Ich habe ein Nachtlicht gefunden, aber es ist nicht unbedingt bedeutend heller als die Aurora, die sich gestern vor unserer Haustür tummelt und mehr zu erahnen als zu sehen ist. Ich bilde mir dennoch einen roten Schimmer ein, der sich immerhin fotografisch sehr deutlich einfangen und mich vollkommen unbeeindruckt lässt. Nordlichter sehen. Der oberste Eintrag auf meiner nicht vorhandenen BucketList lässt rot schimmernde Süddeutschlandfunzeln nicht gelten und trotzdem frage ich mich, warum jene Seltenheit einfach nüscht in mir auslöst. Also, jaaaa…mich fragen, ich mein, ich weiß schon. Gefühle bräuchten halt ein klitzekleines minibisschen mehr Raum als die winzige Kiste, in der sie vor sich hin verstauben, aber Alter! Die. sind. Gefährlich!
Körper denkt sich, zu Halloween gehört sich gegruselt, also blutet er nach 274 Tagen einfach mal. Super Idee. Nicht. Rosa und ich werten es einvernehmlich als persönliches Versagen, vor allem weil eigentlich nix anders läuft (außer der Mens) und wir uns fragen, warum? Braucht schließlich kein Mensch und Osteoporose bekommen eh nur die anderen. Immerhin erklärt sich auf diesem Wege aber mein dermatologisches Aufblühen der letzten Tage und vielleicht auch das schwappende Gefühl in meinen Beinen – beides auf wundersame Weise seit gestern verschwunden. Nicht verschwunden ist dagegen das ausgeschaltete Licht in mir drin. Pünktlich zum Urlaub hat nämlich jemand auf den Hauptschalter gedrückt und jetzt sitze ich hier im Finstern und finde den fucking bunten Herbst bei Sonnenschein halt ungefähr genauso geil wie die Halloweenüberraschung.
Es ist Oktober und unsere Obstbäume blühen ins Angesicht einer munter weiter vor sich hineskalierenden Welt, die ich aller gesellschaftlichen Verantwortung zum Trotz zum Erhalt meiner kleinen Fluffblase schlichtweg zu ignorieren versuche. Der Spr(i/e)ngteufel und ein Kollege machen mir aber einen Strich durch die Rechnung, gefüttert durch die Blauzahnverbindung im neuen Auto, so dass es nun Lieblingsmusik spielen kann. Das Resultat mag weder die Fluffblase, noch ich, weil es Dinge hochholt, die nicht umsonst – und ohne Beschriftung – in die Kiste gestopft sind. Mit Einfahrt in die Garage und gezogenem Schlüssel sitzt aber wieder jemand brav auf dem Deckel und ich wiege mich in trügerischer Sicherheit. Bis um 3 Uhr morgens, als mein Gehirn plötzlich der Meinung ist, jetzt wäre doch auch wieder ein hervorragender Zeitpunkt, um weiter über den Kollegen nachzudenken, der gerade wild entschlossen ins Burnout rennt, so dass meine Empathie dabei im Dreieck springt, natürlich wiederholt die Gefühlskiste anrempelt und Inhalt unkontrolliert rausschwappt. Jetzt bin ich mir nicht sicher, ob ich wirklich ihn oder vielmehr mich retten will, wenn ich im Kreis über Möglich- und Notwendigkeiten nachdenke. Und ob ich nicht doch mal die Kiste aufräumen soll.
Während meiner Einzelpersonenbeförderung ist es ja zum Glück relativ egal, dass ich meine gesanglichen Fähigkeiten nicht ganz zu Unrecht als eher so mittel beschreiben würde, so lange ich die Fenster geschlossen halte. Aber seit wenigen Wochen kann ich überhaupt wieder etwas Radio hören, wenn ich im Auto unterwegs bin, ohne mich maßlos überfordert zu fühlen, und damit kommt auch – wie bereits gelegentlich beim Putzen daheim – die Lust zurück, lauthals und entsprechend schief mitzusingen. Sing like no one is listening – because no one is listening – lautet die theoretische Devise. Praktisch hört immer diejenige in meinem Kopf mit, die gerade auf der Gefühlskiste sitzt – und die reißt es jedes. einzelne. Mal. dazu hin, aus nicht näher definierten Gründen jubilierend aufzuspringen. So dann auch eben jene Gefühlskiste, deren pharmazeutische Ketten ja nun schon vor einer Weile entfernt wurden. Und die knallt mir dann ihren Inhalt ebenso unaufgefordert wie schonungslos um die Ohren, wodurch ich spätestens beim ersten Refrain die Wahl habe: umgehend meinen Mund halten oder – vollkommen genreunabhängig – heulend zusammenbrechen, ohne auch nur den Grund dafür zu erahnen. Also, die theoretische Wahl. Weil, natürlich hat die innere Laola umgehend alles wieder restlos einzusammeln und sich hinzusetzen. Hab ja schließlich besseres zu tun. An einem Sonntag nach dem °ich.bin.so.dumm.schaueinmeineFirmenmailsundentdeckeeineunumgänglicheEssens“einladung“° durchdrehen zum Beispiel.
(Ab-)Satzfragmente geistern durch meinen Kopf und kollidieren dort in steter Regelmäßigkeit mit Gedanken an Essen, weshalb beides auch ausgesprochen kleinteilig bleibt. Unterdessen diskutiere ich zeitgleich mit Körper und Rosa, weil der eine weiterhin nicht menstruieren mag und nach mehr als nur Safe- und VolumeFood verlangt und die andere ebenjenes verweigert, auch wenn wir Urlaub haben und ich gerne den Afghanen ausprobieren würde. (Nö.) Da kann ich noch so lange auf und auch nicht auf dem visuell sehr gehaltvollen BuGa-Gelände rumlatschen, Rosa zeigt sich wenig verständnisvoll und besteht auf abgezählte Kalorien. Den Keks zum Latte schmuggle ich an ihr vorbei, aber mehr ist echt nicht drin. Also schmollt nicht nur Körper, sondern auch ich, aber oh mein gott, ich könnte kaum dankbarer sein für den großartigen Job, den Rosa macht. Blöde Kuh.
Während ich durchaus maximalinvasiv – und daher wohlweißlich am Tisch auf der Terrasse – damit beschäftigt bin, meine Grapefruit zu schälen, beobachte ich gemeinsam mit Mieze seltsam empathiebefreit die sterbende Eidechse zu meiner Rechten und frage mich, warum das persönliche Schicksal eines Kollegen mich emotional ins Schlingern bringt und ich zu eigenen Gefühlen scheinbar keinerlei Verbindung habe. Jedenfalls bin ich ganz hervorragend darin, mich in Andere hineinzuversetzen, nur um dann dem Fühlen ein Ende zu setzen, weil sind ja nicht meine gerade. Das sich ergebende Muster kann ich irgendwie nicht nicht erkennen. Andere Gefühle sind okay, weil man sie dann hübsch als uneigen beenden kann – eigene Gefühle dagegen sind schlichtweg verboten, weil brandgefährlich. Ich frage mich zwar immer noch, warum mich das so beeindruckende wie anhaltende Hupen einer LKW-Zugmaschine im Hochzeitskorso – mit dem ich nichts zu tun hatte, sondern dem ich einfach nur auf der Straße begegnete – an den Rand eines emotional getriebenen Heulkrampfes brachte, schiebe es aber auf genau das – ich habe einfach Null Ahnung, was in mir abgeht, aber es scheint wohl eine Menge zu sein. Dass die Eidechse, die ich beim Verlassen der Terrasse dann doch großzügig und absichtlich nicht näher betrachtet für Hinüber halte, nach 2 1/2 Stunden beim sehr motivierten Zurücktragen zu ihrem Versteck durch Schatz noch vermeintlich munter zappelt – er erlöste sie nach Blick auf die Blutspur, die unter ihr zum Vorschein kam – , zaubert Rosa auf den Plan, die als Sanktion für diese unfassbare Grausamkeit meinerseits ein Mahlzeiten-Embargo verhängt, dem ich mich nur allzu gern füge. Hunger ist ja auch ein Gefühl – und mit der richtigen Bewertung vollkommen ungefährlich.