Skizze

Ich stolpere über ein gar nicht so kleines Puzzlestück, welches mir zum fortwährend eher diffusen Bild, warum ich insbesondere in familiär assoziierter Kommunikation Schwierigkeiten, habe, bisher fehlte. Nämlich die ebenso offensichtliche wie aussagekräftige Tatsache, dass Kommunikation im gesamten verwandtschaftlichen Kontext neben Alltagserzählungen nicht bedeutet, eigene Handlungen und Gefühle zu ebenjenen zu reflektieren – oder gar bei Gesprächs- und Handlungsbeteiligten zu eruieren – , sondern sich ausgesprochen weitschweifig über nicht anwesende Personen, die meist nicht einmal den Beziehungsstatus einer Bekanntschaft innehaben, zu unterhalten. Im Wortsinn.
Denn schließlich berechtigt die bloße Existenz mancher Menschen im kleinstädtischen Umfeld meine Familie, nicht nur – wahlweise aus erster oder auch dritter Hand erfahrene – Geschichten zu kommentieren, weil man das schließlich nicht so oder anders oder halt gar nicht macht, sondern zusätzlich auch die personengebundene Physis, sofern nicht dem internalisierten Schönheitsideal entsprechend, zu be- und verurteilen. Das Praktische daran ist, dass man dadurch nicht in die Verlegenheit gerät, Spiegelbildern zu begegnen, die einem unter anderem die patriarchal installierte wie inhalierte Misogynie vor Augen führen könnte. 

Diametral

Wie zu erwarten zerschellen auch paternal adressierte ungestillte Bedürfnisse an der Realität eines – immerhin selbstfürsorglich aus dem (einseitig) geplanten Juni verschobenen – familiären Besuchs. Auch wenn ich mir Mühe gebe, mein Innenleben verständlich darzulegen, versickern die Informationen fast vollständig unkommentiert, so dass wir am Ende doch wieder bei reinem Austausch über die sichtbare Welt ankommen, der sich an der allgemeinen Introvertiertheit aller Beteiligten totläuft.
Verschwiegenheit auch über die Tatsache, dass auf ebenjene Verschiebung – aus Gründen! Genannten Gründen! – ein weiteres Erkundigen nach meinem Befinden schlichtweg entfiel und auf meine Unzuverlässigkeit, spontane fernmündliche Gespräche anzunehmen geschoben wurde – die AUS GRÜNDEN!!! manchmal oft schlicht weg nicht möglich ist.

argh.

Apodikt

Die jüngste Demonstration hätte mich eines besseren belehren sollen. Hat sie nicht. Offensichtlich. Anders erklärt sich nicht, warum ich wider besseren Wissens ein Foto des Wischs der Bereitschaftspraxis mit der auf Lyme-Borreliose lautenden Diagnose an die kleine Familiengruppe sende und tatsächlich etwas anderes als das sprachliche Äquivalent blauer Häkchen erwarte. Dummes ich.

Divergenz


Das bemerkenswert erfüllende Gefühl, eine Krankmeldung bis einschließlich heute in der Hand zu haben, ist in seiner Amplitude ziemlich identisch mit dem schlechten Gewissen, eine Krankmeldung bis einschließlich heute in der Hand zu haben. Leider tun mir beide nicht den Gefallen, destruktiv miteinander zu interferieren.
Ähnlich verhält es sich mit meinem geradezu schmerzhaft intensiven Bedürfnis nach Verbindung und den inzwischen wiederhergestellten mehreren hundert Kilometern – nicht nur – physischer Distanz, die nicht annähernd auszureichen scheinen, um in so etwas ähnliches wie Gleichgewicht zu kommen.

Ambivalenz ist ein Arschloch.

Nexus

Das unstillbare Verlangen nach Erfüllung eines jahrzehntealten Bedürfnisses erstickt nicht zum ersten Mal in einem undurchdringlichen Netz an Oberflächlichkeiten, das Schicht um Schicht meinen Geist verklebt und es unmöglich macht, so etwas wie eine echte Verbindung aufzubauen. Stattdessen überfluten mich Reize und Emotionen, die nur zum Teil meine eigenen sind, weil meine Empathie bei familiären Sendern förmlich ausrastet und mich kaum atmen lässt.
Mein Fluchtreflex bettelt um Handlungsvollmacht, während mein Kopf sein Denken zu einem immer dichteren schwarzen Loch zusammen schrumpft, meine verbale Kommunikation auf ein Minimum zurück schraubt und Stacheln ausfährt, die nur denjenigen aufspießen, der sie am wenigsten verdient und am sichersten aushält.

°Es war eine sehr schöne Woche° schreibt sie. Aber sie war ja auch nicht in meinem Kopf.

Konfrontation

Ich könnte einen Laden aufmachen mit Schokonikoläusen, Nussmischungen, Pralinen und selbstgebackenem Stollen, die allesamt sicher kartoniert mindestens 700 Kilometer quer durch die Republik zurückgelegt haben, nur um dann in einer Schublade zu enden, die entweder Schatz nach und nach plündert oder deren Inhalt ihren Weg in die Firmenkaffeeküche finden wird. Fraglich ist, ob ich die gut gemeinte Geste meiner Eltern eher schätze oder hasse, aber ich tendiere zu letzterem, einfach aus Prinzip. Dass für mich heute einfach nur Sonntag und eine mehr als willkommene Anhäufung von Feiertagen ist, wird kaum eine Erwähnung finden im angedrohten fernmündlichen Austausch von Oberflächlichkeiten und der natürlich wichtigsten Frage überhaupt „und was gibt es bei euch heute?„, falls ich ihm nicht – zumindest heute – ganz aus dem Weg gehe, was am Ende dann trotzdem nur dazu führt, das sich der Tempus dieser alles entscheidenden Frage ändern wird.
Die derweil geplante innere Auseinandersetzung mit Gegebenheiten scheitert bisher am selbstgewählten audiovisuellen Reiz-Binge, so dass nur frustrierendes Meta-darüber-Nachdenken-dass-man-sollte übrig bleibt, sich aber nicht durchsetzen kann.