Die 40-Minuten-Depression

Ich gucke gerade die Serie Desperate Housewives und in der letzten Folge wurden (Wochenbett-)Depressionen zum (Neben-)thema gemacht. Einer der Ehemänner war davon betroffen – 40 Minuten lang, eine Folge eben.
Und sie hängt mir nach, weil mir das Ende wieder einmal zeigt, wie falsch so eine Krankheit dargestellt werden kann.

Staffel 7, Folge 2

Tom kommt wiederholt früher von der Arbeit heim, weil es ihm nicht gut geht. Seine Frau Lynette schickt ihn zum Arzt, und er kommt mit der Diagnose Wochenbettdepression, einer Broschüre und einem angstlösenden Medikament nach Hause. Lynette nimmt weder die Krankheit enrst, noch will sie, dass er das Medikament nimmt, und schickt ihn daher zu einem ganzheitlichen Arzt. Dieser verschreibt Tom medizinisches Marihuana – welches noch vor der ersten Nutzung von Lynette durch Oregano ausgetauscht wird. Tom merkt dies zunächst nicht und wähnt sich trotzdem im Rausch, als er sich seinen ersten Joint dreht. Er steht über eine Stunde am Bettchen seiner kleinen Tochter, und entdeckt dadurch, dass er bloß für den Moment leben muss, um die Krankheit loszuwerden. Am Ende der Folge, deren Handlung an wenigen Tagen spielt, ist er scheinbar wieder glücklich und geheilt – und seine Frau hat offensichtlich gut daran getan, weder die Krankheit, noch die Medikation ernstzunehmen, sondern darauf zu setzen, dass er bloß seinen Blickwinkel ändern musste.

Stell dich nicht so an!

…ist irgendwie das Einzige, was ich hier „rausziehen“ kann. Und es ärgert mich – denn auch wenn (hoffentlich!) niemand sein gesamtes Wissen über Depressionen aus dieser einen Folge einer Hirn-aus-Film-ab-Serie zieht, zeigt es mir, wie sehr solche Darstellungen zu einem völlig falschen Bild führen können.

Graue Tage

Ich stehe am Rande meines Lebens und zerfleische betrachte es wieder einmal. Zwei Therapiestunden sind noch übrig, und beide sind schon voll mit aktuellen Dingen, die vor- und nachbereitet werden möchten.
Ich fühle mich meilenweit entfernt von dem Gefühl, dass ich fertig bin mit der Therapie, kann mir aber gleichzeitig nicht vorstellen, doch noch eine Verlängerung zu beantragen, weil ich nicht weiterkomme.

Wie definiert man „Erfolg“ bei einer seit 15 Jahren andauernden Krankheit mit bisher sehr überschaubaren symptomfreien Zeiten, an die ich mich so sehr gewöhnt habe, dass ich erst heute wieder beim Auflisten meiner Symptome erstaunt bin, weil ich lt. diesen als mittelgradig depressiv einzustufen wäre?
Gut, vielleicht ein stückweit so, dass ich heute, an meinem sturmfreien Tag, nicht in Selbstmitleid zerflossen bin, ich mich ok fühle und sogar ein bisschen Hausarbeit gemacht habe, frei nach dem Motto meiner Therapeutin: Spaß machen muss es ja (erstmal) nicht!

Die Verhaltenstherapie wird mich aber nicht weiterbringen. Ich weiß – auch, weil ich schon so viel über Depression und allgemein psychische Erkrankungen gelesen habe – genau, was ich tun kann. Aber was nützt es mir, wenn mich das Leben trotzdem fickt? Wenn es mir trotzdem schlecht geht, obwohl ich Sport mache, rausgehe, auf mich achte? Wenn ich mich trotzdem frage, wer ich eigentlich bin?

Ok, jetzt führt es doch zu Selbstmitleid und nicht in die Richtung, in die ich eigentlich wollte. Welche war das genau? Keine Ahnung. Therapie ist fast vorbei, Depression nicht.

Leben als Selbstzweck?

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Ich habe Urlaub und fühle mich sinnbefreit. Ich habe keinerlei Pläne für diese eine Woche und finde mich daher tagtäglich auf der Suche nach einer sinnvollen Beschäftigung wieder, um nicht in meinen Gedanken zu ertrinken. Dabei war Gammeln alles, was ich an meinen freien Tagen tun wollte, aber es ist anstrengend, dabei nicht unterzugehen.
Mir wird mehr und mehr klar, dass es mir vor der Katastrophe langsam besser ging. Ich konnte mich beschäftigen, konnte entspannen, hatte Pläne, eine Perspektive. Ich glaube, wäre sie nicht passiert, hätte ich diesen Sommer einen Weg aus der letzten depressiven Episode gefunden.
Aber es kam anders, und alle Pläne wurden von den Anderen an die Wand gestellt und erschossen. Ohne Zigarette, ohne Augenbinde, ohne Vorwahrnung.

Seither ist jeglicher Sinn aus meinem Leben verschwunden. Ich stehe auf, bestreite meinen Alltag, ich gehe schlafen. Alles nur, damit der Tag irgendwie vorüber geht und mich einen Tag weiter weg von der Katastrophe und einen Tag näher an den wie.auch.immer-gearteten Abschluss des Ganzen bringt.
Ich überlebe. Mehr nicht.

Ich ertappe mich dabei, wie ich alle Ideen, alle Pläne, die aufkommen, nehme und in eine Kiste werfe, bei der sich erst noch herausstellen wird, ob ich sie je wieder öffne, oder sie Mitte Dezember gleich anzünde. Und ich frage mich, wie ich bis dahin weitermache, wenn Leben nur Selbstzweck und Hoffnung eine quälende Flamme ist, die ich aus Angst immer wieder zu löschen versuche, weil ich sie nicht von den Anderen ermordet sehen will.

Grundlos

Geht es mir grundlos schlecht? Oder anders, provokanter gefragt: brauche ich einen Grund, damit es mir schlecht gehen „darf“? Eine klitzekleine sehr laute Stimme in meinem Kopf beantwortet diese Frage stets mit einem eindeutigen Ja. Jetzt weiß ich auch wieder, warum.

Ich antwortete meiner Mama auf ihre übliche Wochenend-WhatsApp letzte Woche, dass es mir ziemlich doof geht – in der Erwartung, dass sie diesen Teil meiner Nachricht wieder einmal ignorieren wird, wie so oft. Aber Überraschung!, sie tat es nicht, sondern fragte, warum.

Wünsch dir nichts, mit dem du dann nicht umgehen kannst

Ja, genau das hatte ich mir gewünscht – dass sie es mal nicht übergeht und ignoriert, sondern einfach irgendetwas dazu schreibt. Und als sie es tat, war ich sauer. Ich wollte sie sofort anschnauzen, ob es mir nicht einfach nur schlecht gehen darf, weil ich Depressionen habe auch ohne dass es einen konkreten Grund dafür gibt. Tatsächlich wich ich aus und nannte einen Grund, auch wenn es nicht der Grund ist, sondern nur einer von tausenden, oder keiner.

Seither bin ich gedanklich auf der Suche nach Henne und Ei, und zwar in beide Richtungen. Wenn es mir gut geht, ist das dann so, weil ich etwas für mich getan habe? Oder habe ich etwas für mich getan, weil ich es konnte – weil es mir gut geht? Und wenn es mir schlecht geht? Spiele ich die gleichen Gedanken durch.

Aber ich will mich nicht rechtfertigen und ich will auch nicht das Gefühl haben, mich rechtfertigen zu müssen. Wenn es mir nicht gut geht, ist das so. Ich habe Depressionen. Kein …, weil … sondern Punkt. Und wenn es mir gut geht, genauso – aber das fragt ja eh niemand.

Mein Universum in der Nussschale

Ich sitze in einer winzigen Nussschale auf einem endlosen, tobenden Ozean. Die Wellen spielen ihr ganz eigenes Spiel mit mir, der Sturm reißt meinen Atem fort.

Meine mühevoll aufrecht gehaltene Projektion steht aufrecht und blickt nur im Augenwinkel auf die kleine Pfütze hinab, in der meine Nussschale mit meinem Ich schwimmt. Mit etwas Glück entschuldigen sich die, die die Hosenbeine meiner Projektion beim achtlosen Hindurchlaufen mit Wassertropfen bespritzen – falls sie es überhaupt bemerken oder kümmert. Meine Projektion lächelt und winkt ab, während sie nicht einmal flackert.

Meine Nussschale, in der sich mein ganzes konzentriertes Universum befindet, kentert fast, als die Wellen, die die unbedachten Schritte verursachten, darauf treffen. Nur mit Mühe kann ich mich fest- und gleichzeitig die Projektion aufrecht erhalten. Eisiges Wasser schwappt herein und lässt mich zittern. Mein Universum droht, sich in der Kälte noch weiter zusammenzuziehen, meine Gedanken sich noch weiter zu komprimieren. Bis ein schwarzes Loch entsteht.

Leere trifft es ganz gut.

Ich spüre mich nicht. Seit Tagen.

Ich sitze in einer fremden Stadt in einem Hotelzimmer und frage mich, wie ich es eigentlich hierher geschafft habe. Irgendwie muss es jedenfalls funktioniert haben, auch wenn ich mich rückblickend nur wie ein Zuschauer fühle. Der ganze Tag war so … strange. Ja, ich war arbeiten. Ja, ich habe mit meinen Mitarbeitern geredet. Ja, ich habe mich auf Dienstreise begeben. Nein, ich habe keine Ahnung, wie ich das alles geschafft habe. Oder wie ich die nächsten Wochen zwei Tage überstehen soll.

Noch funktioniert der Autopilot, wenn er muss. Aber jetzt gerade muss er nicht, und es ist gut verdammt scheiße, dass ich weder Alk noch Rasierklingen mitgenommen habe.

What the f*cking hell is wrong with me?

Me.