Fraglich

Stell dir vor, du bist Mutter einer sport- und magersüchtigen essgestörten Tochter und verbringst deinen Jahresurlaub mit deinem nicht-mehr-ganz-so-neuen-Mann in der 100m Luftlinie entfernten Ferienwohnung. Für wie sinnvoll hältst du es, ihr deine getrackte Walkingstrecke mit Zeit-, Kilometer- und Kalorienverbrauchsangabe als Screenshot zu schicken?

[ ] wenig sinnvoll bis hirnrissig
[ ] vielleicht als reine tagesausflugsinfo sinnvoll, wenn keine kalorienangabe dabei wäre
[x] warum? na klar schick ich ihr das!

Selbst Rosa ist irritiert. Fragt sich, ob sie überhaupt da ist, oder zur Unsichtbarkeit neigt. Ich jedenfalls scheine es zu sein. Und tendiere dazu, die eigene Sporteinheit von heutefrüh als Nichtig anzusehen und nochmal nachlegen zu wollen.

Schattenwurf

Der Körper ist verletzt. Freitag habe ich mir so heftig und ungünstig mein Knie gestoßen, dass wohl nun ein Bluterguss im Gelenk sitzt, der mich bei jedem Abwinkeln sehr penetrant an seine Existenz erinnert. Dann merke ich nachher wenigstens, dass ich Sport mache.

Rosa ist froh, als mein Papa gesternabend schon wieder die Heimreise antritt.
Drei Monate hatten wir uns nicht gesehen (was eher kurz ist, bedenkt man die rein geografische Entfernung und die sonst herrschenden zeitlichen Abstände unserer Wiedersehen), nun fährt er nach dem verlängerten Wochenende wieder.
Sie mag die potentielle Aufmerksamkeit nicht und ist bis auf einen kleinen abgewürgten Versuch unbeachtet geblieben.
Hol dir bitte eine ärztliche Meinung, ja? Verspricht mir das. Du wirst jedes Mal dünner, wenn wir uns sehen. Wir machen uns Sorgen. Ich will nicht irgendwann hierher kommen, und… sagt Papa und lässt die letzten Worte unausgesprochen zwischen seiner Lebensgefährtin, meinen Schwiegereltern und mir schwer wir Gewitterluft durch die Abendsonne schweben. Während sich ein undefinierter Teil von mir nicht nur wie der Rest in selbiger sonnt, sondern unter seinen Worten zu glänzen beginnt, klammert Rosa sich verstört an meinen Arm und versteckt sich hinter mir. Nur, dass hinter mir nicht mehr wirklich viel Platz zum Verstecken ist.
Ich winde mich unter seinen Blicken und Worten, erwidere knirschende Halbsätze und nichtmal halbe Versprechungen, während ich mich nur weg wünsche aus dieser Situation, die auch heute noch nachhallt.

Teflon

Auch wenn Rosa Lotus bevorzugen würde, weil es weniger technisch, sondern eher feminin und hübsch klingt, ist Teflonmensch die zweifelhafte Überschrift, die Schatz mir gestern verleiht. Weil seine Fragen und seine Nähe und sein Nah-sein-wollen an mir abperlen, zusammen mit dem ganzen Rest an Leben, was so stattfindet und mich aber eher wenig tangiert.

Ab hier: Leere in meinem Kopf zu dem Thema, dieser Überschrift, die mehr klebt, als sie sollte. Die kleine Fetzen meiner Gedanken einfängt wie ein Fliegenfänger, aber weil sie sich winden und wehren, sind sie nun nicht mehr erkennbar und werden zu einem undefinierbaren Konglomerat, dass keinen Sinn ergibt.

Sturmtief

Es ist schon wieder Mittwoch und mir fällt ein, warum ich eigentlich Sport mache. Was mir nicht einfällt ist, warum ich Mittwoch zum sportfreien Tag erklärt habe. Und mich auch noch daran halte.
Mein Kopf jedenfalls hat seine Hüpfburg aufgepustet (ohne Luftpumpe – dafür spricht zumindest meine mir heute wieder besonders auffallende Kurzatmigkeit), alles an auffindbaren Gedanken dort reingeworfen – jeden. einzelnen. Fetzen. – und hüpft. Ekstatisch.
Befürchtungen wickeln sich um Tatsachen, Gedanken verheddern sich im entstehenden Durcheinander, und ich stehe etwas ratlos davor. Rosa hält mir zusätzlich einen sehr ausschweifenden wie vorwurfsvollen Vortrag über meine Tageskalorienüberschreitung von 38 kcal und streut Salz in die heute-kein-Sport-Wunde, die ähnlich zwanghaft ist, wie morgen-natürlich-wieder-Sport.
Meinen ausnahmsweise sturmfreien Nachmittag hatte ich mir anders vorgestellt. Ohne Orkan.
Es ist schon wieder Mittwoch und mir fällt ein, warum ich Alkohol und Rasierklingen vermisse.

Unwichtig

Aus der Ferne könnte man es glatt mit Arbeitseifer und Verantwortungsbewusstsein verwechseln, dass ich mich für heute, an meinem regulär freien Freitag, dazu bereit erklärt habe, ab Mittag für ein paar Stunden zu arbeiten. Gestern hielt ich es selbst dafür.
Heute dagegen weiß ich, dass es aus der Nähe betrachtet wieder nur zum bekannten Schema passt. Mögt mich! Findet mich toll! Alle, bitte. Dann muss ich mir selbst nicht die Arbeit damit machen.

Salat

Feierabend. Oder auch Leere. Es ist Mittwoch, und somit einer der zwei Tage pro der Woche, an denen ich keinen Sport mache. Also sitze ich mit Schatz auf der Terrasse und weiß nicht, was ich tun soll. Ich kann mich nicht erinnern, was ich letzten Mittwoch getan habe. Oder am Mittwoch davor. Irgendwas halt. So wie ich die Tage immer mit irgendwas fülle, damit sie vorbeigehen und ich ins Bett kann.
Rosa wirft ein, dass wir ja doch noch Sport machen könnten, aber der Körper mag nicht. Gut, daß mochte er gestern auch nicht, aber heute sagt der Kalender, dass er nicht mögen darf. Also mag ich auch nicht, und es hat nicht das geringste mit Rücksichtnahme zu tun.
Dafür darf Rosa sich nun an der Planung des Abendessens austoben – natürlich hätte sie das aber auch mit Sport gedurft. Gemeinsam überlegen wir, wie wir aus der Nummer mit der Tütensuppe unauffällig wieder rauskommen. An die musste ich die Tage mal denken, und weil Schatz heute eine Pizza möchte, dachte ich, könnte ich die ja dann heute essen, weil ich Bock drauf hätte. Sagte ich. Vor dem Kaloriencheck, der mal so garnicht in die Planung passt. Aber Schatz will auch die Gefriertruhe morgen abtauen, also muss vielleicht noch eingefrorenes Gemüse weg, aus dem sich eine Suppe stricken lässt. Rosa hofft. Ich auch.