Die ES und ich, wir kommen gerade ganz gut miteinander aus. Zwar frage ich mich zwischendurch, was seit der Klinik so schief läuft, dass sie sich so wohl mit mir fühlt, aber dann scht! sie mir ins Ohr und wir denken lieber gemeinsam übers Essen nach. Wie vorher die Depression, die wir gemeinsam in Schach halten, füllt sie etwas aus. Ein Loch, das sich jeder Erkenntnis entzieht.
Auch den Termin bei der Ernährungsberatung nächste Woche sieht die ES ganz entspannt, weil es dann so aussieht, als würden wir uns bemühen, aber ja nicht gesagt ist, dass wir dann auch wirklich auf das hören, was Frau Beraterin uns so erzählt.
Und ich? Weiß nicht, ob ich lieber mit der ES abhänge oder etwas ändern möchte oder nur will, dass es so aussieht, während ich die Kontrolle feiere.
Schlagwort: Auflösen
Feeling skinny today

Im Fitness-Studio haben sie mich heute nicht auf die Waage gelassen, dabei ist das letzte Mal aus verschiedenen Gründen schon 2 Wochen her. So oft mache man das eigentlich nicht. Achso. War die letzten 3 Monate also ein Versehen, dass es wöchentlich ging. Nun gut. Der schräge Blick und der Kommentar von vorletzter Woche fallen mir wieder ein: ich muss dich darauf hinweisen, dass weitere Abnahme nicht unser Ziel ist.
Dann gehe ich halt daheim auf die Waage, die ich blöd finde, weil sie analog ist und ich die Nachkommastellen raten muss. Dennoch, wenn ich den halben Liter Wasser abziehe, den ich beim Sport getrunken habe, lande ich bei einer Zahl, die nicht zu mir zu gehören scheint. Oh scheiße, ist das wenig… schießt mir durch den Kopf. Wie geil!
Etwas später am Tag. Schatz fragte nach meinem Gewicht und ich antwortete, und für die Zeit dieser Antwort bin ich wieder einmal der festen Überzeugung, heute endlich mal die Ernährungsberaterin anzurufen. Das ist 6 Stunden her, jetzt ist es Abend und dann Wochenende.
Noch etwas später am Tag. Ich schlage die Zeitschrift auf, die ich abonniert habe, und gleich als erstes wird mir eine Überschrift präsentiert, die das Wort Magersucht enthält. Eine zweite, die beiliegt, tut das Gleiche. Lass das doch, Universum.
Wir wollen auf den Weihnachtsmarkt. So viele Schichten, dass ich nicht frieren werde, kann ich garnicht anziehen. Ich erschrecke, als ich die Jeans an mir herunterhängen sehe. Und noch mehr, als ich merke, dass ich meine Gürteltasche, die ich mir schon enger genäht habe, geschlossen ausziehen könnte – zusammen mit der Jeans.
Heute mal 100 kcal mehr als sonst? Nicht undenkbar. Aber die Machbarkeit erscheint mir unmöglich – und ich verstehe nicht, warum mir diese Zahl so eine Angst macht, dass ich sie nicht überschreiten kann.
Dekonstruktion

Langsam sickert die Tragweite dessen, was ich entschieden habe, in mein Bewusstsein durch. Ich bekomme so etwas wie Heimweh, obwohl dank Feiertag am Donnerstag und terminfreiem Wochenende bisher nur Entzug light von Schatz und Zuhause stattfindet und wir uns nur am Freitag garnicht gesehen haben.
Aber ab Morgen geht es hinab in die Tiefen meiner Psyche, und das für die nächsten paar Wochen. Und nach dieser De- und hoffentlich Rekonstruktion meines Innern soll ich dann auch noch wieder zurück in ein Leben finden, das in letzter Zeit keins war.
Wie es mir in letzter Zeit ging, zeigt mir gerade mein Zyklus. Der sich sonst immer jenseits der 30 Tage bewegte, und mir gestern nach nur 23 Tagen sein Ende präsentierte. Dieses Internet beschreibt Stress als eine der Hauptursachen – ich denke, es ist die plötzliche Abwesenheit desselben. Weil ich jeden Tag schwimme und lese und nichts tue, außer auf den Start der Therapien zu warten. Nicht arbeiten, kaum daran denken, abwarten in einer Zuckerwattewolke. Die hoffentlich gut genug klebt, dass ich hier nicht noch mehr von mir verliere, sondern mich wieder zusammensetzen kann.
Dis-tanz in Worten
Schwarz möchte ganz dringend ein paar Gedanken und Gefühle festgehalten wissen. (Rot auch, und erstaunlicherweise bittet sie ganz lieb darum). Für die Klinik, für die Therapie(n). Noch viel mehr, seit beide gestern in der Katamnese mit meiner ehemaligen Therapeutin vollkommen übergangen wurden von Jemandem, der, wie mir erst vor kurzem bewusst wurde, generell die Therapiestunden für sich beansprucht (hat).
Jemand, der mit erschreckender Distanz zu sämtlichen Gefühlen und Gedanken von SchwarzRot das Ding rockt. Vorzeige-Patient. Der das GefallenWollen so geschickt hinter dem selbstverständlichundhochmotiviertGesundwerdenwollen versteckt, dass es nicht einmal den Therapeuten auffällt. So reflektiert, dass er genau das zurückwirft, was erwartet wird. Und zu solch ignoranter Selbstanalyse fähig, dass SchwarzRot mit allen Gedanken und Gefühlen im Wortsinn aufgelöst werden, und nur der Schatten einer Erinnerung überhaupt Erwähnung findet.
Nach seinem Auftritt lügt Jemand mir mitunter noch tagelang ins Gesicht, während SchwarzRot nur langsam zur alten Form zurückfinden. Und wenn sie zurück sind und nach Gehör verlangen, ist niemand da, der zuhört. Denn, wenn jemand da wäre, wäre Jemand da.
Prothese
Auf dem Gartenstuhl vor mir liegt die Post, und darauf ein sehr haariges Fliegenbein. Die zugehörige Fliege dazu fehlt. Meine frisch rasierten Beine liegen ebenfalls auf diesem Stuhl, aber ich bin noch an ihnen dran.
Mir ist nach Alkohol, heute. Ich versuche zu verstehen, warum das so ist, aber ich zerschelle an den Möglichkeiten und deren fehlender offensichtlicher Relevanz, so dass nur das Verlangen zurückbleibt, eine Schicht Rausch zwischen mich und die Welt und meine Gedanken zu legen.
Ein bisschen bin ich wie dieses einsame Bein, denke ich. Weit entfernt vom Rest meines Seins.
Diffus
Der Cursor blinkt penetrant vor meiner Nase herum, als hätte er nichts besseres zu tun. Aber wenn er so ist wie ich, hat er das vielleicht tatsächlich nicht, einfach, weil ihm nichts besseres einfällt. Also starren wir uns gegenseitig an, ich blinzle, er blinkt. Er gewinnt.
Ich würde so gerne etwas in Worte fassen. Es sortieren, chrolonogisch, thematisch, nach Relevanz. Sätze bilden, eine Zusammenfassung dessen, was mich schlussendlich in die Klinik bringt oder gebracht hat. Aber der penetrant blinkende Cursor hinterlässt langsam Abdrücke, weil es es auf immer derselben Stelle tun muss. Nur, weil ich ihn nicht beschäftigen kann. Wie mich.
Ich kann nichts greifen von dem, was als diffuse Ahnung eines – vielleicht sogar schlauen – Gedankens durch die hintersten Ecken meines Kopfs weht. Es fühlt sich so an, als wären da wichtige Dinge, die festgehalten werden wollen, damit ich die Zeit in der Klinik auch optimal nutzen kann, aber sie entgleiten mir immer wieder. Dabei wäre es mir so wichtig, eine fertig strukturierte Aufstellung meines bisherigen Weges sowie meines nichtDenkens und nichtFühlens mitzubringen, so dass die Therapeuten nur noch sagen müssen, ich solle jetzt bitte Dieses tun, damit es mir anschließend ganz hervorragend geht. Für immer.
Und ja, ich weiß, wie das klingt. Als wäre genau das Teil des Problems.