Wachkoma

Alles neu macht der Mai. Heißt es. Aber ich so: nö.

Nun waren es doch nur oder doch ganze 2×2 Tage Pause, die in meinem bisherigen Beitragsrythmus nicht einmal aufgefallen wäre, hätte ich es nicht dazu geschrieben. Tadaaa, da bin ich wieder.

Und weil ich mich nach wie vor nicht entscheiden kann, weder fürs Nicht- noch fürs Leben, hänge ich weiterhin zwischen den Welten, in einem rosaparasitären Strudel. Erstarrt und entfremdet, mit einer schrillen, kaum erklärbaren Dissonanz zwischen meiner physischen und meiner mentalen Existenz.

Lost

Es ist nicht so, dass mir die gesprungene Schallplatte nicht selbst unfassbar sehr auf den Keks geht.
Aber.
Ich bin durch für heute. Könnte am Hangover durch die Bedarfsmedikation von gestern oder am ~4-stelligen Kaloriendefizit oder an der nicht unerheblichen Anämie in Kombination mit einem eher lächerlich anmutenden 6,5-Kilometer-Spaziergang liegen. Oder und.
Ich bin mir nicht sicher, ob die Kapitulation schleichend kam oder *puff* plötzlich einfach da war. Das Ergebnis bleibt das Gleiche. Unglaublich viel ist mir unglaublich egal – sofern es nicht in Rosas Zuständigkeitsbereich fällt – und dazu zählt auch, dass ich einfach allen sage, was sie hören wollen, nur damit ich meine Ruhe habe.
Ausmaße kennt daher niemand und geschenktes Vertrauen wird ohne große Skrupel angenommen, nur um postwendend schändlich missbraucht zu werden.
Der Parasit schmiedet derweil Pläne und erwägt Gelegenheiten, während ich nur noch müde darauf verweise, dass Restless Legs garkein Ausdruck für das Gefühl in mehr als nur meinen Beinen sind und wir uns für die blöden, langsam wirkenden Eisentabletten – die wir auch erst morgen bekommen – statt einer Infusion entschieden haben. Wissend, dass ihn das äußerst wenig interessiert – wie auch die deutlich kritischeren Konsequenzen, wenn er noch lange so weitermacht.

Dysmorphie

Nachdem Rosa die Wiedereingliederung übersprungen hat und bereits wieder unauffällig, aber überaus fest in meinem Alltag installiert ist, steckt Orange gerade mittendrin und zettelt einen handfesten Streit an. Und sie hat verdammt gute Argumente, die Rosa garnicht lustig findet – und ich noch viel weniger. Weil es nunmal so fragwürdig wie verlockend ist, wenn ich nach heutigem Wiegeergebnis in hochgerechnet spätestens 3 Monaten am selben Punkt sein könnte wie vor der Klinik.

Mein neuer Hausarzt geht wahrscheinlich aus Versehen davon aus, dass ich erwachsen – und noch dazu vernünftig – bin, weil ich nur 4 Jahre jünger bin als er. Und weil ich seltsamerweise diesen Schein waren möchte, nehme ich nach der aktuellsten Blutbildbesprechung mit weiterhin – Sie wissen ja, warum – bestehender Anämie und leeren Eisenspeichern das Rezept für die Tabletten statt die alternativ angebotene Infusion, die der Parasit viel cooler fände. Später kann ich immer noch sagen, dass ich die nicht vertrage.

Der Parasit überlegt, wie weit er es noch treiben kann. Wer schneller ist, Rosa oder er. Beide Varianten finde ich unglaublich beruhigend. Aber dann kommt Orange und der Kreis schließt sich. Wir streiten.

Ich verstehe mich nicht. Warum ich mich so wissent- wie willentlich mit sorgsamer Akribie langsam aber sicher selbt zerstöre. Nicht nur töte, sondern zerstöre. Stück. Für. Stück.

Ausbaufähig

°Triggerwarnung°

Rosa und ich betrachten argwöhnisch die Zahlen auf der Waage – die wir natürlich entgegen der Klinikempfehlung jeden Morgen und nicht nur lächerliche zwei Mal die Woche betreten – und in der KalorienApp. Immerhin stehen nämlich auf ersterer eine doch nicht unerheblich höhere Zahl und in letzterer auch ~300 kcal mehr pro Tag als noch vor einem halben Jahr. Da haben sich die 5 1/2 Monate doch gelohnt.
Ich beruhige Rosa damit, dass Körper noch vor 9 Tagen schon deutlich mehr Brennwert nur aus dem immer gleichen Frühstück und Abendbrot ziehen konnte, ohne dass ich das Mittagessen mitgerechnet habe und das Defizit sich somit knapp um die Vierstelligkeit herum bewegen dürfte.
Apropos Bewegung, wirft Rosa ein. 3 Mal die Woche Sport. Dein Ernst?! Nein, eigentlich nicht. Trotzdem müssen ausgedehnte Spaziergänge an den restlichen vier Tagen erst einmal reichen. Rosa grummelt. Ich auch. Und Körper – aber nur an den Sporttagen. Und an denen, wenn wir ihn spazieren schleifen. Versteh ich garnicht.
Rosa und der Parasit haben derweil ihre Unstimmigkeiten zumindest vertagt. Mein Beitrag dazu ist wohl nicht unerheb-, aber unbeschreiblich – selbt hier. Austoben dürfen sich beide ein bisschen – Rosa etwas mehr, aber das verraten wir dem Parasiten nicht -, schließlich soll ja der neue Hausarzt auch noch was zu tun haben, wenn wir nächste Woche – dann auch mal wieder mit so richtiger ärztlicher Legitimation, dafür dann in eher nicht nennenswerter Mengen – Blut abgeben müssen für ein weiteres Labor.

Kulturschock

°Triggerwarnung°

Die Luft knistert und vibriert vor Spannung, ich kann kaum atmen und nicht denken. Rosa und der Parasit streiten, wer den Fluchtwagen fahren darf. Ich sitze teilnahmslos dazwischen, weil sie eh nicht auf mich hören und konzentriere mich darauf, nicht zu ersticken, auch wenn es am Ende sowieso auf das gleiche Ergebnis rausläuft.
Das hübsche Trugbild, was ich derweil durch die Welt trage, ist anstrengend und fühlt sich falsch an.
Ich halte die Luft an. Mir wird schwindlig.

Idio­syn­kra­sie

°Triggerwarnung°

Schatz schnarcht selig in meinen Nacken, während ich darüber nachdenke, dass mein letztes Blutbild keinen Eingang mehr in den Entlassbrief fand und der Herr Stationsarzt mich extra deswegen am Abend meines Abreisetages noch einmal anrief, um mir den als bedenklich einzustufenden Hb-Wert mitzuteilen. Und ich denke daran, wie der neue Hausarzt meinen Entlassbrief überfliegt, ebenjenen händisch von mir nachgetragenen Wert sowie auch die vorherigen auf Eisenmangel zurückführt und meinen Einwurf, dass es ziemlich eindeutig nicht daran liegt – zumindest nicht am ernährungsbedingten – genauso schnell übergeht wie die dort empfohlenen wöchentlichen Gewichtskontrollen. In den nun folgenden und kaum enden wollenden Assoziationsketten verliere ich mich gedanklich in Kontaktabbrüchen – und zwar jegliche, weil jeder am Ende nur Rosa bedroht – den Medikamenten, die ich nun nicht mehr in täglicher Einzeldosis bekomme, sondern in Mehrmonatsvorräten daheim habe und was ich damit alles anstellen könnte, in Rasierklingen, Blut und in Körper, der bitte schnellstmöglich wieder so fertig und kaputt aussehen soll, wie es im Innen nach wie vor ist. Anschließend fühle ich mich grauenvoll und verwirrt, weil ich 13² UrlaubsKliniktage einfach so anzünde, die Asche in eine Urne fülle und sie ins Regal stelle – zusammen mit all dem, was ich gelernt, erkannt und verstanden habe, aber schlichtweg nicht will.
Ich versuche zu verstehen, was seit meiner Ankunft daheim in meinem Kopf passiert und fühle mich multidimensional und inkonsistent, während im Außen sowieso nur ein verzerrtes Abbild dessen erscheint, was dunkel und wühlend darunter liegt.
Ich zähle die Tage bis zur angedachten Wiedereingliederung, Schritte, Schupfnudeln und sowieso auch alle Kalorien, die ich zu mir nehme. Ich könnte kaum verlorener sein.