Wut

Plötzlich ist sie da. Plötzlich ist Rot da.
Wir kommen heim, Schatz will noch nach draussen gehen, Nachthimmel aufnehmen. Wir essen noch eine halbe Pomelo zusammen, er geht nebenbei die Sternkarte am Handy durch. Steht auf, weil er etwas vergessen hat, kommt wieder zurück, ich verteile weiter Pomelo, aber er isst so langsam, dass ich auf seiner freien Hand stapeln muss.
Als wir aufgegessen haben und ich mit gewaschenen Händen zurück zum Sofa komme, darauf wartend, dass er endlich rausgeht, sitzt er immernoch da und schaut aufs Handy. Krault die Mieze. Gibt mir mehr Decke, als ich haben will, und GEHT EINFACH NICHT.
Ich weiß nicht, warum es mich wütend macht. Rasend. In Gedanken brülle ich ihn an, er soll mich endlich in Ruhe lassen und rausgehen. Ich sage zu ihm, dass es umso kälter draussen wird, je länger er wartet.
Er spürt, dass etwas nicht stimmt, fragt nach. Ich halte mich tapfer, lasse mir nichts anmerken, und endlich steht er auf. Nur, um in der Küche zu hantieren, und ich möchte meine Tasse nach ihm werfen.
Schließlich geht er runter, und ich atme innerlich auf. Zwei Minuten später höre ich Schritte auf der Treppe – “…nur noch eben schnell…“ höre ich, und bin erleichtert, dass er es sich nicht anders überlegt hat und wieder runtergeht.

Ich will gar nichts tun, wobei er mich stören würde. Und trotzdem hätte ich ihn erwürgen können. Ich verstehe mich nicht, verstehe nicht, was Rot hier plötzlich zu suchen hat. Was sie will, warum sie so verdammt wütend ist. Aber sie tobt. Schreit herum, wirft Sachen. Brüllt, so laut sie kann.

Wie fühlt es sich eigentlich an, erwachsen zu sein?

Ich fühle mich wie ein unbeholfener Teenager, der nur versucht, in der Welt der Erwachsenen mitzuspielen und hofft, nicht als Kind enttarnt zu werden.
Ich habe ein Haus. Ich habe ein Auto. Ich habe einen Job. Ich habe eigenes Geld und Versicherungen, sogar Weingläser! In wenigen Wochen werde ich 35 (wtf?!) und kann nichts anfangen mit dieser Zahl, die dort steht.
Wie oft bin ich erstaunt, dass ich schon ganz alleine ein Auto lenken darf. Wie oft frage ich mich, warum ich in meinem Job ganz alleine wichtige Entscheidungen treffen und sogar Leute einstellen darf.
Ich träume wahnsinnig oft – mehrmals pro Woche, schätze ich, aber einmal mindestens – dass ich noch zur Schule gehe. Und ich komme zu spät, oder habe (was für ein Klischee) meinen Sportbeutel vergessen.
Und nicht selten, wahrscheinlich ebenfalls wöchentlich, komme ich abends von der Arbeit heim und überlege, welche Hausaufgaben ich noch machen muss – und bin verblüfft, wenn ich merke, dass mir niemand welche aufgegeben hat.

Ich weiß, das biologische Alter sagt nichts über das mentale aus. Und meins ist jung und alt zugleich. Ich liebe animierte Filme, rumalbern, mit Schatz einen imaginären Zoo voller lustiger und niedlicher Tiere zu haben. Zugleich hat mich die Depression und meine Lebensgeschichte mehr über mich selbst gelehrt, als andere je über sich erfahren werden.

Wie kann man mir die Verantwortung für dieses Leben also einfach so überlassen? Niemand da, der sie haben will?

Inkonsistenzen

Der Drang zu Schreiben zerschellt an Gedanken, die mehr ein Gefühlsahnung sind und sich nur schwer bis garnicht in Worte fassen lassen.

Ein Gefühl der Inkonsistenz schwebt in meinem Kopf herum. Weil, so meine ich, meine Stimmung seit einigen Tagen nicht so sehr schlecht ist, aber gleichzeitig jeden morgen diese nicht einzuordnenden Gedanken an SV da sind, jeder Tag lieber auf dem Sofa verbracht werden will und jeden Abend ein Glas Wein – oder mehr – lockt.
Ich verstehe es nicht, und ambivalent wie ich eben bin, will ich es verstehen und etwas dagegen machen und ich will es nicht verstehen und dem Druck – jeglichem – langsam beim Steigen zusehen.

Ein Teil von mir sieht die Erklärung in unterbewussten Vorgängen, die sich meinem Zugriff entziehen. Die Katastrophe, die nicht verarbeitet werden kann, weil sie nicht zu Ende ist, und an die ich jeden bewussten Gedanken beiseite schiebe, um nicht durchzudrehen. Die wenigen Gedanken, die ich zulasse, beschäftigen sich nur mit einer simplen Betrachtung der Geschehnisse, aber nicht mit den Gefühlen, die sie ausgelöst haben und die seither, verschlossen in einer mal mehr, mal weniger dichten Kiste, vor sich hin gären.
(Ein weiterer Teil fragt sich, wann immer ich überhaupt einen Gedanken daran verschwende, wann ich wohl endlich aufhören werde, vor mich hin zu jammern und die Schallplatte, die offensichtlich einen Sprung hat und immer wieder zur selben Stelle springt, wegwerfe.)

Die Zeit lässt, glaube ich, bei allen Umstehenden, die über die Katastrophe bescheid wissen, das sprichwörtliche Gras darüber wachsen. Sie sehen sie noch, wenn sie in unsere Richtung schauen und fragen auch artig nach, was es neues gibt, aber wenn sie den Blick in andere Richtungen schweifen lassen, ist sie nicht mehr präsent. Aber die Erde auf unserem Fleckchen ist verbrannt. Hier wächst kein Gras, und jeden verdammten Tag ist sie präsent. Jeder Tag ist Warten, jeder Tag ist Hoffen, jeder Tag ist es aushalten und so weit wie möglich wegschieben.
Es ist zermürbend. Ja, das ist das richtige Wort, denke ich. Der erste Knall war riesig, laut und staubig, aber seither ist es eher ein Reiben. Ganz langsam, beinahe unauffällig, aber stetig. Es zermürbt die Bruchstücke, die nach dem Knall übrig geblieben sind, immer weiter, in immer winzigere Stücke.

Ich will blutende Schnitte. Etwas reales. Vielleicht ist es das – es sehen wollen. Es spüren wollen.

Hatte ich erwähnt, dass es schneit?

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Mein freier Tag beginnt unsanft mit dem Geräusch des Frontladers, der über das Pflaster auf unserem Hof schrammt und Schnee räumt. Ich habe Kopfschmerzen und wieder einmal ist einer der ersten Gedanken der an Selbstverletzung.
Es ist viel zu früh, noch nichtmal ganz hell draußen. Ich mag nicht aufstehen, tue es aber doch irgendwann, um mich nicht noch tiefer in meinen Gedanken zu verstricken. Über Nacht sind teils 1,20 Meter hohe Schneewehen entstanden, vom Zaun um den Gemüsegarten sieht man nur noch das obere Viertel. Nicht die schlechteste Entscheidung, heute frei zu nehmen.

Alles in mir schreit nach Kaffee (und anderem, aber Kaffee ist gesellschaftsfähiger), und Schatz kommt schon von der ersten Schaufelaktion rein. Macht mich ganz nervös, weil er neben mir, die ich auf der Couch mit Kaffee und Handy wach zu werden versuche, nach draußen zum Vogelhäuschen knippst und dann in der Küche hantiert. Das Geräusch von Geschirr auf Geschirr tut mir in den Ohren weh.

Es ist fast Mittag, als wir nach über 2 Stunden erneuter und diesmal gemeinsamer Schneeschaufelei wieder reinkommen und duschen gehen. So viel Schnee habe ich seit meiner Kindheit nicht mehr gesehen. Hübsch – wenn man nicht schaufeln muss.
Immerhin, mein Kopfweh ist weg und meine Stimmung ist – etwas – besser. Aber es schneit weiter. Und schneit. Und schneit.

Pause

(Keine) Pausen machen ist eines der Themen bei meiner Therapie (gewesen). Immer wieder falle ich, vor allem Beruflich, in mein angestammtes Muster zurück. Während andere mit keiner anderen Absicht als Ratschen von Büro zu Büro laufen, habe ich schon ein schlechtes Gewissen, wenn ich mir auf der Toilette jetzt im Winter noch ein paar Sekunden länger als notwendig warmes Wasser über meine dauernd kalten Hände laufen lasse. Wobei notwendig an dieser Stelle natürlich ein dehnbarer Begriff ist, bei Eishänden.

Meine Motivation in der Arbeit ist derzeit aus Gründen, die ich nur zum Teil verstehe, eher wenig nicht vorhanden. Für morgen habe ich mir spontan heute frei genommen, nicht zuletzt wegen der gemeldeten Schneemengen. Für mich vom Gefühl her trotzdem eher ein Blau machen als Frei haben, obwohl alles mit dem Chef abgestimmt ist.
Als ich Schatz davon erzähle – inklusive wenig Bock auf Arbeit – sagt er, “dann nimm dir doch diese Pause, wenn du sie brauchst“. So hatte ich das noch gar nicht gesehen. Dass es eine Pause ist, die ich brauchen könnte und sich dadurch von selbst rechtfertigt – auch wenn ich sie vor mir garnicht rechtfertigen müssen sollte.

Also mache ich morgen (schneeschaufelnd) Pause. Basta.

Mein roter Faden

Unter einem roten Faden versteht man ein Grundmotiv, einen leitenden Gedanken, einen Weg oder auch eine Richtlinie. „Etwas zieht sich wie ein roter Faden durch etwas“ bedeutet beispielsweise, dass man darin eine durchgehende Struktur oder ein Ziel erkennen kann.

Quelle:Wikipedia

Der rote Faden, der sich durch meinen gerade geschriebenen Entwurf für einen Blogbeitrag zieht, ist nicht erkennbar. Er dreht sich um Rückenschmerzen, einen vielleicht bevorstehenden Hexenschuss, Pflichtbewusstsein und irgendetwas kaputt gegangenes bei der Katastrophe vor über 7 Monaten, was sich nicht reparieren lassen will und dazu führt, dass ich jeden Tag weniger Lust auf meine Arbeit habe. Aber auch um wieder allmorgendliche Gedanken an Selbstverletzung, hypothetische Gefühle, Angst und Hoffnung.

Der rote Faden, der sich durch mein Leben zieht – mein roter Faden – dagegen ist wunderbar erkennbar, weil sich vor über 7 Monaten zusätzlich die Katastrophe dort herumgewickelt hat. Und sie ist jeden einzelnen verf*ckten Tag so präsent, als würde sich der Faden heiß glühend in meinem Gehirn in jede einzelne Windung brennen, tiefer und tiefer.

Das Gras wächst immer höher
und du beißt fast hinein

Enno Bunger

In etwas über einem Monat löst sich – vielleicht, ganz vielleicht, hoffentlich vielleicht, bitte bitte vielleicht – die Katastrophe wieder vom Faden. Dann muss ich schauen, was davon noch übrig ist.