Neonschwarz

„Sag mir mal, wie ich wieder will“ , frage ich Schatz, als wir gestern am See auf einer Bank liegen und Sonne tanken; eigentlich als Anspielung auf die ausstehende Entscheidung gegen die ES gedacht.
„Wenn ich das wüsste“, antwortet er, „Ich denke, das liegt in der Natur der Depression. […]“

Innerlich stocke ich, denn bis gerade war ich nicht davon ausgegangen, wieder – oder immernoch? – depressiv zu sein. Mein wie auch immer geartete Zustand fühlt sich so normal an, dass ich darüber schon lange nicht mehr nachgedacht habe. Doch bei genauerem Hinsehen muss ich feststellen, dass er wohl Recht hat, denn Symptome sind mehr als genug vorhanden. Ich spare mir den Henne-Ei-Gedanken zwischen der ES und der Depression, muss mich aber wohl gerade damit anfreunden, dass Schwarz und Rosa einen Pakt eingegangen sind und es mir verschwiegen haben.

Aber vielleicht geht es nicht ums Kämpfen, sondern um Akzeptanz. Darum, beide an die Hand zu nehmen und zuzuhören.

Ratio

Die ES prattet. Weil ich bei der Ernährungsberaterin war und doch tatsächlich daran denke, das Essstörungs-Programm dort zu machen – noch dazu, weil Mama zahlt und ich mir deswegen über die Kosten nicht den Kopf zerbrechen muss. Im Januar ginge es dann los, mit Terminen über etwa 3 Monate.
Du willst also echt zunehmen?!“ fragt mich die ES. Passiv-aggressiv kann sie.
Nein, eigentlich kann ich mir gerade kaum etwas weniger vorstellen. Mehr auf der Waage macht mir eine riesengroße Angst. Mehr auf meiner Kalorientagesbilanz macht mir eine riesengroße Angst. Nicht mehr den ganzen Tag an Essen denken macht mir eine riesengroße Angst.
Nicht mehr krank sein macht mir eine riesengroße Angst.

Über

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Die erste Woche Alltag liegt hinter mir und neben dem Gefühl, mit meiner Überforderung überfordert zu sein, stellt sich auch die unerwartete Erkenntnis ein, dass eine 4-Tage-Woche nicht einfach nur nett gegenüber einer prä-Klinik-5-tägigen ist, sondern 3 Tage Wochenende (gerade?) einfach (noch?) notwendig sind. Und beides fühlt sich garnicht so schön an, erst recht nicht an einem grauen Novembertag, auch wenn sich dieser gerade von seiner gemütlichen Seite mit warmem Tee, einer Decke und einem Sofa zeigt.

Für die Überforderung mit der Überforderung fällt mir keine schicke Umschreibung oder ein Kunstwort ein, leider. Die Anforderungen in der Arbeit sind hoch, und in 4 Tagen mit einem immer noch anhaltenden Informationsdefizit nur schwer bis garnicht zu schaffen. Mein Ich-leiste-also-bin-ich-Teil hält natürlich nichts vom Delegieren, also rudere ich alleine, obwohl Angebote im Raum schweben, dass andere etwas übernehmen würden. Ja, auch ich sehe den Fehler. *PunktaufderbessermachenListe*
Wahrscheinlich resultiert genau aus diesem Umstand der, dass ein langes Wochenende echt nötig ist gerade, um wieder runterzufahren.

Und ganz nebenbei ist da ja auch noch die ES, der es ganzhervorragend geht und die einen Großteil meiner Gedankenkapazitäten einnimmt, wenn diese gerade mal nicht mir der Arbeit ausgelastet sind. So haben wir fast 24 Stunden mit der Diskussion verbracht, ob ich an meinem sportfreien Samstag doch ins Studio fahre, weil ich gestern nicht wie freitags üblich dort auf der Waage war um zu sehen, dass ich auch nicht nur gefühlt weiter abgenommen habe und ob ich heute Flammkuchen selber machen und essen darf. Auf beides lautet die Antwort Nein, was ich mal als ganz blauäugig alsTeilsieg verbuche – und dann halt morgen auf die Waage steige.

Minus

Der blinkende Cursor mahnt, nun doch auch etwas zu schreiben, wenn ich schon eine Überschrift eintippe und das Gefühl habe, schon zu lange nichts mehr geschrieben zu haben. Aber viel ist da gerade nicht, was aufs virtuelle Papier will. Fast herrscht gerade so etwas wie eine ausgewogene Work-Life-Balance, die ab Montag mit Ende der Wiedereingliederung auf die Alltagsprobe gestellt wird, auch wenn dieser sich zunächst – und zum Glück – in Teilzeit darstellen wird.
Es klappte bisher gut, den Sport in den noch-nicht-ganz-Alltag zu integrieren, genau wie die ES, die vor den Augen meines Mannes alles abwiegt und beteuert, nicht zu wenig essen zu wollen, während sie insgeheim die Zahl feiert, die da heute beim Wiegen im Fitnessstudio stand, weil nun auch der BMI offiziell ES flüstert. Ich selbst dagegen war ehrlich etwas geschockt, also streiten wir heute, die ES und ich. Weil Schatz am Wochenende gerne selbstgemachten Flammkuchen essen würde, und ich schon auch, aber die ES diese fucking große Menge an Kalorien sieht und Panik schiebt. Ich versuche, mich ihr anzunähern und Teigauswahl, Saucenuntergrund und Belag zu verhandeln, aber sie zeigt sich zäh, hält ihr Dagegen-Schild stur in meine Richtung und flüstert, dass es schon verdammt schräg cool ist, seine Tage samt Krampfgedöns nicht mehr zu haben. Tatsächlich ist mir ihr Verhalten gerade eher peinlich, aber auch das findet sie doof.

Licht

°Triggerwarnung°

Es geht mir dermaßen gut, dass es wehtut. Nicht mir, aber meiner Depression. Die bekommt nämlich Angst. Und flüstert man soll doch gehen, wenn es am Schönsten ist! Soll ich dir verraten, wo die Klingen sind?
Nein danke, sage ich, nehme sie kurz in den Arm und lächle weiter vor mich hin.

Wirklich, ich bin fasziniert, wie gut es mir geht, und wie leicht es mir fällt, auf mich zu achten vom Essen einmal abgesehen. Wie stark ich für mich bin, wie viel ich von mir selbst vergessen hatte und nun nach und nach wiederfinde. Es ist geradezu beängstigend, aber geil. So kann es bleiben, bitte.