Gedankenstimmen

Ich bin schrecklich nervös. Als hätte ich 17 Tassen Kaffee gehabt, dabei war es nur eine, wie immer in der Früh, aber ich habe das Gefühl, durchzudrehen.
Ich habe kaum geschlafen letzte Nacht, weswegen ich Kopfschmerzen habe, gegen die nichts hilft. Meine Ohren sind laut, mein Kopf tuppelt wie ein Flummi grundlos vor sich hin und ich finde es wahnsinnig anstrengend.

Gedankenstimmen geben zu allem ungefragt ihren Kommentar ab. Schreien mich an, hetzen mich, reden durcheinander und hören nicht auf mich.

Ich könnte heulen vor Nervosität. Ich will mich verletzen oder was trinken. Oder und.

Taumeln

Orientierungslos. Das ist es, was ich bin. Mein Ich löst sich in der chaotisch lauten Stille meines Kopfes auf, verschwindet mehr und mehr. Alles verwischt, mein Ich, meine Gedanken, meine (Nicht-)Gefühle. Wird zu durchsichtigem Nebel, der undurchdringlich scheint. Schreit nach Erlösung, Hilfe, Kontur, was auch immer. Brüllend laut, leise wispernd.

Rede, fordere ich mich in meinen endlosen inneren Gesprächen auf, die nie nach außen dringen. Sag was!, schreie ich, in der Hoffnung, Schatz zumindest einen Hinweis geben zu können, wie verloren ich mich fühle. Ich kämpfe mit mir, führe endlose Diskussionen in meinem Kopf, dessen Verbindung nach außen mehr und mehr zu verblassen scheint.

Es fängt zu nieseln an, sage ich.

Möwen und Milchkaffee

Kann ich mich entscheiden, positiv zu denken oder gar glücklich zu sein? An manchen Tagen scheint es zumindest im Bereich des Möglichen zu liegen. So wie heute, also entscheide ich heute, dass ich positiv denken möchte – und vielleicht, nur vielleicht, gelingt es mir, diese Entscheidung für einige Tage mitzunehmen, das positive Denken beizubehalten.

Es ist ein guter Tag, auch wenn es anfangs keiner zu werden scheint. Ich wache mit Bauchkrämpfen auf, weil meine Mens losgeht, und wir haben einen etwas „kritischen“ Termin am Vormittag. Aber dank Medis sind die Beschwerden bald weg, der Termin ist ok und auch meine Erkältung wird langsam besser.

Die Sonne scheint. So fahren Schatz und ich anschließend in einen Nachbarort und gehen am See spazieren, fotografieren ein bisschen. Und gehen in eins der schönsten See-Cafés, das ich kenne – wir sind zum ersten, aber ganz bestimmt nicht zum letzten Mal dort. Ich trinke Latte Macchiato, Schatz einen Milchkaffee, und wir schauen den Blesshühnern beim Tauchen und den Möwen beim Segeln zu – es ist warm und schön und irgendwie friedlich. Und der Moment, an dem ich für heute entgültig entscheide, dass es ein guter Tag ist.

Jetzt sitze ich mit meinen warmen Socken und in eine Decke gekuschelt auf dem Sofa und denke an diesen wunderschönen, blauen Ausblick über den See auf die Berge. Ein bisschen Bauchweh ist zurück, aber das ist ok. Es geht mir heute gut.

Graue Tage

Ich stehe am Rande meines Lebens und zerfleische betrachte es wieder einmal. Zwei Therapiestunden sind noch übrig, und beide sind schon voll mit aktuellen Dingen, die vor- und nachbereitet werden möchten.
Ich fühle mich meilenweit entfernt von dem Gefühl, dass ich fertig bin mit der Therapie, kann mir aber gleichzeitig nicht vorstellen, doch noch eine Verlängerung zu beantragen, weil ich nicht weiterkomme.

Wie definiert man „Erfolg“ bei einer seit 15 Jahren andauernden Krankheit mit bisher sehr überschaubaren symptomfreien Zeiten, an die ich mich so sehr gewöhnt habe, dass ich erst heute wieder beim Auflisten meiner Symptome erstaunt bin, weil ich lt. diesen als mittelgradig depressiv einzustufen wäre?
Gut, vielleicht ein stückweit so, dass ich heute, an meinem sturmfreien Tag, nicht in Selbstmitleid zerflossen bin, ich mich ok fühle und sogar ein bisschen Hausarbeit gemacht habe, frei nach dem Motto meiner Therapeutin: Spaß machen muss es ja (erstmal) nicht!

Die Verhaltenstherapie wird mich aber nicht weiterbringen. Ich weiß – auch, weil ich schon so viel über Depression und allgemein psychische Erkrankungen gelesen habe – genau, was ich tun kann. Aber was nützt es mir, wenn mich das Leben trotzdem fickt? Wenn es mir trotzdem schlecht geht, obwohl ich Sport mache, rausgehe, auf mich achte? Wenn ich mich trotzdem frage, wer ich eigentlich bin?

Ok, jetzt führt es doch zu Selbstmitleid und nicht in die Richtung, in die ich eigentlich wollte. Welche war das genau? Keine Ahnung. Therapie ist fast vorbei, Depression nicht.

Hypothetische Gefühle

Im Dezember wird sich entscheiden, ob die Katastrophe, die heute genau 6 Monate her ist, vorbei ist, oder dann erst so richtig los weiter geht.

Die (Un-)Wucht hypothetischer Gefühle

Wenn ich darüber nachdenke, dass es weitergeht, denke ich daran, dass ich dann wütend sein werde. Abgesehen davon, dass ich dank der Befürchtung magischen Denkens eigentlich garnicht darüber nachdenken möchte.

Wenn ich aber darüber nachdenke, dass es vorbei wäre, überrollt mich die Wucht dieser hypothetischen Erleichterung derart, dass ich es nur mit äußerster Mühe schaffe, nich zusammenzubrechen und allen Schmerz der letzten Monate rauszuheulen.

Ich habe vor beidem Angst. Wenn es vorbei wäre, weiß ich nicht, ob ich zusammenklappe. Wenn es weitergeht…geht es weiter, bleibt anstrengend und hart und ungewiss.

Und ich will nicht Hoffen, weil es so anders ausgehen könnte.

Gegen die Wand

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Auf der Suche nach den Spuren, die mein Ich in der Zeit hinterlässt. Ich trinke koffeinfreien Kaffee, um meinen Plan, mich an meinem sturmfreien Tag nicht mit Medis und Alkohol zumindest zeitweise aus der Zeit herauszulösen, nicht umzusetzen. Musik, in der sich mein Geist verliert, um nicht an den Gedanken zu ertrinken. Laut.

Ich frage mich, welche dieser Gedanken wirklich zu mir gehören, welche ich nur gerne hätte und welche einem EgoState entspringen, auf den ich nicht zugreifen kann. Ich verstehe die Wirren nicht, die sich gerade entwirren und ihren Weg aufs „Papier“ finden. Ungefilterte Worte, die sich erst formen, wenn sie zu geschriebenen Buchstaben werden.

Der letzte sturmfreie Tag ist eine Ewigkeit her. Für heute hatte ich Pläne. Aufräumen, staubsaugen, Bad putzen, Sport machen, duschen, mich betrinken. In der Reihenfolge. Alles erledigt, bis auf den letzten Punkt, gegen den sich nun erstaunlicherweise doch ein Teil von mir sträubt.

Ich frage mich, was ich fühle, und weiß es nicht. Ich frage mich, wo ich stehe, und weiß es nicht. Ich frage mich, wer ich bin, und weiß es nicht. Ich frage mich, und bekomme keine Antwort. Weißes Rauschen.

Die, die nicht tut, was die denkt. Die, die nicht denkt, was sie tut. Die, die nicht fühlt. Die, die nicht lebt. Die, die auf bessere Zeiten hofft. Die, die aufgeben will. Die, die zu viel hier hält. Die, die Hoffnung hat. Die, die die Hoffnung aufgeben will.
Die, die ihre Therapeutin in den letzten, wenigen Sitzungen, die ihr noch bleiben, nichts darüber erzählt, dass sie sich weigert, die Kontrolle über ihr Essen aufzugeben, und sich gerne jeden Abend betrinken möchte. Die, die wieder aufhört, mit Schatz zu reden. Die, die den Weg mit Hurra und in vollem Bewußtsein zurück sprintet. Gegen die Wand.