Vorschuss

Der Körper macht Sport. Ich habe ihm bloß die Geräte und die Hanteln hergerichtet, den Rest kann er selber. Automatisch. Ich schaue ihm von innen dabei zu und beschäftige mich hauptsächlich mit denken.
Zwischendurch frage ich mich, ob ich gerade wirklich Sport mache, weil ich kaum weiter entfernt von einem Gefühl für den Körper sein könnte, der pflichtbewusst seiner übertragenen Aufgabe nachkommt. Alles geht erstaunlich leicht, ich hatte mit mehr Widerstand gerechnet. Weil er seit vorgestern nicht mehr richtig Luft bekommt – was vorher nur phasenweise auftrat, ist seither Dauerzustand, als würde ein Betonklotz auf meinem Brustkorb liegen.

Langsam – ganz langsam – dämmert mir nicht nur rational, sondern auch auf tieferliegenden, gefühlsdominierten Ebenen, dass wir vielleicht doch wieder mal mit- statt gegeneinander arbeiten sollten, Körper und ich. Weil, es rettet mich keiner. Und das Ende auf Raten fängt an, unlustig zu werden. Nicht so, dass es Angst macht, aber irgendwo ganz tief innen wird scheinbar doch so etwas wie ein Überlebenswille aktiviert.
Ich gebe mir Mühe, darauf zu vertrauen, dass es schnell genug dämmert, ohne es erzwingen (lassen) zu müssen und doch noch so etwas wie ein gesunder Körperinstinkt vorhanden und kein hinterlistiger Schachzug von Rosa ist.

Körperlos

Weil ich nicht möchte, dass sich meine in letzter Zeit nur noch selten getragene Jeans wegen mir schlecht und ungeliebt fühlt, entscheide ich mich für eine der Beiden, die mir noch passen. Wir wollen ins Gartencenter und den Wochenendeinkauf erledigen – nach wie vor mein Highlight der Woche, da ich wegen Homeoffice und festbetonierten Tagesroutinen ansonsten ausschließlich Zuhause bin und je nach Kontext nur die eine Jogging-, Sport- oder Cargohose trage.
Oh. Ich stocke gedanklich, als ich feststelle, dass eben jene Skinnyjeans nicht mehr so skinny ist, wie sie noch vor einigen Wochen war, als ich sie das letzte Mal anhatte. Unschlüssig stehe ich vorm Spiegel, aber schöner wirds nicht. Auch wenn ich die Gefühle meiner Jeans wirklich nicht verletzen möchte, das geht so nicht. Also doch die Cargohose mit Gummizug und Bändchen zum Zuknoten. Die ist zwar noch weiter, aber wenigstens sieht es ein bisschen nach Absicht aus.

Auf dem Weg zum Einkaufen machen wir einen Zwischenstopp am See. Schatz macht ein Bild von mir und ich denke, dass mein Kopf viel zu groß auf meinem Körper sitzt, der mir so furchtbar fremd geworden ist. Den ich beim Sport in der Garage in der spiegelnden Autoscheibe beobachte, wie er Übung um Übung ausführt und es seltsam finde, wenn ich doch mal meine Muskeln dabei spüre, während die Frau im Spiegel trainiert. Und wenn ich das spüre, konzentriere ich mich schnell wieder auf das Bild vor mir, weil dort noch einiges mehr in dem Körper zu spüren wäre, was mir nicht gefällt. Extrasystolen, Schwindel, Erschöpfung – solche Sachen halt.

Während sich extern einfach alles um den Körper zu drehen scheint, habe ich intern einfach mal so garnichts (mehr) damit zu tun. Ich müsste nicht einmal mehr – weder optisch, noch gefühlt – abnehmen, eher ganz vielleicht sogar ein miniwinzigkleinesbisschen im Gegenteil – wenn nur diese abstrakte und genauso wenig zu mir gehörende Zahl auf der Waage weiter sänke und die Kontrolle fortbestünde.

Der Versuch, all jenes zu verstehen, scheitert wie jedes Mal. Doch manchmal wird ein Drängen spürbar, etwas zu unternehmen, bevor mir die Kontrolle entzogen wird. Selbst anzuerkennen, dass es genau jetzt genug ist, und es besser anders werden darf, ohne externen Druck oder gar Zwang Bestätigung.

Neonschwarz

„Sag mir mal, wie ich wieder will“ , frage ich Schatz, als wir gestern am See auf einer Bank liegen und Sonne tanken; eigentlich als Anspielung auf die ausstehende Entscheidung gegen die ES gedacht.
„Wenn ich das wüsste“, antwortet er, „Ich denke, das liegt in der Natur der Depression. […]“

Innerlich stocke ich, denn bis gerade war ich nicht davon ausgegangen, wieder – oder immernoch? – depressiv zu sein. Mein wie auch immer geartete Zustand fühlt sich so normal an, dass ich darüber schon lange nicht mehr nachgedacht habe. Doch bei genauerem Hinsehen muss ich feststellen, dass er wohl Recht hat, denn Symptome sind mehr als genug vorhanden. Ich spare mir den Henne-Ei-Gedanken zwischen der ES und der Depression, muss mich aber wohl gerade damit anfreunden, dass Schwarz und Rosa einen Pakt eingegangen sind und es mir verschwiegen haben.

Aber vielleicht geht es nicht ums Kämpfen, sondern um Akzeptanz. Darum, beide an die Hand zu nehmen und zuzuhören.

Strömung

Genau genommen wäre wohl schon vorgestern der letzte Tag des auf nicht genauer als „Ende April“ definierten Zeitfensters gewesen, um mich bei Frau Ernährungsberaterin mit einer Entscheidung zu melden, wie es denn nun weitergehen soll mit uns. Also Frau Ernährungsberaterin und mir. Oder Rosa und mir. Oder uns allen dreien. Wobei, letzteres wohl eher nicht, so fragend, wie Rosa beim letzten Wort eine Augenbraue hebt.

Seit Anfang dieser Woche schleiche ich um mein Email-Postfach herum, in enger werdenden Kreisen zwar, aber nach wie vor in sehr großzügigen. Außer Frage steht, dass ich ganz sicher nicht anrufen und meinen derzeitigen Unwillen, mit Routinen zu brechen, auch noch in Gesprochenes verwandeln werde. Dann lieber geschrieben Worte raussenden und die Augen möglichst lang vor der Antwort verschließen, mir Szenarien ausmalen und diese dann gemeinsam mit Rosa beim Sattessen an Instagram-Foodporn unter den Krümeln begraben.

Schatz speise ich derweil bei seinen nur zögerlich drängender werdenden Fragen mit einer choerografisch anspruchsvollen Mischung aus Nicken, Schulterzucken und Rumdrucksen ab, zu der sich gemurmelte Laute mischen, deren nähere Interpretation ihm überbleibt.

Nur wenige Gedanken habe ich seit dem letzten Gespräch mit Frau Ernährungsberaterin in eine tatsächliche Entscheidungsfindung investiert, war doch schon damals klar, dass da ein viel zu großes ichwillnicht vor dem klitzekleinen ichsollteaberweilesvernünftigwäre steht und von Rosa nicht nur mit Krallen verteidigt wird. Auf der wenig ambitionierten Suche nach Gründen, die für den anstrengenderen der zwei vor mir liegenden Wege sprächen, finde ich nichts außer Gleichgültigkeit und einem fernen Sehnen nach mehr, ohne eine Definition desselben.

Zaunpfahl

Ich rocke das Homeoffice. Bleibe brav daheim und erkläre den wöchentlichen Einkauf zum Highlight der Woche.
Rosa findet es fantastisch, dass jeglicher Sozialkontakt – wenn überhaupt – digital stattfindet und damit jegliche Nahrungsassoziation entfällt.

***

Zum wiederholten Male wache ich mit schlechtem Gewissen aus einem Traum auf. Als ich meine Orientierung zurück habe, rede ich beruhigend auf Rosa ein. Dass es nur ein Traum war, und dass geträumte Kalorien nicht dick machen. Es dauert, bis sie mir glaubt, zumal ich noch das Gefühl habe, Reste von Schokolade und Kuchen zwischen den Zähnen zu haben. Ein bisschen fühlt es sich an, als wäre etwas in meinem Mund gestorben.

***

Nachmittags, wenn ich nach der Arbeit mein beinahe tägliches Sportpensum hinter mir habe, fühle ich mich seltsam leicht. Auf eine Art, die mir die Knie weich und den Kopf wolkig werden lässt. Es könnte so etwas wie Hunger darunter liegen, aber sicher bin ich mir nicht. Immer öfter flüsterte ich dem Körper zu, dass gerade ein guter Zeitpunkt zum Aufgeben wäre. Keine Kanten in der Nähe, wo er sich beim Umfallen anschlagen könnte. Aber aus irgendeinem Grund bleibt er stehen.

Drachentöter

Mehr durch Zufall als aus Absicht bin ich über sie gestolpert. Meine Träume, die schon lange tot und inzwischen nurnoch wenig erkennbar in einer Ecke vor sich hin verwesen. Es ist nicht mehr als eine Feststellung, dass sie dort liegen. Kein Bedauern, jedenfalls kaum. Ein dumpfes Erinnern vielleicht, an das, was sie mal waren, bevor sie zu einem Haufen Leichen wurden.

Siebenundreißig als neuer Negativrekord meines Pulses. Aber das nur am Rande, auch wenn ein kleiner Teil von mir sich fragt, ob ich es nicht vielleicht doch ein klitzeminikleines bisschen zu weit treibe. Der Sterben als reale Gefahr erkennt und es nicht als rein hypothetisches, niemals in den Bereich des überhaupt Möglichen kommendes Konstrukt abtut.

Beim Anblick der vor sich hin rottenden Traumreste zu meinen Füßen frage ich mich, was nun überhaupt noch als Motivation dienen könnte, mit Rosa die Bedingungen unserer Co-Existenz neu zu verhandeln. Mir fällt nichts ein.