Stillschweigen

Die Notwendigkeit, gedachtes in Gesprächen in gesagtes zu übersetzen, um sie in Gang zu halten, erscheint mir mehr als lästig. Kein Wunder also, dass es nicht so richtig laufen will, als wir in toller Kulisse viel zu gehaltvolles leckeres Essen im Restaurant auf der Terrasse mit Blick auf den See und die Berge essen.
Rosa zeigt sich ziemlich angewidert angesichts des Veggiburgers, den ich mir mangels Alternativen auf der coronabedingt eingekürzten Karte bestellt habe und brennt darauf, die Kalorien in die App zu hacken, um herauszufinden, wie schlimm es tatsächlich ist. Derweil kann ich den immer wieder missglückenden Versuchen meiner Mutter oder von Schatz, anhaltende Gespräche zu erzeugen, nur schwer folgen.

Gedanklich hänge ich außerdem im Fitnessstudio fest, in dem ich das erste Mal seit Anfang März an diesem Morgen wieder gewesen bin. Mit altem Trainingsplan, aber mit zum Teil dann selbst nach unten korrigierten Gewichten, weil ich offensichtlich nicht alle Muskelgruppen gleichermaßen im Homeworkout erhalten konnte. Finden Rosa und ich beide doof.
Als ich dort ankomme, werde ich von den zwei Trainern regelrecht gescannt und bin mehr als erleichtert, dass keiner von ihnen etwas sagt und mich trainieren lassen. Bis einer der Beiden – ausgerechnet der, den ich aus unerfindlichen Gründen nicht ausstehen kann – fast am Ende schließlich doch noch auf mich zukommt und meint, ich hätte ganz schön abgenommen. Ich winde mich unter seinen Worten wie Blicken irgendwie heraus und verschwinde nach meiner letzten Einheit so unauffällig wie möglich. Hoffend, dass ich nächste Woche beim nächsten geplanten Besuch meine Ruhe habe.

„… und haben sie was gesagt, als sie dich gesehen haben?“ fragt meine Mama auf den dann doch verbalisierten Gedanken, dass ich eben heutefrüh zum ersten Mal wieder im Studio war. „Nö.“, erwidere ich wahrscheinlich etwas zu schnell, belasse es dann aber auch dabei und betrachte stattdessen wieder den See.

Ich liege endlich im Bett, aber an Schlafen ist erst einmal nicht zu denken. Atmen steht stattdessen viel zu deutlich im Vordergrund und ich versuche – weitgehend erfolglos – herauszufinden, ob mein Kopf oder mein Herz für das tonnenschwere Gewicht auf meiner Brust verantwortlich ist. Fast bitte ich Schatz, mich zum Arzt oder den Arzt zu mir zu bringen, schäme mich aber zu sehr – egal, wer nun die Schuld trägt. Irgendwann wird es gefühlt besser und ich schlafe ein, aber heutefrüh ist es wieder – oder immernoch – da und strengt mich an. Die Befürchtung, mir eine Herzinsuffizienz angehungert zu haben, schwebt drohend über mir wie das heraufziehende Unwetter. Ich vereinbare mit Rosa, mir beides mal eine Weile weiter anzusehen. Bedrohlich, aber auch irgendwie faszinierend. Es fängt zu regnen an.

Etappenziel

Etwas ratlos schaue ich den Staffelstab an, den Rosa mir wieder in die Hand gedrückt hat. Ich dachte, wir wären damit durch und bräuchten den nicht mehr. Gut, das dachte ich auch im März, als ich meine Eltern besucht habe. Und zwischendurch zu anderen Gelegenheiten.
Jetzt haben meine Eltern Rosa also ganz aktuell in Augenschein nehmen und als besorgniserregend einstufen können, aber das reicht ihr nicht. Nächstes Ziel: die Kollegen, die ich dank Homeoffice seit dreieinhalb Monaten nicht mehr gesehen habe. Dass unklar ist, wie lange das noch so sein wird, spielt dabei keine Rolle und dient eher als Ansporn. Und dass ich der Meinung bin, so besser genau nicht von Kollegen gesehen zu werden, weil schon damals hinter meinem Rücken geredet wurde und dort nun langsam kein Platz mehr für Heimlichkeiten ist, zählt ebenfalls nicht.
Ich drehe und wende den Stab in meiner Hand und jammere ein bisschen, weil mir nicht nur der Hintern weh tut („sitz halt nicht so viel rum!“), sondern ich auch andauernd außer Atem bin und Sommerbergtouren, die ich wirklich gerne machen würde, an Rosas Auswirkungen zerschellen, die mich gerade noch so den Weg ins Lieblingscafé schaffen lassen, während Sport einfach immer geht. Auch die Sorge, dass sie uns am Freitag, wenn ich zum ersten Mal seit März wieder ins Fitnessstudio gehen mag, nicht mehr trainieren lassen, ist ihr egal, weil wir ja jetzt ein schickes und funktionierendes Homeworkout etabliert haben, das eh viel praktischer ist.
Ich beschließe, keine Lust auf Diskussionen zu haben und auch nicht zu hinterfragen, wie das auf Dauer weiter funktionieren soll, weil es ja gerade noch genau das tut.

Vorschuss

Der Körper macht Sport. Ich habe ihm bloß die Geräte und die Hanteln hergerichtet, den Rest kann er selber. Automatisch. Ich schaue ihm von innen dabei zu und beschäftige mich hauptsächlich mit denken.
Zwischendurch frage ich mich, ob ich gerade wirklich Sport mache, weil ich kaum weiter entfernt von einem Gefühl für den Körper sein könnte, der pflichtbewusst seiner übertragenen Aufgabe nachkommt. Alles geht erstaunlich leicht, ich hatte mit mehr Widerstand gerechnet. Weil er seit vorgestern nicht mehr richtig Luft bekommt – was vorher nur phasenweise auftrat, ist seither Dauerzustand, als würde ein Betonklotz auf meinem Brustkorb liegen.

Langsam – ganz langsam – dämmert mir nicht nur rational, sondern auch auf tieferliegenden, gefühlsdominierten Ebenen, dass wir vielleicht doch wieder mal mit- statt gegeneinander arbeiten sollten, Körper und ich. Weil, es rettet mich keiner. Und das Ende auf Raten fängt an, unlustig zu werden. Nicht so, dass es Angst macht, aber irgendwo ganz tief innen wird scheinbar doch so etwas wie ein Überlebenswille aktiviert.
Ich gebe mir Mühe, darauf zu vertrauen, dass es schnell genug dämmert, ohne es erzwingen (lassen) zu müssen und doch noch so etwas wie ein gesunder Körperinstinkt vorhanden und kein hinterlistiger Schachzug von Rosa ist.

Körperlos

Weil ich nicht möchte, dass sich meine in letzter Zeit nur noch selten getragene Jeans wegen mir schlecht und ungeliebt fühlt, entscheide ich mich für eine der Beiden, die mir noch passen. Wir wollen ins Gartencenter und den Wochenendeinkauf erledigen – nach wie vor mein Highlight der Woche, da ich wegen Homeoffice und festbetonierten Tagesroutinen ansonsten ausschließlich Zuhause bin und je nach Kontext nur die eine Jogging-, Sport- oder Cargohose trage.
Oh. Ich stocke gedanklich, als ich feststelle, dass eben jene Skinnyjeans nicht mehr so skinny ist, wie sie noch vor einigen Wochen war, als ich sie das letzte Mal anhatte. Unschlüssig stehe ich vorm Spiegel, aber schöner wirds nicht. Auch wenn ich die Gefühle meiner Jeans wirklich nicht verletzen möchte, das geht so nicht. Also doch die Cargohose mit Gummizug und Bändchen zum Zuknoten. Die ist zwar noch weiter, aber wenigstens sieht es ein bisschen nach Absicht aus.

Auf dem Weg zum Einkaufen machen wir einen Zwischenstopp am See. Schatz macht ein Bild von mir und ich denke, dass mein Kopf viel zu groß auf meinem Körper sitzt, der mir so furchtbar fremd geworden ist. Den ich beim Sport in der Garage in der spiegelnden Autoscheibe beobachte, wie er Übung um Übung ausführt und es seltsam finde, wenn ich doch mal meine Muskeln dabei spüre, während die Frau im Spiegel trainiert. Und wenn ich das spüre, konzentriere ich mich schnell wieder auf das Bild vor mir, weil dort noch einiges mehr in dem Körper zu spüren wäre, was mir nicht gefällt. Extrasystolen, Schwindel, Erschöpfung – solche Sachen halt.

Während sich extern einfach alles um den Körper zu drehen scheint, habe ich intern einfach mal so garnichts (mehr) damit zu tun. Ich müsste nicht einmal mehr – weder optisch, noch gefühlt – abnehmen, eher ganz vielleicht sogar ein miniwinzigkleinesbisschen im Gegenteil – wenn nur diese abstrakte und genauso wenig zu mir gehörende Zahl auf der Waage weiter sänke und die Kontrolle fortbestünde.

Der Versuch, all jenes zu verstehen, scheitert wie jedes Mal. Doch manchmal wird ein Drängen spürbar, etwas zu unternehmen, bevor mir die Kontrolle entzogen wird. Selbst anzuerkennen, dass es genau jetzt genug ist, und es besser anders werden darf, ohne externen Druck oder gar Zwang Bestätigung.

Konglomerat

Latentes Kopfweh, Schmerzen in diversen Gelenken und anderer, vermutlich weitgehend selbst verschuldeter wie provozierter Körperkram machen diesen Tag anstrengender, als er sein sollte.
In einer Woche soll ich mich bei Frau Ernährungsberaterin melden, ohne dass ich auch nur die Spur einer Idee weiter bin, was ich machen will.
Aber auch viel Schreiben gehört gerade nicht dazu.

Drachentöter

Mehr durch Zufall als aus Absicht bin ich über sie gestolpert. Meine Träume, die schon lange tot und inzwischen nurnoch wenig erkennbar in einer Ecke vor sich hin verwesen. Es ist nicht mehr als eine Feststellung, dass sie dort liegen. Kein Bedauern, jedenfalls kaum. Ein dumpfes Erinnern vielleicht, an das, was sie mal waren, bevor sie zu einem Haufen Leichen wurden.

Siebenundreißig als neuer Negativrekord meines Pulses. Aber das nur am Rande, auch wenn ein kleiner Teil von mir sich fragt, ob ich es nicht vielleicht doch ein klitzeminikleines bisschen zu weit treibe. Der Sterben als reale Gefahr erkennt und es nicht als rein hypothetisches, niemals in den Bereich des überhaupt Möglichen kommendes Konstrukt abtut.

Beim Anblick der vor sich hin rottenden Traumreste zu meinen Füßen frage ich mich, was nun überhaupt noch als Motivation dienen könnte, mit Rosa die Bedingungen unserer Co-Existenz neu zu verhandeln. Mir fällt nichts ein.