Systemrelevanz

Rosa hatte gestern einen fantastischen Tag – stand sie doch die ganze Zeit im Zentrum meiner Aufmerksamkeit und durfte sich auf Instagram ganz besonders austoben. Immerhin billigt sie dafür gerade, dass ich abends noch ungetrackt diverse Beerensträucher im Garten abgrase, da ist das wohl nur fair.

Körper hat heute keine Lust. Die Treppe, die mich im Homeoffice von der Kaffeemaschine und der Toilette trennt, gleicht dem Everest jedes Mal mehr. Sport?! lautet seine nicht unberechtigt sehr zweifelnde Frage, aber er kennt die Antwort. Rosa gibt sie vor.
Aber er mag nicht. Er mag echt nicht. Also trennt Rosa mich von ihm – noch mehr als sonst. Und beinahe treibt sie es zu weit dabei, denn auch wenn das Gefühl irgendwie interessant ist, neigt der Körper deutlich mehr als einmal zur Selbstaufgabe und nutzt mein nicht mehr konzentrationsfähiges Hirn gegen mich.

Ich stehe daneben und betrachte. Beobachte. Mal fasziniert, mal fassungslos, mal kopfschüttelnd. Abwartend. Die Zeit vergessend, die unwiederbringlich zerfließt.

Etappenziel

Etwas ratlos schaue ich den Staffelstab an, den Rosa mir wieder in die Hand gedrückt hat. Ich dachte, wir wären damit durch und bräuchten den nicht mehr. Gut, das dachte ich auch im März, als ich meine Eltern besucht habe. Und zwischendurch zu anderen Gelegenheiten.
Jetzt haben meine Eltern Rosa also ganz aktuell in Augenschein nehmen und als besorgniserregend einstufen können, aber das reicht ihr nicht. Nächstes Ziel: die Kollegen, die ich dank Homeoffice seit dreieinhalb Monaten nicht mehr gesehen habe. Dass unklar ist, wie lange das noch so sein wird, spielt dabei keine Rolle und dient eher als Ansporn. Und dass ich der Meinung bin, so besser genau nicht von Kollegen gesehen zu werden, weil schon damals hinter meinem Rücken geredet wurde und dort nun langsam kein Platz mehr für Heimlichkeiten ist, zählt ebenfalls nicht.
Ich drehe und wende den Stab in meiner Hand und jammere ein bisschen, weil mir nicht nur der Hintern weh tut („sitz halt nicht so viel rum!“), sondern ich auch andauernd außer Atem bin und Sommerbergtouren, die ich wirklich gerne machen würde, an Rosas Auswirkungen zerschellen, die mich gerade noch so den Weg ins Lieblingscafé schaffen lassen, während Sport einfach immer geht. Auch die Sorge, dass sie uns am Freitag, wenn ich zum ersten Mal seit März wieder ins Fitnessstudio gehen mag, nicht mehr trainieren lassen, ist ihr egal, weil wir ja jetzt ein schickes und funktionierendes Homeworkout etabliert haben, das eh viel praktischer ist.
Ich beschließe, keine Lust auf Diskussionen zu haben und auch nicht zu hinterfragen, wie das auf Dauer weiter funktionieren soll, weil es ja gerade noch genau das tut.

Kindchenschema

Mama möchte dringend mit mir reden, erzählt mir die Sprachnachricht in WhatsApp. Was ich unpraktisch finde, weil meine Woche mit Arbeiten und Sport mehr als voll ist und ich jetzt nicht nur genervt, sondern auch scheiße neugierig bin. Also, Verabredung für nach dem Abendessen. Nach einer Weile Smalltalk kommt sie zum Punkt.
Dein Papa hat gesagt, ich muss mit dir reden. Und das hatte ich sowieso vor. Der hat sich richtig erschrocken.
Jemand im Innen drückt an dieser Stelle mal vorsorglich den roten Knopf, auf den ich extra groß Nicht drücken! geschrieben habe und dessen Funktion ich nicht verstehe, weil er gerade genug Schwindel verursacht, um mich zu irritieren und in den Fluchtmodus zu versetzen, aber nicht ausreichend, um vom Stuhl zu fallen. Nicht, dass ich das Thema nicht herbeigesehnt erwartet und schon den ganzen Tag totgedacht habe, aber da hat wohl jemand trotzdem keine Lust auf Konfrontation.
Was folgt, ist eine erstaunlich sensible, aber mehr als holprige Konversation über Hunger, Kontrolle, Sport und andere Nebensächlichkeiten, die alle nur die Hülle um den eigentlichen Kern, der sich auch meiner Kenntnis entzieht, bilden.
Dein Papa meint, wenn du so weitermachst, kommen wir das nächste Mal, um dich … zu beerdigen, sagt sie zwischendurch, mit gut, aber nicht vollständig überspielter brüchiger Stimme.
Wir reden 1 1/2 Stunden lang, wenn auch nicht ausschließlich über Rosa, die unauffällig neben mir auf dem Boden der Terrasse sitzt und die Bienen am Lavendel beobachtet.
Ich hab jedenfalls nicht vor, mich unter die Erde zu Hungern, schließe ich auf die Frage, ob sie denn meinen Papa beruhigen kann.

Ich liege im Bett. Unaufgewühlt, das Gespräch lief und tat irgendwie gut – trotzdem gehe ich es natürlich nochmal Wort für Wort durch. Plötzlich denke ich Wirklich? als Reaktion auf meinen letzten Satz. Das wühlt dann doch.

Fraglich

Stell dir vor, du bist Mutter einer sport- und magersüchtigen essgestörten Tochter und verbringst deinen Jahresurlaub mit deinem nicht-mehr-ganz-so-neuen-Mann in der 100m Luftlinie entfernten Ferienwohnung. Für wie sinnvoll hältst du es, ihr deine getrackte Walkingstrecke mit Zeit-, Kilometer- und Kalorienverbrauchsangabe als Screenshot zu schicken?

[ ] wenig sinnvoll bis hirnrissig
[ ] vielleicht als reine tagesausflugsinfo sinnvoll, wenn keine kalorienangabe dabei wäre
[x] warum? na klar schick ich ihr das!

Selbst Rosa ist irritiert. Fragt sich, ob sie überhaupt da ist, oder zur Unsichtbarkeit neigt. Ich jedenfalls scheine es zu sein. Und tendiere dazu, die eigene Sporteinheit von heutefrüh als Nichtig anzusehen und nochmal nachlegen zu wollen.

Schattenwurf

Der Körper ist verletzt. Freitag habe ich mir so heftig und ungünstig mein Knie gestoßen, dass wohl nun ein Bluterguss im Gelenk sitzt, der mich bei jedem Abwinkeln sehr penetrant an seine Existenz erinnert. Dann merke ich nachher wenigstens, dass ich Sport mache.

Rosa ist froh, als mein Papa gesternabend schon wieder die Heimreise antritt.
Drei Monate hatten wir uns nicht gesehen (was eher kurz ist, bedenkt man die rein geografische Entfernung und die sonst herrschenden zeitlichen Abstände unserer Wiedersehen), nun fährt er nach dem verlängerten Wochenende wieder.
Sie mag die potentielle Aufmerksamkeit nicht und ist bis auf einen kleinen abgewürgten Versuch unbeachtet geblieben.
Hol dir bitte eine ärztliche Meinung, ja? Verspricht mir das. Du wirst jedes Mal dünner, wenn wir uns sehen. Wir machen uns Sorgen. Ich will nicht irgendwann hierher kommen, und… sagt Papa und lässt die letzten Worte unausgesprochen zwischen seiner Lebensgefährtin, meinen Schwiegereltern und mir schwer wir Gewitterluft durch die Abendsonne schweben. Während sich ein undefinierter Teil von mir nicht nur wie der Rest in selbiger sonnt, sondern unter seinen Worten zu glänzen beginnt, klammert Rosa sich verstört an meinen Arm und versteckt sich hinter mir. Nur, dass hinter mir nicht mehr wirklich viel Platz zum Verstecken ist.
Ich winde mich unter seinen Blicken und Worten, erwidere knirschende Halbsätze und nichtmal halbe Versprechungen, während ich mich nur weg wünsche aus dieser Situation, die auch heute noch nachhallt.

Sturmtief

Es ist schon wieder Mittwoch und mir fällt ein, warum ich eigentlich Sport mache. Was mir nicht einfällt ist, warum ich Mittwoch zum sportfreien Tag erklärt habe. Und mich auch noch daran halte.
Mein Kopf jedenfalls hat seine Hüpfburg aufgepustet (ohne Luftpumpe – dafür spricht zumindest meine mir heute wieder besonders auffallende Kurzatmigkeit), alles an auffindbaren Gedanken dort reingeworfen – jeden. einzelnen. Fetzen. – und hüpft. Ekstatisch.
Befürchtungen wickeln sich um Tatsachen, Gedanken verheddern sich im entstehenden Durcheinander, und ich stehe etwas ratlos davor. Rosa hält mir zusätzlich einen sehr ausschweifenden wie vorwurfsvollen Vortrag über meine Tageskalorienüberschreitung von 38 kcal und streut Salz in die heute-kein-Sport-Wunde, die ähnlich zwanghaft ist, wie morgen-natürlich-wieder-Sport.
Meinen ausnahmsweise sturmfreien Nachmittag hatte ich mir anders vorgestellt. Ohne Orkan.
Es ist schon wieder Mittwoch und mir fällt ein, warum ich Alkohol und Rasierklingen vermisse.