Endlich ein Grund zur Panik

Ich hasse es, krankgeschrieben zu sein. Sobald ich das Haus verlasse, sei es zum notwendigen Lebensmittel-Einkaufen, zum nicht-so-lebensnotwendigen Gartencenterbesuch oder, wie vielleicht morgen geplant, zum Berggehn, schiebe ich Panik, jemand aus der Arbeit – der ~100km entfernten Arbeit – könnte mich sehen und dann denken, dass ich zwar so etwas machen kann, aber nicht arbeiten gehe. Oder schlimmer noch, es dort rumerzählen.
Unsichtbar sein wäre toll. Dann hätte ich heute nicht mit dem übermächtigen Wunsch zu verschwinden dort im Gartencenter gestanden und versucht, gegen den immer heftiger werdenden Druck in meiner Brust zu atmen, sondern die Blumen genießen und damit etwas für mich tun können. Aber nö, so überlege ich jetzt, ob Berg morgen wirklich eine so gute Idee ist oder ich den Tag lieber daheim verbringe und mein schlechtes Gewissen halt nur in den Garten trage. Vielleicht ganz in der Früh zum See (und Milliarden Mücken), aber mehr scheint unmöglich.
Ich kann gar nicht anders, als Montag wieder Arbeiten zu gehen. Zwar bereitet mir dieser Beitrag gerade schon wieder Schwindel und leichtes Kopfweh (vom Atmen rede ich mal nicht…), aber ob ich jetzt hier unentspannt und faul rumhänge, oder dann unkonzentriert einen Teil meiner Arbeit meine Arbeit mache, ist dann auch irgendwie egal.

Mäh

Hattest du in der letzten Woche denn überhaupt schon einen Tag ohne Kopfschmerzen, Schwindel oder Herzrasen?“ fragt Schatz, als ich (mir) zum wiederholten Male die Frage stelle, ob ich nicht doch trotz Krankschreibung diese Woche schon wieder arbeiten gehen soll.

Jeden Tag schreien Orange und Grün mir ins Gesicht, ich soll mich nicht so anstellen und gefälligst arbeiten gehen, denn ich hab ja nichts. Ich bin schließlich nicht krank oder sowas. Jeden Tag murmle ich gedanklich tausendfach vor mich hin, dass es ok ist, krankgeschrieben zu sein und ich trotzdem das Wetter genießen darf.

Nein“ antworte ich und finde es so ätzend wie beruhigend, dass er Recht hat. Nur interessiert OrangeGrün das nicht. Sie schreien weiter, während Schwarz hofft und bangt, was nun weiter passiert und mir sicherheitshalber mal SV-Druck und das Verlangen nach Alkohol um die Ohren haut.

Mindf*ck

Möglicherweise hatte Schwarz genau das im Sinn, als sie mich gesternabend nach einer ätzenden Nacht und einem noch viel ätzenderen Tag wieder mal zum Alkohol greifen lässt. Viel Alkohol. Der erst meinen Kopf angenehm ausschaltet, aber dann die Mauer, die ich so sorgfältig um meine Gefühle gebaut habe, erst bröckeln und schließlich unter viel Lärm und Staub in sich zusammenstürzen lässt.

Plötzlich kann Schwarz all das rauslassen, was ich sonst so sorgsam kontrolliert wegsperre. Und sie lässt viel raus. So sitze ich dort auf der Terrasse mit Schatz und heule, weil Schwarz so sehr nicht mehr kann und sich einen Hauch Beachtung wünscht. Sage Dinge, die ich nüchtern nie ausgesprochen hätte und lasse zu, dass Schwarz sogar erwähnt, dass mein Hausarzt noch Sprechstunde hätte und es nicht das schlechteste wäre, genau jetzt zu ihm zu fahren, weil ich genau weiß, dass Nüchtern und am nächsten Tag Schwarz wieder weggesperrt sein wird.

Ich lasse Schatz mich lenken, und als ich mich im Wartezimmer wiederfinde und die Woge des Alkohols nachzulassen scheint, frage ich mich, was ich eigentlich hier tue. Außer mich anstellen und so.
Der Weg ins Sprechzimmer und die frische Luft der offenen Balkontür spülen eine neue, heftige Welle Rausch über mich hinweg, und Schwarz weiß genau, was sie hier tut. In meinem Kopf steht ein minutenlanger Monolog bereit, der beschreibt, wie es Schwarz so geht. Aber als der Arzt vor mir sitzt, sind da plötzlich nur noch Bruchstücke, und genau so fallen auch meine Worte aus. Bruchstücke, aus denen man mehr Verzweiflung heraushört, als ich es mir selbst zu fühlen gestatte.

Viel ist nicht rekonstruierbar aus dem Gespräch. Ich soll mich um einen psychosomatischen Klinikaufenthalt bemühen, soll mich nochmal melden am Ende der Woche, ggf. auch wegen Medis zum Schlafen. Ich bin die nächsten zwei Wochen krankgeschrieben.

Die Nacht war kurz. Die Mauer um meine Gefühle steht noch nicht wieder. Und da ist das schlechte Gewissen, weil es gerade jetzt in der Arbeit so viel wichtiges für mich zu tun gäbe und viele Gedanken an das, was ich an fachlichen Dingen noch meinem Chef schreiben muss möchte.
Ganz viel Sortierarbeit liegt vor mir, und die Aufgabe, mich mit dem Thema Klinik zu beschäftigen, was mir ebenso viel Angst wie Hoffnung macht.

Ungesagt

Vielleicht ist es wenig erwachsen, Schatz einen Brief zu schreiben, wenn so vieles ungesagt im Schweigen endet. Weil ich nicht weiß, wie ich die dunkle Leere in meinen Innern verbalisieren soll, ohne dass es dauerhafte Narben auf der Haut hinterlässt, die mich daran erinnern könnten, dass da noch Leben ist, irgendwo.
So sind ein paar der Worte, die mir seit Wochen im Hals stecken, jetzt auf Papier und haben doch den Weg nach draußen gefunden.
Und vielleicht ist es wenig erwachsen, zu sagen, übernimm du die Verantwortung, denn ich will sie nicht. Sag du, was zu tun ist, bevor ich Blödsinn mache.
Aber so ist es nun. Er kennt einige Kopien der Worte, die in meinem Kopf und meinem Hals und meinem Innern feststecken und sich mit Widerhaken tief in mich hineingraben. Die dort wüten und schwelen und sich durch mich hindurchfressen, noch mehr Platz für Leere schaffen.
Und er trägt mich ein Stück.

Nein

Der Gedanke ist armselig.
Einen Suizidversuch antäuschen, damit Schwarz die Aufmerksamkeit und Hilfe bekommt, nach der sie mit rudernden Armen bettelt und fleht, und dafür eine Zeit lang Verantwortung abgeben. Super Idee. Nicht.

Es reicht nichtmal zum Schreiben gerade. Ich mag nicht mehr. Aber ich muss doch meine Arbeit machen. Ich darf nicht krank sein.
Mein Körper tut. Ich liege eingerollt in meinem Kopf und betrachte die Leere in mir drin. Endlos.

Fragmente

Es ist verdammt kurz vor 12, macht mir mein Körper klar. Sobald ich übertreibe mein gewohntes Arbeits-, Wurschdl- oder auch nur Denktempo anschlage, antwortet mein Körper mit massivem Schwindel. Was ich krass finde. Und mir Angst macht. Weil es mir zeigt, wie sehr ich auf mich aufpassen muss, wenn ich nicht wirklich zusammenbrechen will.

Mein Projekt #mentalhealth läuft in winzigen Schritten an. Zu meinen Eltern war ich nicht so offen, wie ich es eigentlich vorhatte. Mein Papa sagte sogar im O-Ton … nicht, dass du noch depressiv wirst! und hält mir damit den Spiegel vors Gesicht, der zeigt, wie wenig ich eigentlich doch von mir zeige.

Ich lebe fragmentiert, schwirrt als loser Satz in meinem Kopf herum. Schatz. Arbeit. Familie. winzigkleineHandvollFreunde. Offizielles digitales Ich. Anonymes digitales Ich. Gedanken. Depression. Körperkram. Alles Fragmente, die nicht zusammenfinden. Die durch die Zeit schweben, und sich nur manchmal berühren – so wie jetzt, wenn Depression, Körperkram und Arbeit kollidieren, ohne dass ich weiß, wie das Szenario danach aussehen wird.

Bisher habe ich immer gedacht, ich wünsche mir, dass nichts mehr geht. Jetzt, wo ich nicht mehr weit von der Grenze entfernt bin – oder darauf balanciere – jagt es mir eine riesige Angst ein. Auch, weil ich nicht weiß, wo ich ansetzen soll. Therapeutensuche geht nicht von heute auf morgen (abgesehen davon, dass mir „stressfrei“ in dem Zusammenhang nicht als erstes einfällt), meine Mini-Schritte werden nur langsam etwas ändern können, und die Arbeit…wird mit meinem Leistungsanspruch als Magnet mit all dem kollidieren.

Und jetzt dreht sich wieder alles.