Dreckig ist gar kein Ausdruck dafür, wie ich mich heute fühle. Also, so rein körperlich.
Es ist halb 2 und der Früh, als ich aufwache und wie seit Wochen in der Nacht auf Samstags genau weiß, dass ich erst einmal nicht mehr so schnell einschlafen werde. Also stehe ich auf und setze mich mit meinem Handy aufs Sofa. Möglicherweise ist es Hunger, der Körper dazu bringt, mich wachzuhalten. Tatsächlich ist das Rosa aber völlig egal, die Möglichkeit wird einfach negiert.
Es ist schließlich fast halb 5, als ich zurück ins Bett krabble und noch 2 weitere Stunden Schlaf ergattere, die viel zu schnell wieder rum sind. Aber Körper motzt schon wieder, und Kaffee muss her. Dringend. Die helfen zwar nur marginal gegen die Müdigkeit, aber das Ritual an sich zählt. Vorher muss ich mich natürlich wiegen. Körper schaut mich entgeistert an, Rosa feiert einen neuen Tiefststand.
Einkaufen steht auf dem Plan, danach Wertstoffhof, und eigentlich ein langer Spaziergang, weil ich ja sonst heute keinen Sport mache.
Ich fühle mich nach umfallen, was auch nach dem Frühstück – nach dem Einkaufen und nach dem Wertstoffhof – nicht sehr viel schöner wird. Ich frage mich, wie ich Körper dazu bekommen soll, jetzt noch weiterzumachen. Das Gartencenter, in das wir kurzfristig noch fahren, rettet mich und beruhigt Rosa zumindest mit ein paar mehr Schritten auf dem Tracker, auch wenn sie sehr vernehmlich mit den Zähnen knirscht. Ich vertröste sie auf morgen. Damit es nicht im Schnitt nur faule 6 Mal die Woche Sport sind. Mein Gehirn allerdings ist schon seit in der Früh ausgestiegen. Zombiemodus.
Jede einzelne Zelle meines Körpers signalisiert Leere, nur mein Magen hält sich – wie meistens, wenn es nicht gerade halb 2 Uhr nachts ist – raus.
Schlagwort: Körperkram
Kalter Entzug
So richtig vorausschauend ist weder Rosas Handeln, noch ihr Denken. Gut, hätte man auch früher merken können. Egal. Jedenfalls machen wir 7 Mal die Woche Sport, essen wenig und sie denkt dabei keine Sekunde darüber nach, dass die Wand, gegen die sie am Tag der Klinikaufnahme mit voller Wucht rennen wird, härter kaum sein könnte. Aber mit etwas anderem als dem absoluten Tiefstgewicht dort zu landen, darauf lässt sie sich nicht ein und ich lasse sie gewähren, weil ich nebenbei viel zu sehr mit Orange beschäftigt bin, die gerade ex- wie intrinsisch unmotiviert versucht, ihren Job und den dazugehörigen Inhalt meines Gehirns der nächsten zwei bis drölf in der Arbeit abwesenden Monate in nachlesbare Informationen fürs Team, meine Vertretung und meinen Chef zu überführen, während sie nebenbei noch einen Teil des Tagesgeschäftes schmeißt, das sonst wegen chronischer Unterbesetzung bergeweise liegen bleibt. Was sie natürlich nicht anschauen kann, auch wenn die disziplinarischen Entscheidungen an anderer Stelle getroffen werden und so eine Lawine aus Bugwellenauflauf vielleicht ganz heilsam wäre an der Stelle.
Jetzt zerrt also Rosa an der einen und Orange an der anderen Hand, und Körper steht dazwischen und heult bald. Jedenfalls glaube ich das, weil er mir Cravings um die Ohren haut, die scharfe Gegenstände und hochprozentige Getränke nicht nur enthalten, sondern ausschließlich aus diesen bestehen.
Erstaunlicherweise komme ich keinem davon nach, sondern streiche stattdessen so Unnötigkeiten wie Sozialkontakte aus meinem Terminplan, um wieder Luft zu bekommen, was sogar zu funktionieren scheint, lese ich doch gerade die Blogbeiträge der letzten drölf Tage und finde sogar Zeit für einen eigenen.
Hoffentlich ist auf dem Boden der Tatsachen dann wenigstens eine weiche Matratze. Oder Glitzer.
Molekül
Achja. Körper ist ja auch noch da. Hatte ich verdrängt vergessen, irgendwie. Und statt sich hübsch diskret im Hintergrund zu halten, wie sich das für ein so fragiles Geschöpf gehören täte, hat er sich trotzig auf den Boden geworfen, umklammert nun mit beiden Händen Rosas Beine, die selbstverständlich schon in Sporthosen stecken, und macht sich extra schwer, was garnicht so leicht ist. Leicht wie er ist.
Aber Rosa hat sowieso nicht mehr als ein müdes Lächeln für ihn übrig, als sie ihn einfach trotzdem mit zum Sport schleift und so wort- wie mühelos auf den CrossTrainer stellt, wo er gefälligst seinen Dienst zu tun hat.
Dabei ist Körper langsam wirklich durch. Seit Klinik nur noch eine Frage der Zeit ist, nörgelt er täglich lauter, dass er weder die Reserven noch die Lust hat, Rosas jetzt nur noch übersteigerteren Bewegungsdrang, der uns zu inzwischen 6-7 Mal Sport pro Woche bei nochmals restringierter Energiezufuhr geführt hat, noch länger zu ertragen.
Ich stehe zwischen den Beiden und schaue zu. Denke darüber nach, ob es legitim ist, mir erst in aller Seelenruhe eine sehr lange Weile beim Verschwinden zuzusehen, nur um dann in eine Klinik zu gehen, ohne es vorher wirklich versucht zu haben, selbst oder ambulant wieder an Kontur zu gewinnen. Am Ende gehört es aber zu den Millionen von Dingen, die mir derzeit sehr egal sind. Und doch habe ich das unbändige Verlangen, meinen Kopf wirklich hart auf den Betonboden der Garage, auf dem meine Sportmatte und Körper liegen, zu schlagen. Damit Kopf zu Denken aufhört und Körper endlich die Pause bekommt, die ihm in seiner allumfassenden Erschöpfung zusteht. Praktisch wäre auch, wenn ich ihn einfach beim Sport abgeben und anschließend wieder abholen könnte, so dass ich mich nicht damit rumschlagen müsste, wie sehr er nicht mehr mag. Aber leider braucht er eine rund-um-die-Uhr-Betreuung, alleine geht er nicht dort hin. Und Rosa muss ich ja an die andere Hand nehmen, damit sie die Kontrolle nicht verliert und sich möglichst oft um Spiegel anschauen kann, die es im Studio gibt.
Bis auf Rosa haben wir also eigentlich alle keine Lust. Aber auch keine Wahl.
Inpatient ⦁ Körperintelligenz
Dienstag. Wiegetermin beim Hausarzt, es ist sein letzter Tag vor dem Urlaub. Ich habe extra meine Eigenverantwortung, die seit Ewigkeiten in einer Ecke liegt und vor sich hin gammelt, abgestaubt und eingepackt, um sie ihm vor die Füße zu werfen. Ich will sie nicht, soll er damit machen, was er will.
Denn irgendwas ist passiert in den letzten Tagen, insbesondere nach unserem Ausflug. Es geht nicht mehr. Ich funktioniere nicht mehr und fühle mich physisch wie psychisch am Ende.
Doch ich werde nur auf die Waage gestellt, die einen Hauch mehr anzeigt als am Freitag – an dem ich nüchtern war, während ich jetzt schon diverse Tassen Tee und Kaffee intus habe und das auch sage; genau wie dass meine Waage daheim einen Hauch weniger zeigt als am Freitag – und mit einem neuen Wiegetermin in 14 Tagen nach Hause geschickt. Ohne Arztgespräch.
Immernoch Dienstag. Fünf Minuten, bevor der Vertretungsarzt schließt. Ich rufe dort an und soll kurz angeben, worum es geht. Ich stammle etwas von Untergewicht und Einweisung ins Telefon und erhalte einen Termin für Donnerstagmittag. Das ist der Moment, in dem Rosa erkennt, dass ich es ernst meinen könnte. Aber noch bevor sie den Mund aufmachen kann, sage ich ihr, dass sie die Klappe halten soll, und erstaunlicherweise hält sie sich daran. Was mich fast noch mehr verunsichert.
Donnerstag. Natürlich überlege ich, den Termin abzusagen. Weil ich bestimmt nicht krank genug bin, nur überreagiere und mir die weiteren Androhungen zur totalen Systemabschaltung von Körper bloß einbilde. Aber ich gehe trotzdem hin und habe wieder meine Eigenverantwortung eingepackt. Diesmal werde ich sie los. Er gibt mir die Zusage für eine akute Einweisung in eine psychosomatische Klinik, kümmert sich um einen Platz, nimmt heute nochmal diverse Werte ab und dann… Ja, dann geht es hoffentlich (?) sehr kurzfristig stationär. Und das ist die Stelle, an der ich fast sowas wie froh bin über meine kognitiven Nicht-Funktionen, weil Nicht-Denken an der Stelle bedeutend weniger Angst macht. Und Rosa? Schweigt sich aus, gerade.
Limitiert
Meine Muskeln summen, als ich stehen bleibe, um etwas zu trinken. Körper kann nicht mehr, und schon wieder droht er mit Systemabschaltung. So wie vorhin vorm Frühstück, als ich plötzlich merke, dass ich kurz davor bin, einfach umzufallen, weil sämtliche Speicher einfach leer sind.
Von vorne. Wir gehen auf Wander-//Foto-//Bergtour – eine, die Schatz vor einiger Zeit allein gemacht hat und die er mir unbedingt zeigen möchte. Es ist toll, aber ich scheitere trotz bester Vorsätze an dem letzten Stück rauf zur Alm, auf der er gewesen ist. Zu steil, zu weit, zu ungefrühstückt. Also gehen wir den Weg ein Stück zurück, zur vorigen Alm, und rasten dort. Ohne frische Buttermilch, die es zusammen mit knuddelbaren Kühen und selbstgemachtem Käse oben gegeben hätte – daher nur mit Wasser und einem Pott Kaffee, während Schatz ein Stück Käsekuchen verdrückt. Immerhin, der Kaffee rettet mich über weitere 1 1/2 Stunden, bis zu eben jenem Punkt während des Rückweges, wo beinahe nichts mehr geht und ich endlich mein Frühstück auspacke. Und die Hälfte esse.
Die zweite Hälfte folgt im Auto, zu dem ich es noch gerade so geschafft habe. Kommuniziert habe ich all das natürlich weitaus harmloser und in deutlich geringerem Umfang, als es sich anfühlte und was wohl nur diejenigen wirklich nachfühlen können, die wissen, wie strange sich ein ausgehungerter Körper mit leeren Muskeln anfühlen kann, wenn er leisten soll, aber einfach nicht mehr kann und mit Abschaltung droht.
Iss halt einfach denkt sich der rationale Teil von mir. Rosa rollt mit den Augen.
Konsumopfer
Rosa steht nackt, beinahe selbstzufrieden und mit einem breiten Grinsen im Gesicht vor dem Spiegel und betrachtet mich. Die Waage zeigte heutefrüh, passend zum anstehenden Arzttermin zwecks Blutwertbesprechung, den niedrigsten Wert ever an, da ändert auch die dank nagelneuer Fitnessuhr getrackte erschreckend niedrige Pulsfrequenz der letzten Nächte nichts an Rosas Euphorie.
Später sitzen wir gemeinsam beim Doc, und mit B12 und D sind bloß die üblichen Verdächtigen nicht so, wie sie sein sollten. Auch gut.
Als ich frage, ab wann ein niedriger Puls gefährlich werden kann, beruhigt er mich zunächst, weil er es bei dem vielen Sport für einigermaßen normal hält, zumal ich kaum Kreislaufprobleme habe. Aber dann scheint ihm wieder einzufallen, dass Körper ganz schön dünn ist und er fragt nach meinem Gewicht. Rosa antwortet mit stolz geschwellter Brust und während ich mich frage, warum sie tatsächlich die Wahrheit sagt, stellt mich der Doc mit steigender Nervosität auf die Waage. Das Ergebnis scheint ihm nicht zu gefallen, und wieder einmal fragt er nach therapeutischer Unterstützung und wirft einen Klinkkaufenthalt in den Raum. Ich glaube, er ist so genervt wie ratlos, weil er denkt, dass ich doch wollen sollte – und ich will ja auch wollen, aber genau genommen will ich halt sowas von nicht.
Nächste Woche, vor seinem Urlaub, soll ich mich noch einmal bei ihm auf die Waage stellen. Da sollte es mindestens stabil sein, sagt er. Und dann, mehr zu sich selbst denn was wären sonst die Konsequenzen? Er ist sich wohl selbst nicht so recht im Klaren darüber, denn er lässt die Frage unbeantwortet im Raum stehen. Rosa packt sie heimlich in ihre Tasche, weil sie es zwar nicht zugeben würde, aber Konsequenzen irgendwie verlockend klingen. Auch, wenn ich zumindest ab und zu versuche, sie davon zu überzeugen, dass der Verlust von jeglicher Autonomie weitaus weniger sexy ist, als sie es sich vorstellt.
Jetzt verbringen wir den Nachmittag also mit nicht enden wollenden Diskussionen darüber, ob wir den Vormittag vorm Arzttermin damit zubringen, literweise Wasser zu trinken, das Wochenende noch mal besonders restriktiv sind oder einfach nicht hingehen.
Am Ende ist es mir aber auch ziemlich egal, stelle ich fest. Und auch, wenn noch hundert weitere Gedanken zum Thema in der Peripherie meines Kopfs schweben, die zwar gedacht werden sollten, aber nicht können oder oder wollen, ist die einzig übrigbleibende Fragestellung die, wie ich Schatz den Termin, den ich natürlich wahrnehmen werde, verkaufe – und die Konsequenzen.