F wie …

Ich tue es schon wieder. Mich in Diagnosen verlieren, ICD-F-Diagnoseschlüssel aus meiner Patientenakte vom Hausarzt googeln, mich darin suchen und fragen, ob ich überhaupt krank bin, weil ich auch heute schon wieder (!) einen eigentlich recht guten Tag habe. Ob es dann noch eine Rechtfertigung für das, was in meinem Kopf passiert, gibt.
Einen guten Tag einfach als solchen hinnehmen? Ging gestern einigermaßen gut, heute eher so mittel bis schlecht.

Für nächste Woche habe ich jetzt einen Termin bei meinem vielleicht neuen Hausarzt Herr Dr. Ganzheitlich gemacht, gleich mal Vorsorge inkl. Hautkrebs-Screening. Dann weiß er gleich, woran er ist und ich habe mir fest vorgenommen, ihn sehr offensiv zu fragen, ob die Diagnosen ein Problem für ihn sind. Ob ich mit Vorwürfen rechnen muss, wenn es doch mal wieder zu SV kommt, weil ich nicht versprechen kann, dass es nie wieder passiert.

Von außen betrachtet

Von außen betrachtet führe ich ein ganz normales Leben. Von außen bekomme ich das oft gesagt. Dass ich einen guten Job mache. Dass ich an einem schönen Ort lebe.
Jetzt, wo ich Urlaub habe, soll ich mich erholen und entspannen. Nichts tun. Es mir gut gehen lassen. Was man halt so macht als normaler Mensch, wenn man Urlaub hat.

Von innen betrachtet bin ich jedes Mal wieder erstaunt, dass ich so ein normales Leben führe, während ich das Gefühl nicht loswerde, eine Maske zu tragen und eine Rolle zu spielen.
Nein, ich liege innerlich nicht am Boden. Ich bin nicht zutiefst verzweifelt. Aber in meinem Urlaub kann ich nicht Nichts tun, weil ich dann nach Innen statt nach Außen blicke, und da gibt es so verflucht viel aufzuräumen. Und ich weiß, wie schnell ich mich in meinem Chaos verlieren kann, und dann doch stolpere.

Schemenhafte Gedanken huschen geisterhaft in meinem sonst leeren Kopf umher. Blitzartige Ideen, die sich in Rauch auflösen, sobald ich sie festhalten will. Nur Schneiden und Trinken haben mehr Kontur, als sie haben sollten.

Du willst hier weg du willst hier raus
Du willst die Zeit zurück
Du atmest ein du atmest aus
Doch nichts verändert sich

Juli – Geile Zeit

Innen würde so gerne ausbrechen. Schreiend losrennen, weg, raus. Ausrasten, zu viel trinken, schneiden, untertauchen, verschwinden. Gerettet werden.

Glaskugeltage

Ich habe Geburtstag, dieser Tage.
Ich habe frei, aber nicht gut geschlafen, wie die letzten Nächte schon. Unruhig, irgendwie. Ich bin lange vorm Wecker wach, der eingeschaltet ist, weil Schatz und ich einen Ausflug geplant haben. Aufstehen, anziehen, Kaffee, losfahren.
Die Sonne scheint, und der Himmel ist so blau, wie er es nur im Winter ist. Dazu ferne hohe Wolken, die im morgendlichen Licht beige und rosa und lila über der schneebedeckten Landschaft schweben.
Nichts davon erreicht mich. Selbst, als ich laut ausspreche, wie schön das aussieht, spüre ich nichts dabei. Mein Geist ist gefangen in einer Glaskugel, so dass meine Gedanken gegen die Wände prallen und durcheinander sind.
Auch unser Ziel – fotografisch mehr als lohnenswert – weckt keine Vorfreude. Natürlich würde ich die Frage, ob ich mich darauf freue, mit Ja beantworten, aber eigentlich ist da nichts. Kein Gefühl.
Als ich die Kamera in die Hände nehme, verschwindet die Glaskugel. Kurz wünsche ich sie zurück, weil es viel zu voll ist, für meinen Geschmack, aber dank der Linse schaffe ich es, bei mir zu bleiben und sogar so etwas wie Spaß daran zu haben.

Dunkelschwarz

Ich will wegrennen. Loslassen.
Ich bin mir sicher, würde ich loslassen, meine Selbstkontrolle nur eine Sekunde aus den Augen lassen, würde ich in der Psychiatrie enden. Und es klingt so verlockend. Die Verantwortung abgeben, mich um nichts kümmern müssen. Durchdrehen, wann immer ich will.
Wegrennen klingt ebenfalls gut. Ein paar Sachen packen und untertauchen. Zur Ruhe kommen. Einen Weg finden, mit der Unsicherheit des laufenden Verfahrens – der Katastrophe – zu leben.
Aber ich habe Verpflichtungen. Persönliche. Berufliche. Finanzielle. Vorallem finanzielle. Da kann ich nicht einfach abhauen, es würde alles nur noch schlimmer machen.
Falls das geht.

Das ist alles so … absurd. Falsch. Unfair. Wie ich dabei nicht zusammenbrechen soll, ist mir ein Rätsel. Kann man so etwas überhaupt aushalten? Ohne zu schreien, zu heulen, wegzurennen, sich zu verletzen oder zu beschließen, dass es genug war?

Ich will das alles nicht. Aber jedes Mal, wenn ich aufwache, muss ich feststellen, dass der Albtraum keiner war, sondern sich Leben nennt.

Stille Wasser

Ich bin ertrunken. Ein falscher Schritt, an den jede Erinnerung fehlt, und ich fand mich in tiefsten Gewässern wieder. Ich schluckte Wasser und ging unter wie ein Stein. Ich wehrte mich nicht.
Nun beobachte ich meinen Körper, der wie schwerelos durch die Dunkelheit schwebt, immer tiefer in die Kälte. Es ist friedlich, irgendwie – das Wasser umhüllt ihn wie weiche, dämpfende Watte, lässt ihn sanft in die Tiefe sinken.

Ein geradezu romantisches Bild des Lochs, in das ich vor einer Woche gefallen bin, plötzlich und ohne Vorwarnung. Es ist so tief, dass ich das Licht kaum noch sehe. Alles ist unfassbar dumpf, und doch fühle ich mich irgendwie geborgen.
Ich funktioniere, aber ich spiel(t)e ernsthaft mit dem Gedanken, mich krankschreiben zu lassen, was ich bei einem besseren Verhältnis zu meinem Hausarzt sicher auch getan hätte. Meine Maske funktioniert perfekt. Schatz merkt es. Aber am Mittwoch, bei meiner allerletzten Therapiestunde, erzählte ich Frau Thera das Blaue vom Himmel, und sie glaubte mir. “Ich freue mich für Sie, dass es Ihnen so viel besser geht, als zu Beginn!“ Lächeln. Zustimmend nicken.

Wie fühlt es sich eigentlich an, erwachsen zu sein?

Ich fühle mich wie ein unbeholfener Teenager, der nur versucht, in der Welt der Erwachsenen mitzuspielen und hofft, nicht als Kind enttarnt zu werden.
Ich habe ein Haus. Ich habe ein Auto. Ich habe einen Job. Ich habe eigenes Geld und Versicherungen, sogar Weingläser! In wenigen Wochen werde ich 35 (wtf?!) und kann nichts anfangen mit dieser Zahl, die dort steht.
Wie oft bin ich erstaunt, dass ich schon ganz alleine ein Auto lenken darf. Wie oft frage ich mich, warum ich in meinem Job ganz alleine wichtige Entscheidungen treffen und sogar Leute einstellen darf.
Ich träume wahnsinnig oft – mehrmals pro Woche, schätze ich, aber einmal mindestens – dass ich noch zur Schule gehe. Und ich komme zu spät, oder habe (was für ein Klischee) meinen Sportbeutel vergessen.
Und nicht selten, wahrscheinlich ebenfalls wöchentlich, komme ich abends von der Arbeit heim und überlege, welche Hausaufgaben ich noch machen muss – und bin verblüfft, wenn ich merke, dass mir niemand welche aufgegeben hat.

Ich weiß, das biologische Alter sagt nichts über das mentale aus. Und meins ist jung und alt zugleich. Ich liebe animierte Filme, rumalbern, mit Schatz einen imaginären Zoo voller lustiger und niedlicher Tiere zu haben. Zugleich hat mich die Depression und meine Lebensgeschichte mehr über mich selbst gelehrt, als andere je über sich erfahren werden.

Wie kann man mir die Verantwortung für dieses Leben also einfach so überlassen? Niemand da, der sie haben will?