Zehrend

Ich bin so müde, dass es weh tut. Nicht unbedingt mir, aber anderen, die ich ich in der Luft zerreißen möchte, einfach nur, weil sie da sind. Und wach.
Ich weiß gar nicht genau, seit wann ich schlecht schlafe. Zwei Nächte sicher. Gefühlt hundert. Real immer die auf einen Arbeitstag und manchmal auch andere. So wie heute.
Mein Kopf schmerzt, so wie es mein Körper auf der weichen steinharten Matratze tat. Liegen tut weh. Sitzen tut weh. Aber hauptsache, ich habe die Kontrolle. °an der Stelle verdreht die ES mal gepflegt die Augen und schnaubt verächtlich°

Das macht so keinen Spaß. Wirklich nicht.

Hintergrundrauschen

Alles, was hängen bleibt, ist „noch nicht so schlimm„. Dass dieses Fragment aus dem Zusammenhang gerissen ist und der vollständigere Satz „…die wog nur noch 33 kg und alle Knochen standen ganz spitz raus. Bei dir ist das hoffentlich noch nicht so schlimm?“ eine zumindest etwas andere Aussage trifft als dieses Fragment, interessiert die ES nicht. Und sie ist raffiniert, weil sie alles, was an Gedanken und Gefühlen durch diese Worte passiert, außerhalb meines Zugriffs hält. Alles läuft mindestens eine Ebene tiefer ab, und lässt mich nicht schlafen.

Also frage ich mich stattdessen – weil ich ja eh wach und hundemüde im Bett rumliege – wie es weitergehen soll. Ich muss diese Ernährungsberatung machen. Ich habe keine Lust auf Frieren, einen im Sitzen und Liegen schmerzenden Körper, Haarausfall, Osteoporose und was sonst noch so an Folgen aus der ES resultieren kann. Das sagt mein Kopf. Das weiß mein Kopf. Aber meinem Gefühl ist der ganze Körperkram schlicht egal. Alles abstrakt, alles nicht meine Baustelle. Es geht nicht um meinen Körper, es geht um was anderes, und das hat Priorität. In einer Absolutheit, von der ich nicht weiß, wie ich sie umgehen und über mein Denken und Handeln mein Gefühl in die vermeintlich richtige Richtung lenken soll.

Ratio

Die ES prattet. Weil ich bei der Ernährungsberaterin war und doch tatsächlich daran denke, das Essstörungs-Programm dort zu machen – noch dazu, weil Mama zahlt und ich mir deswegen über die Kosten nicht den Kopf zerbrechen muss. Im Januar ginge es dann los, mit Terminen über etwa 3 Monate.
Du willst also echt zunehmen?!“ fragt mich die ES. Passiv-aggressiv kann sie.
Nein, eigentlich kann ich mir gerade kaum etwas weniger vorstellen. Mehr auf der Waage macht mir eine riesengroße Angst. Mehr auf meiner Kalorientagesbilanz macht mir eine riesengroße Angst. Nicht mehr den ganzen Tag an Essen denken macht mir eine riesengroße Angst.
Nicht mehr krank sein macht mir eine riesengroße Angst.

Motzig

Mein Körper mault, dass er keine Lust hat heute. Auf garnichts. Mir ist das erstmal egal, ich nehme ihn trotzdem mit zum Sport. Notgedrungen macht er mit, auch wenn er mir ab und an Schwindel präsentiert, damit ich ihn und seine Meinung zum Thema auch nicht vergesse.
Ja, gut, ich war nicht so nett zu ihm diese Woche. Noch weniger Kalorien, denn immerhin geh ich ja nur 4 Mal in dieser Woche zum Sport und die Waage dort zeigte ein Plus von 700g, die garantiert nicht, wie die Messung eigentlich eindeutig zeigt, Wasser und damit zyklusbedingt sind (welcher Zyklus?!), und gestern 11km Fototour die nicht bei den 4 Mal Sport eingerechnet sind. Da wär ich auch motzig. Noch dazu, wenn ich dauernd frieren würde und ich auch auf gepolsterten Möbeln teilweise nicht wüsste, wie ich schmerzfrei sitzen oder mich anlehnen soll.
Dafür sitzen wir aber jetzt zusammen auf dem Sofa, ich habe ihm Wollsocken und eine Sweatjacke angezogen und für nachher einen Tee versprochen. Vielleicht sogar einen zweiten mit Kokosmilch, mal gucken. Den Rest des Tages werden wir hier so rumgammeln, und dann gehts erst am Dienstag wieder zum Sport. Wenn das nicht nett ist…

Will. Nicht.

Im Traum fühle ich mich unendlich erschöpft. Ich liege draußen im Gras und heule, weil ich nicht mehr kann. Wovon ich nicht mehr kann, weiß ich nicht (mehr), aber das Gefühl ist allumfassend.
Als ich aufwache, erscheint jede Bewegung zu viel. Allein aufzustehen kostet unendlich viel Überwindung und Kraft. Viel lieber würde ich liegen bleiben, aber etwas treibt mich dann doch nach zehnminütigem Kampf aus dem Bett.
Der erhoffte Effekt vom Kaffee bleibt aus und liebend gern würde ich mich wieder hinlegen – Zeit wäre genug, der erste Therapietermin ist erst um zwanzig nach zehn. Aber ich muss zum Sport, und das ist nicht verhandelbar.

Mein Körper will keinen Sport machen. Sagt er. Ziemlich laut. Ich höre nicht zu. Stattdessen trage ich ihn ins angrenzende Fitnessstudio, während er sich denkt, dass das nun echt nicht mein Ernst sein kann. Ist es. Mein voller.
Er sieht das anders, aber das ist mir egal. Also macht er mit, um anschließend nur noch mehr zu motzen, dass er schlafen will. Geht aber nicht, weil: Körpertherapie. Ausgerechnet. Mein Kreislauf steigt inzwischen in den Protest mit ein. Soll er doch.
Ich ziehe trotzdem brav all meine Termine heute durch und falle nach dem Abendessen endlich aufs Bett.
Der Gedanke, dass ich für tägliches Training zu wenig das Falsche esse, kommt kurz vorbei, aber wie in der Achtsamkeit gelernt lasse ich ihn ziehen.

Morgen? Zum Sport natürlich. Da muss er schon deutlicher werden, mein Körper.