Freischwebend

Wie ist denn dein Körpergefühl?“ fragt Schatz. „Er ist halt da“ erwiedere ich, lasse die Frage so im Endeffekt unbeantwortet und schicke Schatz mal wieder – wie fast immer in letzter Zeit – auf Distanz.

Social distancing? Kann ich. Übe ich jeden Tag, auch an mir selbst. Der Körper macht halt, was er soll. Ist eine Notwendigkeit zur Existenz, auch wenn ich mich zur Gänze kontaktlos fühle. Aber nicht nur zu ihm, auch zu allem anderen. Nirgends ist eine Verbindung vorhanden, alles ist abstrakt und ewig weit weg. Ich bin auf einen winzig kleinen Punkt in meinem Kopf geschrumpft, gekettet an selbst auferlegte Regeln und Routinen, die nicht hinterfragt werden.

(Körperliche) Nähe ist eine nicht näher definierte Bedrohung und bestenfalls lästig, Kontakte werden so oberflächlich wie möglich gehalten. Der winzige Teil in mir, der sich nichts mehr wünscht als Halt und Wärme und Tiefe, wird negiert, sobald er sich auch nur ansatzweise zeigt.

Ich habe das Gefühl, Du verneinst Dich andauernd selbst?
Ich frage mich, ob die Ernährungsberatung wirklich das Richtige ist, oder nicht doch mehr nötig wäre?
Zwei weitere Sätze von Schatz aus dem Gespräch. Beide bleiben – auch im Innen – unbeantwortet.

Nichts hören. Nichts sehen. Nichts sagen. Nichts denken.

Bildungsfern

Konzentration. Ein Fremdwort. Bingewatching und gleichzeitig peripherer Handyexzess. Ich staple die unnützen Informationen in eine Ecke, nur damit ich stapeln kann und nicht denken muss. Oder fühlen. Gut, dass sich letzteres sowieso wie verlernt anfühlt. Ersteres auch. Ersteres aber nicht verlernt, sondern unmöglich, dank Dauerbeschäftigung mit Rosa, Sport, Essen, Nichtessen, Hungerhaben – und dank jeglichem Mangel an anderweitigen Interessen. Wäre zu anstrengend, außerdem.

Drei Wochen Urlaub. Tag 1.

Verdunkelung

Minuten. Stunden. Tage. Ganze Wochen und Monate, die in der Bedeutungslosigkeit versickern. Sich nicht erinnern lassen, weil es nichts zu erinnern gibt, außer Gleichförmigkeit und einem diffusen Gefühl von zerronnener Zeit, die um mich herumzufließen, mich aber nicht zu berühren scheint.
Abstrakte Konstrukte von Körper und Funktion werden mir kommuniziert, schließen sich aber der Zeit an. Funktion funktioniert, Körper funktioniert. Das noch wird ignoriert, dem Fluss bedauernd wie gleichgültig zugeschaut. Da ist nichts.

Aufgabe

Sie wirkt wie ein zugleich bockiges und ängstliche Kind, als ich Rosa* an der Hand hinter mir her ziehe. Sie schlurft mit einer an Resignation grenzenden Gleichgültigkeit dahin, weil sie mit mir zu Frau Ernährungsberaterin muss, aber nicht will.
Ich will auch nicht, aber das sage ich ihr nicht.

Ich nehme Platz, Rosa bleibt natürlich lieber stehen. Als gleich ganz zu Anfang Worte fallen wie „sehr deutliches Untergewicht“ und „Sie könnten umkippen“, findet Rosa das ganz hervorragend und strahlt selig. Ich funkele sie möglichst finster an, aber das ignoriert sie entweder, oder sie durchschaut mich längst. Stattdessen setzt sie sich kurzerhand zufrieden auf meinen Schoß. Ich nutze die Chance und halte sie fest, aber sie fängt sofort zu strampeln und zu quengeln an. Ich halte ihr den Mund zu. Rede mit Frau Ernährungsberaterin über mögliche (Wochen-)Ziele und dass weniger Sport eines davon sein könnte. Rosa beißt mir in die Hand und schüttelt so heftig den Kopf, dass mir schwindelig wird. Ich kann ihr vor Frau Ernährungsberaterin schlecht zustimmen, auch wenn ich das bei der Absurdität dieses Zieles gerne würde, als halte ich sie weiter fest und tue so überzeugt, wie ich es nur irgendwie zustande bringe.

Weil sie zu strampeln aufhört, lasse ich Rosa los. Das nutzt sie, um mir nun all ihre Befürchtungen in Endlosschleife ins Ohr zu flüstern, so dass ich den Ausführungen von Frau Ernährungsberaterin kaum noch folgen kann. Sie sind mir auch ziemlich egal, weil Rosa mit den meisten allen Dingen Recht hat. Nicht nur, dass ich Fett werde, sondern auch plötzlich Zeit hätte, über Dinge nachzudenken, über die ich nicht nachdenken will, oder noch schlimmer, etwas zu fühlen, was nicht gefühlt werden sollte. Als ich einen Teil davon laut äußere, tritt sie mir zu Recht vors Schienbein. Dummes Ich.

Am Ende halten Rosa und ich uns gegenseitig fest und ich hoffe, eine halbwegs überzeugende Darbietung meiner geheuchelten Motivation abgeliefert zu haben. Den nächsten Termin vereinbare ich so spät wie möglich und habe jetzt schon keine Lust darauf.

Ich weiß nicht, wer wen stützt, als wir die Praxis verlassen und uns heimwärts schleppen, ausgelaugt von so viel Inszenierung und innerem Widerstand. Ich habe schon fast wieder vergessen, was ich alles tun soll, aber nicht tun will.
Ich weiß nur, dass ich Rosa meiner Mama vorstellen muss, wenn wir uns nach über einem halben Jahr in wenigen Wochen wiedersehen. Und bis dahin sind unsere Wochenziele das, was zählt.

*so werde ich die Essstörung künftig nennen, habe ich beschlossen

Peripherie

Ich frage mich, was unter all dem Nichts so rumliegt und Staub ansetzt. Aber es ist, wenn überhaupt, nur ein geheucheltes Interesse, denn eigentlich ist es mir ziemlich sehr egal. Der Berg Nichts wird jedenfalls täglich höher, aber das sieht keiner, weil das nunmal in der Natur des Nichts liegt.

Die Woche habe ich wieder einmal auf der Überholspur verbracht, auf dem Zahnfleisch kriechend. Wartend – hoffend – auf den finalen Zusammenbruch, den mir mein Körper vehement verweigert und stattdessen weiter munter vor sich hin funktioniert. Wenn auch mit Abstrichen, so dass ich mitunter allein zu Atmen als unzumutbare Belastung empfinde. Gezeigt wird das natürlich niemandem, der Berg Nichts eignet sich da prima als Versteck für alles.

Während Schatz und andere auf meine Vernunft – und die Ernährungsberaterin – vertrauen, kürze ich unbemerkt meinen Ernährungsplan, beschließe, auch weiterhin keine Therapeutentermine und stattdessen Sport zu machen, verschiebe die EB-Termine, würde am liebsten alles hinschmeißen und mir mit Alkohol und einer Rasierklinge mal wieder einen richtig schönen Abend gönnen.

Ratlosigkeit macht sich breit, wenn ich so mein Leben betrachte, aber mehr als ein Schulterzucken habe ich nicht übrig dafür. Zu anstrengend. Zu egal.