in der Arbeit. Schwarz übrigens, aber das nur am Rande. Die sich zur Zeit erstaunlich bedeckt hält.
Mir ist klar geworden, dass es der einzig mögliche Zeitpunkt überhaupt war für den Zusammenbruch. Ja, es ist megaviel zu tun. Aber wenn ich nun weiter arbeiten gegangen wäre, dann hätte ich in einigen Wochen wohl gedacht, dass ich jetzt auch nicht zusammenbrechen brauche, schließlich war ja vor einigen Wochen viel mehr zu tun.

Ich habe Angst vor der anstehenden Arbeitswoche. Weil ich keine Ahnung habe, was ich erzählen oder wie ich reagieren soll, wenn ich auf das Kranksein angesprochen werde. Ich weiß, ich müsste niemandem auch nur irgendwas darüber sagen, aber wie sagt man, dass man nichts sagen möchte und später dann aber sagen muss sollte, dass man vielleicht, eventuell, voraussichtlich, hoffentlich einige Wochen stationär gehen wird?

Ich mag nicht.

Nein

Der Gedanke ist armselig.
Einen Suizidversuch antäuschen, damit Schwarz die Aufmerksamkeit und Hilfe bekommt, nach der sie mit rudernden Armen bettelt und fleht, und dafür eine Zeit lang Verantwortung abgeben. Super Idee. Nicht.

Es reicht nichtmal zum Schreiben gerade. Ich mag nicht mehr. Aber ich muss doch meine Arbeit machen. Ich darf nicht krank sein.
Mein Körper tut. Ich liege eingerollt in meinem Kopf und betrachte die Leere in mir drin. Endlos.

Unbunt

Heutemorgen.
Ich sollte wohl eigentlich nicht Auto fahren, weil alles nur automatisch läuft und ich mich alle paar Kilometer frage, wie ich diese nun genau hinter mich gebracht habe, weil mein Kopf ganz woanders ist. Aber sind keine Blaulichter im Rückspiegel, also muss es wohl gut funktioniert haben.

Heutemittag.
Der Tag so: *zwoooosh*
Ich so: *Warte auf mich, keine Zeit!*
Informationen prasseln auf mich ein, eine dringende Aufgabe reiht sich an die Nächste, und Besprechungen wollen auch noch abgehalten werden.
Ich muss pinkeln, aber erst nach einer Ewigkeit fällt mir ein, dass ich einfach mal aufs Klo gehen könnte.

Heutenachmittag.
Mein Kopf streikt, zu viele Infos, gearbeitet habe ich jetzt auch lange genug. Feierabend. Fahren geht nebenher, während ich über den Tag nachdenke und mich relativ unbesiegbar fühle. Zwar bin ich in einer wichtigen Angelegenheit nun der entgegengesetzten Meinung von vor 2 Wochen, aber diese fühlt sich richtig an. Die vor 2 Wochen damals auch, aber das lasse ich außen vor. Grün fragt sich, wer sich eigentlich den ganzen Psychokram ausdenkt und wo genau das Problem liegen soll. Ich frage mich, wann genau Grün aufgetaucht ist.

Jetzt.
Häh? Seltsamer Tag. Ein Hoch auf EgoStates. Und so.