Mäh

Hattest du in der letzten Woche denn überhaupt schon einen Tag ohne Kopfschmerzen, Schwindel oder Herzrasen?“ fragt Schatz, als ich (mir) zum wiederholten Male die Frage stelle, ob ich nicht doch trotz Krankschreibung diese Woche schon wieder arbeiten gehen soll.

Jeden Tag schreien Orange und Grün mir ins Gesicht, ich soll mich nicht so anstellen und gefälligst arbeiten gehen, denn ich hab ja nichts. Ich bin schließlich nicht krank oder sowas. Jeden Tag murmle ich gedanklich tausendfach vor mich hin, dass es ok ist, krankgeschrieben zu sein und ich trotzdem das Wetter genießen darf.

Nein“ antworte ich und finde es so ätzend wie beruhigend, dass er Recht hat. Nur interessiert OrangeGrün das nicht. Sie schreien weiter, während Schwarz hofft und bangt, was nun weiter passiert und mir sicherheitshalber mal SV-Druck und das Verlangen nach Alkohol um die Ohren haut.

Sackgasse

Wenn es so weitergeht – wie soll es dann weitergehen?

Ich bin nicht arbeiten heute. Beschlossen habe ich das gestern schon, ohne zu wissen, ob es so besser ist, oder ob nicht ein geregelter Tag eigentlich das wäre, was jetzt richtig wäre. Aber nichts ist richtig zur Zeit.
Nicht, dass ich an vier von sieben Abenden einer Woche angetrunken bin. Nicht, dass ich es gerne an sieben Abenden und auch noch ein bisschen öfter wäre. Nicht, dass ich immer gereizt bin, und nicht, dass ich entscheidungsunfähig bin. Nicht, dass mir alles egal ist, und nicht, dass ich mich in Stücke hacken möchte. Nicht, dass ich nicht ans Telefon gehen kann, und nicht, dass mein Tinnitus Party feiert. Nichts davon ist richtig oder ergibt irgendeinen Sinn.
Schwarz bettelt, ich sollte all das meinem Hausarzt erzählen und ihn die Entscheidung treffen lassen dass ich bloß ein Simulant bin, der nur ein paar freie Tage erjammern will. Bloß keine Verantwortung mehr tragen. Grün sagt, dass ich übertreibe und mich anstelle. Und Grün hat Angst, dass der HA genau das bestätigen könnte. Orange wird panisch, weil ich nicht arbeiten bin – gerade jetzt, wo die Hütte brennt. (Meine Hütte brennt auch – aber das interessiert keinen, mich ja irgendwie auch nicht, oder doch, so halb halt… ach, keine Ahnung).

Ich weiß nicht, was ich will. Ich sitze in meiner immer enger werdenden Sackgasse und will überhaupt etwas wollen wollen. Glaube ich. Und jemanden, der mir sagt, was ich tun soll.

Farblos

Orange zeigt mir einen Vogel, wenn ich nur daran denke, mir nur 2 Wochen nach meinem Urlaub einen gelben Schein zu holen. Sofort zählt Orange mir meine vielen beruflichen Termine in der kommenden Woche auf und ist geradezu entsetzt, dass ich auch nur in Erwägung ziehe, mich zu erholen blau zu machen. Außerdem redet sie oder ein anderer EgoState, so genau weiß ich das nicht, mir ein, dass es doch garnicht so schlimm ist und ich mich gefälligst nicht so anstellen soll. Hat doch jeder mal nen schlechten Tag an dem er kaum aus dem Bett kommt, alles grau erscheint und er an Rasierklingen denkt – seit Tagen.

Ich bin in meinem Innern auf der Suche nach einer Rechtfertigung, nicht arbeiten zu gehen, lange wach und lange im Bett zu bleiben, mir vielleicht etwas Gutes zu tun – um wieder auf die Beine zu kommen und aus meinem Loch zu krabbeln. Aber da ist nichts. Niemand, der mir zugesteht, das zu tun. Stattdessen imaginäres Rasierklingengefuchtel, weil dann, vielleicht, jemand von Außen zum Fürsprecher wird, der mein Innen überredet – oder zwingt.

Offline

Die emotionale Verbindung zu meinem Leben ist seit Sonntag unterbrochen. Ich hätte sie zwar vorher schon als nicht nennenswert bezeichnet, aber jetzt ist sie ganz weg. Verschwunden.
Ich gehe arbeiten, führe wichtige Gespräche, auf die ich teilweise sogar körperlich reagiere, aber es passiert nichts in mir. Mein Kopf ist woanders, ich rede mich um Kopf und Kragen, beobachte mich selbst und fühle nichts. Grau und Schwarz haben die Führung übernommen, und selbst wenn Rot versucht, dazwischenzufunken, ist es nicht mehr als ein Windhauch. Ich funktioniere ganz hervorragend und schaffe viel in der Arbeit, und dennoch scheint jede Anstrengung zu viel, das Bett schon beim Heimkommen so verlockend.
Und wenn dann Grün und Orange plötzlich, auch aufgrund eines dieser geführten Gespräche, anfangen, Hand in Hand wie Flummis auf und ab zu hüpfen und Pläne zu schmieden und Ideen zu haben, ignorieren sie dabei, dass sie von GrauSchwarz in einen viel zu kleinen Käfig gesperrt wurden und nichts bewirken, außer mich nervös zu machen und am Ende Kopfweh zu haben.

Es herrscht gähnende Leere, nicht mal ein Echo kommt zurück. Es ist alles so egal, so entfernt. Und mir ist egal, dass es egal ist – ich sehe keinerlei Notwendigkeit, etwas daran zu ändern.

Bunt ohne hell ist auch nur grau

Grün schaukelt mit trüben Augen auf der Stange in ihrem winzigen Käfig, in dem sie seit einiger Zeit sitzt. Irgendwer hat ihn abgeschlossen, aber es kümmert sie nicht. Sie schaukelt. Vor. Zurück. Vor. Zurück.
Gelb und Orange teilen sich einen kleinen Stuhl in der Ecke. Manchmal, wenn sie gebraucht werden, steht einer von ihnen lustlos auf und versucht, seinen Job zu machen. Egal, wie viel oder wenig Energie sie investieren, es scheint immer zu wenig und ist immer mehr, als eigentlich zur Verfügung steht. Beide sind froh, sobald sie wieder zurück und sich ausruhen dürfen, so schwer das auf dem unbquemen, harten Stuhl auch fällt.
Schwarz liegt am Boden. Dort liegt sie schon eine ganze Weile, und beobachtet die Staubflusen, die sich dort sammeln. Nicht, weil es sie interessieren würde, sondern weil ihre Augen ab und zu offen sind, und es halt staubt.
Rot liegt daneben. Dann und wann fällt ihr wieder ein, dass die Katastrophe noch nicht vorbei ist und Wut ein angemessenes Gefühl wäre. Dann setzt sie sich auf und schreit aus Leibeskräften, nur um festzstellen, dass diese nicht nur sehr begrenzt sind, sondern auch niemand zuhört. So wendet auch sie sich wieder den Flusen zu und passt auf, dass Schwarz sie nicht einatmet.
Grau spielt notgedrungen den einzigen Gedankenfilter. Verschluckt die Hälfte, nur um sie zu einem anderen Zeitpunkt zerhackt wieder auszuspucken. In den Rest macht er immer wieder Knoten und Schlaufen, Gefühle behält er gleich ganz für sich und lässt keines auch nur in die Nähe von mir.

82 – Mut oder Wahnsinn?

Mal wieder mache ich mir Gedanken darüber, ob ich mit kurzen Ärmeln in die Arbeit gehe. Der Urlaub ist rum, ab morgen ist also wieder Hamsterrad angesagt. Und, falls es noch keiner bemerkt hat, es ist heiß. Verdammt heiß, und auch wenn ich eine Klimaanlage im Büro habe, heißt das nicht, dass es nicht trotzdem im Gebäude einfach zu warm sein wird – und ich Klimaanlagenluft nicht mag.

Eine Weile…

Seit inzwischen 5 Jahren war ich nicht mehr kurzärmlig in der Arbeit. Seit ich den ersten Schnitt am Arm machte. Inzwischen habe ich eine umfangreiche Sammlung an dünnen leichten Blusen, die auch im Sommer gehen – oder bisher gingen, wenn wir nicht wochenlang Temperaturen jenseits der 30 Grad hatten. Und falls doch mal jemand komisch schaute, sagte ich (nicht ganz unberechtigt), dass ich es nicht mag, wenn meine nackten Arme am Schreibtisch „kleben“.

Weiße Linien

Das letzte Mal, als ich mich am Arm selbstverletzte, war 2015, so dass sämtliche Narben (und das sind nicht viele) als alt zu erkennen sind, auch wenn sie aktuell wegen meiner Bräune besonders gut sichtbar sind.
Die frischere(n) Narbe(n) am Bein lasse ich hier übrigens mal ganz außen vor, da ich abgesehen von kurzen Hosen zum Wandern immer in langen Jeans unterwegs bin.

Pro & Contra

Ich habe mal eine Liste gemacht mit Dingen, die für oder gegen lange Ärmel an meinem Arbeitsplatz sprechen.

Dafür spricht:

  • es ist warm – sehr warm
  • die Narben sind als offensichtlich alt zu erkennen
  • die Narben und deren Ursache gehen niemanden etwas an, und das darf ich auch sagen
  • morgen ist so gut wie jeder andere Tag, und ich möchte nicht den Rest meines Arbeitslebens langärmlig rumlaufen
  • ich habe keinen Kundenkontakt und nur selten mit Externen zu tun – dafür kann ich eine dünne Jacke mitnehmen und bei Bedarf anziehen
  • ich bin auch nur ein Mensch
  • ich bin seit über 8 Jahren in der Firma/Abteilung und alle kennen mich, es ist „nur“ eine Äußerlichkeit
  • wenn der erste Tag erst einmal überstanden ist, wird es wahrscheinlich von Tag zu Tag etwas einfacher
  • vielleicht bemerkt sie niemand – nicht jeder checkt wie ich mit als Erstes die Unterarme von jemandem, den er sieht

Dagegen spricht:

  • man wird hinter meinem Rücken reden
  • komische Blicke, Kommentare und Fragen kommen auf mich zu
  • meine Mitarbeiter und Vorgesetzte könnten mich nicht mehr ernst oder (falsche) Rücksicht nehmen
  • ich bekomme den Stempel „psychisch krank“, „instabil“ und/oder „irre/verrückt“
  • ich habe eine Scheißangst vor den ersten Reaktionen

Und jetzt nochmal – was spricht wirklich dagegen, oder was lässt sich durch gesunden Menschenverstand zumindest reativieren?

  • man wird hinter meinem Rücken reden → man wird immer hinter meinem Rücken reden, weil ich Teamleiterin und Einzelgängerin bin, es unterscheiden sich dann nur die Inhalte dessen
  • komische Blicke, Kommentare und Fragen kommen auf mich zu → zumindest in den ersten Tagen bzw. bei den ersten Begegnungen, es wird nicht ewig so bleiben; außerdem würde auch bei langen Ärmeln bei den Temperaturen wahrscheinlich blöd geguckt
  • meine Mitarbeiter und Vorgesetzte könnten mich nicht mehr ernst oder (falsche) Rücksicht nehmen → Rücksicht wäre nicht das Schlechteste, was mir passieren kann, und bei falscher Rücksicht kann ich intervenieren. Ich will keine weitere „Karriere“ machen, bei der mir das im Wege stehen könnte, und weiß, dass meine zwei nächsten Chefs sehr großes Vertrauen in mich und meine Fähigkeiten haben. Wenn Narben daran etwas ändern, bin ich in der falschen Firma.
  • ich bekomme den Stempel „psychisch krank“, „instabil“ und/oder „irre/verrückt“ → siehe oben
  • ich habe eine Scheißangst vor den ersten Reaktionen → die werde ich immer haben, egal, wann ich mich dazu entschließe. Umgehen könnte ich das nur, wenn ich es nicht wagen würde.

Warum morgen?

Für wichtige Schritte, die ich gehe, brauche ich oftmals einen „besonderen“ Startpunkt, eine Wegmarke. Morgen wäre so ein „besonderer“ Tag, weil es der erste Tag nach 3 Wochen Urlaub ist. Ich weiß, wenn ich es morgen nicht mache, werde ich den nächsten Versuch sehr wahrscheinlich erst 2019 wagen.

Mutig

Es wäre das Mutigste, was ich dieser Tage tun könnte und seit langem getan habe. Ein Schritt in die Richtung, mich bei der Arbeit nicht mehr hinter einem sehr abgegrenzten EgoState zu verstecken, sondern auch zu dieser Seite von mir stehen.

Die Herausforderung wird nun sein, es morgen wirklich durchzuziehen. Die ypsenneunzig Meinungswechsel, die heute unweigerlich kommen werden, auszuhalten und trotzdem an diesem, sagen wir Entschluss, festzuhalten.

Sei mutig. Dir zuliebe.