Nein

Der Gedanke ist armselig.
Einen Suizidversuch antäuschen, damit Schwarz die Aufmerksamkeit und Hilfe bekommt, nach der sie mit rudernden Armen bettelt und fleht, und dafür eine Zeit lang Verantwortung abgeben. Super Idee. Nicht.

Es reicht nichtmal zum Schreiben gerade. Ich mag nicht mehr. Aber ich muss doch meine Arbeit machen. Ich darf nicht krank sein.
Mein Körper tut. Ich liege eingerollt in meinem Kopf und betrachte die Leere in mir drin. Endlos.

Zum Jammern reichts

Wenn ich noch einen Schritt machen muss, falle ich um. Ich mache noch einen Schritt. Ich falle nicht um.
So setze ich einen Fuß vor den anderen, während mir die Erschöpfung ins Gesicht brüllt, ob ich eigentlich den Verstand verloren habe. Noch nicht, flüsterte ich zurück.

Heute nacht wache ich auf, weil mein Ohr plötzlich so laut pfeift,dass ich meine, es müsste meinen Mann aufwecken. Er schläft weiter. Denn, er war ja auch müde, gestern, nach dem Gewaltmarsch Spaziergang. So müde, dass er danach im Garten gewurschtelt hat, während ich auf der Couch überlegte, wie ich es je wieder senkrecht schaffen soll und ob ein paar Tage gelber Schein nicht vielleicht ein kleines bisschen sinnvoll wären.

Brauche. Pause. Bitte.

Innere Stimmen

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Sie redete und redete. Diskutierte mit allen möglichen Menschen, denen sie tagtäglich begegnete. Konstruierte Sätze und Realitäten, immer von der Intention getrieben, anderen verständlich zu machen, was sie gerade dachte, wie sie sich fühlte und wie sie die Welt sah. Worte reihten sich in beinahe endloser Folge aneinander und ergaben mal mehr, mal weniger Sinn. Das Bedürfnis, sich mitzuteilen und dadurch vielleicht ein Stück weit besser zu verstehen, war schon immer ein Teil von ihr gewesen.
Manchmal bekam sie Kopfschmerzen davon, wenn sie Sätze begann, deren Ende sie nicht aussprechen wollte oder es nicht einmal kannte. Oder wenn die Worte so schnell heraus mussten, dass sie sich dabei überschlug.
Viele Gespräche führte sie immer und immer wieder, in endlosen Schleifen. Passte hier und da ihre Ausdrucksweise an, interpretierte Reaktionen, erhoffte sich Wendungen. Blieb ruhig und sachlich, wurde wütend, schrie und schlug um sich, brach zusammen – je nachdem, wonach ihr gerade war.
Stumme Sätze, die nur selten den Weg aus ihren Gedanken nach Außen fanden. Stumme Diskussionen, die sie mit Menschen führte, die nur ein Abbild dessen waren, was sie für die Realität hielt. Stumme Bitten um Hilfe, die nie einen Empfänger fanden. Stumme Wut, die nur imaginäre Zimmer verwüstete. Stumme Zusammenbrüche, die nie jemand sah.
Stumme und endlose Diskussionen, die sich im Kreis um sie selbst drehten.

Sonntag, 69. Januar

Die Zeit ist stehengeblieben. Kurz vor der ersten Woche im Februar, als die Katastrophe nicht vorbei war. Erwartet, zwar, aber nicht gehofft. Gehofft war etwas anderes. Seither steht die Zeit.
Ganz oft denke ich zum Beispiel, dass diese oder jene Knospe aber früh dran ist in diesem Jahr – bis ich merke, dass es da draußen schon Mitte März ist, nicht Ende Januar, so wie in meinem Kopf.

Da draußen läuft die natürlich ungetrübt weiter, denn was juckt die Zeit schon meine innere kaputte Uhr. So gehen meine letzten Urlaubstage ins Land, während ich mir wünsche, ich hätte meinem neuen Hausarzt die Ohren vollgeheult, so dass ich vielleicht ein paar Tage Krankschreibung hätte erwirken können. Hab ich nicht. Gewissen sauber, Uhr immernoch kaputt.

Ich fange in Gedanken an, Ausreden Gründe und Begründungen für SV zu finden. Das Sehnen wird stärker, und ein bisschen verstehe ich auch, warum. Weil ich erst die Fenster zugenagelt habe, dann die Tür, und mich nun wundere, warum nichts von dem, was in meinem Kopf passiert, nach außen dringt. Das Brecheisen finde ich nicht, aber ich weiß, wo die Streichhölzer liegen…

Still.Stand.

In Filmen gibt es manchmal diese Szenen, dass der Protagonist in einer Menschenmenge steht und alles ganz schnell abläuft, während er still in der Mitte steht. So fühle ich mich gerade. Alles rundherum verschwimmt, passiert, während ich da stehe und versuche, irgendwie das Chaos in meinem Kopf zu sortieren und den Anschluss nicht zu verlieren – was beides nicht so richtig gut funktioniert.

Ich habe sehr schlecht geschlafen. Kopfschmerzen kommen und gehen in Wellen. Ich kann nicht richtig denken, alles ist so … chaotisch. Ich habe mich krank gemeldet und kämpfe mit meinem schlechten Gewissen, wie ich es immer tue in solchen Situationen. Dabei wäre die Stunde Autofahrt heutefrüh wirklich nicht sinnvoll gewesen, das sehe ich sogar ein. Trotzdem. Hätte mir ja auch einfach frei nehmen können, Stunden habe ich ja genug.

Zusätzlich habe ich gerade nicht das Gefühl, Schatz sonderlich unterstützen zu können, weil ich viel zu sehr damit beschäftigt bin, um mich selbst zu kreisen. Dabei passiert all das ihm, ich bin nur eine Randfigur.

Die Katastrophe ist nicht vorbei. Aber mein Leben fühlt sich gerade so an.

Mein roter Faden

Unter einem roten Faden versteht man ein Grundmotiv, einen leitenden Gedanken, einen Weg oder auch eine Richtlinie. „Etwas zieht sich wie ein roter Faden durch etwas“ bedeutet beispielsweise, dass man darin eine durchgehende Struktur oder ein Ziel erkennen kann.

Quelle:Wikipedia

Der rote Faden, der sich durch meinen gerade geschriebenen Entwurf für einen Blogbeitrag zieht, ist nicht erkennbar. Er dreht sich um Rückenschmerzen, einen vielleicht bevorstehenden Hexenschuss, Pflichtbewusstsein und irgendetwas kaputt gegangenes bei der Katastrophe vor über 7 Monaten, was sich nicht reparieren lassen will und dazu führt, dass ich jeden Tag weniger Lust auf meine Arbeit habe. Aber auch um wieder allmorgendliche Gedanken an Selbstverletzung, hypothetische Gefühle, Angst und Hoffnung.

Der rote Faden, der sich durch mein Leben zieht – mein roter Faden – dagegen ist wunderbar erkennbar, weil sich vor über 7 Monaten zusätzlich die Katastrophe dort herumgewickelt hat. Und sie ist jeden einzelnen verf*ckten Tag so präsent, als würde sich der Faden heiß glühend in meinem Gehirn in jede einzelne Windung brennen, tiefer und tiefer.

Das Gras wächst immer höher
und du beißt fast hinein

Enno Bunger

In etwas über einem Monat löst sich – vielleicht, ganz vielleicht, hoffentlich vielleicht, bitte bitte vielleicht – die Katastrophe wieder vom Faden. Dann muss ich schauen, was davon noch übrig ist.