Skilling me softly

Nach gestern Abend fühle ich mich eklig. Mir ist – und dabei ist es egal, ob vom Essen oder vom Likör – übel, ich habe Kopfweh. Ich würde nicht so weit gehen, das als Kater zu bezeichnen, aber trotzdem geht es mir nicht so richtig gut.
Aber der Rausch… derzeit würde ich so ziemlich alles nehmen, was irgendwie den Kopf ausschaltet. Alles, damit ich mich ja nicht verletze, weil das ist ja böse. *AchtungIronie*

Skills, um inneren Druck abzubauen, gibt es listenweise. Verstanden habe ich das nie. Dabei kann ich es, siehe Mittwoch. Als die Anderen Schatz und mir noch einmal mit Anlauf in die Rippen getreten haben. Mein Puls lag nach diesem Brief weit jenseits der 120, und unser Weg richtung Bett, den wir eigentlich eingeschlagen hatten, war undenkbar. Also putzte ich die Küche, räumte meinen Kleiderstapel im Schlafzimmer und auch das Wohnzimmer auf. Dinge, die ich unter der Woche sonst nie mache, aber die ich da einfach tun musste.
Aber genau das ist der Punkt. Ich hatte das Bedürfnis, genau das zu tun. Nicht SV, nicht etwas trinken, sondern aufräumen. Danach fühlte ich mich etwas besser, es hat geholfen.

Ich will nicht denken. Ich will nicht fühlen. Ich will, dass der Tag das Wochenende die Tage bis zum Termin das Alles schnell vorbei ist. Und nach einem Triggermoment bei einer OnlineTV-Sendung vorhin will ich mich verletzen. Ja, ein Rausch wäre auch toll, aber ich weiß, eine Verletzung würde – im Sinne der Wirksamkeit – länger vorhalten. Immerhin, das letzte Mal war vor 8 1/2 Monaten.

Ich skille jetzt schaue jetzt TV.

Entrückt

Ein Abend im Restaurant, zu viel Essen, zu wenig Alkohol. Die Bilanz eines Abends, den ich nun allein auf dem Sofa mit einer Flasche selbstgemachtem Likör ausklingen lasse. Viel zu viel Zucker! schreit mein Kopf, der sich noch über das zu viel! an Essen Gedanken macht, während der Alkohol langsam seinen Job erledigt.
Es ist mein fester Vorsatz, mich zu betrinken. Nach einer Woche, in der ich an 5 Werktagen fast 6 Arbeitstage geleistet habe und in der die Anderen es sich nicht haben nehmen lassen, Schatz und mir nochmal zwischen die Rippen zu treten, während wir am Boden liegen und warten, dass die Katastrophe endlich vorbei ist.
Weil es Schatz mehr zusetzt als mir, springt mein Gehirn sofort in den mir schon bekannten Beschützermodus. Eigene Gefühle aus, extrem funktionaler und unterstützender Modus an. Der Zusammenbruch folgt, wenn es Schatz besser geht. Ziemlich Sicher.

Entrückt ist der einzige Begriff, der mir dazu einfällt. Als wäre ich meilenweit von meinen Gefühlen und Bedürfnissen entfernt. Arbeiten, nicht denken. Wohnung aufräumen, nicht denken. Putzen, nicht denken. Trinken, nicht denken.

Irgendwie muss dieses Wochenende vorübergehen. Irgendwie muss die Zeit vorübergehen, bis der Termin am Mittwoch stattfindet. Irgendwie muss ich weitermachen. Irgendwie muss ich versuchen, nicht durchzudrehen.

Irgendwie sollte ich aufhören, mit Vorsatz zu trinken. Aber nicht heute.

Vertigo

Schwindel wird allgemein definiert als wahrgenommene Scheinbewegung zwischen sich und der Umwelt.

Wie gehts dir? ist eine ernstgemeinte Frage, die Schatz jeden Tag stellt. Letzte Woche antwortete ich mit unverbindlichem Schulterzucken und dachte “so schlecht, wie schon lang nicht mehr“. Diese Woche antworte ich mit einem unverbindlichen Schulterzucken und sage “ich weiß es nicht“.

Weil ich es wirklich nicht weiß. Ich habe keine Ahnung. Nicht gut. Nicht schlecht. Nichtmal ok. Ich atme. Ich funktioniere. Reicht das?

„ … “

Ich versuche, zu verstehen, warum ich es niemandem sagen kann. Fünf einfache Worte. Es geht mir nicht gut. Nicht Mama. Nicht Schatz.
Nicht reden, weil es ja stimmen könnte. Erst recht nicht reden, weil es ja Einbildung sein könnte.
Lauter einzelne Gedanken, die durch meinen Kopf hüpfen und sich nicht aufschreiben lassen wollen. Funktionieren. Weitermachen. Abwarten und hoffen, dass es in 1 1/2 Wochen anders wird, besser vielleicht. Dass sich dann all meine Probleme in Luft auflösen.

Stille Wasser

Ich bin ertrunken. Ein falscher Schritt, an den jede Erinnerung fehlt, und ich fand mich in tiefsten Gewässern wieder. Ich schluckte Wasser und ging unter wie ein Stein. Ich wehrte mich nicht.
Nun beobachte ich meinen Körper, der wie schwerelos durch die Dunkelheit schwebt, immer tiefer in die Kälte. Es ist friedlich, irgendwie – das Wasser umhüllt ihn wie weiche, dämpfende Watte, lässt ihn sanft in die Tiefe sinken.

Ein geradezu romantisches Bild des Lochs, in das ich vor einer Woche gefallen bin, plötzlich und ohne Vorwarnung. Es ist so tief, dass ich das Licht kaum noch sehe. Alles ist unfassbar dumpf, und doch fühle ich mich irgendwie geborgen.
Ich funktioniere, aber ich spiel(t)e ernsthaft mit dem Gedanken, mich krankschreiben zu lassen, was ich bei einem besseren Verhältnis zu meinem Hausarzt sicher auch getan hätte. Meine Maske funktioniert perfekt. Schatz merkt es. Aber am Mittwoch, bei meiner allerletzten Therapiestunde, erzählte ich Frau Thera das Blaue vom Himmel, und sie glaubte mir. “Ich freue mich für Sie, dass es Ihnen so viel besser geht, als zu Beginn!“ Lächeln. Zustimmend nicken.

Chaos

°Triggerwahrnung°

Rot ist immernoch präsent. Immernoch wütend. Immernoch auf der Suche nach einem Grund, auszurasten.
Ich habe alle Hände voll zu tun, ihr nicht das Steuer zu überlassen. Sie zu beschwichtigen und davon zu überzeugen, dass es nicht sinnvoll ist, die Adern, die sich heute beim Sport so schön an meinen Unterarmen abzeichneten (und die mir zeigen, was Rot mit meinem Körper macht, weil sie das sonst nicht so stark tun), aufzuschneiden und ihnen beim Bluten zuzusehen.

Ich habe das Gefühl, massiv abzurutschen. Die Nacht war kurz und scheiße, und es brauchte zwei Stunden, mich davon zu überzeugen, doch mal aufzustehen. Schwarz ist auch da, und möchte heulen und sich verkriechen.

Ich muss daran denken, dass ich am Mittwoch zum ersten Mal bei einer Depressions-Selbsthilfegruppe war (ich denke, ich werde wieder hingehen) und ein kurzes, aber interessantes Gespräch über meine auslaufende Verhaltenstherapie, die längere, aber doch abgebrochene tiefenpsychologische Therapie, reine Symptombehandlung und tieferes Verständnis innerer Vorgänge hatte.
Mir fehlt gerade jegliche Geduld, mehr von meinen Gedanken dazu zu schreiben (vielleicht ein andernmal). Aber ich erlebe gerade, dass Symptombehandlung zwar sinnvoll ist, damit Rot vorerst nicht zur Klinge greift und Schwarz sich nicht verkriecht, sondern zumindest 10 Minuten Sonne und frische Luft abbekommt, aber das Grundproblem nicht löst, weil ich es nichtmal verstanden habe.

Ich sehe Schemen und meine, ein Muster zu erkennen, aber sicher bin ich mir nicht. Schwarz habe ich seit Wochen eher klein gehalten, ihr Ruhe- und Rückzugsbedürfnis mit zu vielen und zu dicht aufeinanderfolgenden Terminen ignoriert, genau wie die täglichen Gedanken an SV und Alkohol – auch wenn ich letzterem zu oft aber mit zu geringen Mengen nachgebe und nicht nur daran denke. Also kommt jetzt Rot daher, weil sie Schwarz beschützen will und mit ihrer lauten Art eher die Aufmerksamkeit bekommt, die sie haben will.

In meinem Inneren ist gerade so viel los, dass ich mich garnicht näher und tiefergehend damit beschäftigen kann. Mein Plan für heute ist, mich abzulenken und lauter Zeug online anzuschauen, um nicht mit Rot zu streiten, ob sie sich schneiden darf, weil ich weiß, wer am Ende verlieren wird.
Ich habe keine Ahnung, ob ich morgen arbeitsfähig sein will werde, aber auch damit kann ich mich nicht beschäftigen. Irgendetwas kippt in meinem Inneren, und es fühlt sich gefährlich an.