Leere trifft es ganz gut.

Ich spüre mich nicht. Seit Tagen.

Ich sitze in einer fremden Stadt in einem Hotelzimmer und frage mich, wie ich es eigentlich hierher geschafft habe. Irgendwie muss es jedenfalls funktioniert haben, auch wenn ich mich rückblickend nur wie ein Zuschauer fühle. Der ganze Tag war so … strange. Ja, ich war arbeiten. Ja, ich habe mit meinen Mitarbeitern geredet. Ja, ich habe mich auf Dienstreise begeben. Nein, ich habe keine Ahnung, wie ich das alles geschafft habe. Oder wie ich die nächsten Wochen zwei Tage überstehen soll.

Noch funktioniert der Autopilot, wenn er muss. Aber jetzt gerade muss er nicht, und es ist gut verdammt scheiße, dass ich weder Alk noch Rasierklingen mitgenommen habe.

What the f*cking hell is wrong with me?

Me.

Gegen die Wand

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Auf der Suche nach den Spuren, die mein Ich in der Zeit hinterlässt. Ich trinke koffeinfreien Kaffee, um meinen Plan, mich an meinem sturmfreien Tag nicht mit Medis und Alkohol zumindest zeitweise aus der Zeit herauszulösen, nicht umzusetzen. Musik, in der sich mein Geist verliert, um nicht an den Gedanken zu ertrinken. Laut.

Ich frage mich, welche dieser Gedanken wirklich zu mir gehören, welche ich nur gerne hätte und welche einem EgoState entspringen, auf den ich nicht zugreifen kann. Ich verstehe die Wirren nicht, die sich gerade entwirren und ihren Weg aufs „Papier“ finden. Ungefilterte Worte, die sich erst formen, wenn sie zu geschriebenen Buchstaben werden.

Der letzte sturmfreie Tag ist eine Ewigkeit her. Für heute hatte ich Pläne. Aufräumen, staubsaugen, Bad putzen, Sport machen, duschen, mich betrinken. In der Reihenfolge. Alles erledigt, bis auf den letzten Punkt, gegen den sich nun erstaunlicherweise doch ein Teil von mir sträubt.

Ich frage mich, was ich fühle, und weiß es nicht. Ich frage mich, wo ich stehe, und weiß es nicht. Ich frage mich, wer ich bin, und weiß es nicht. Ich frage mich, und bekomme keine Antwort. Weißes Rauschen.

Die, die nicht tut, was die denkt. Die, die nicht denkt, was sie tut. Die, die nicht fühlt. Die, die nicht lebt. Die, die auf bessere Zeiten hofft. Die, die aufgeben will. Die, die zu viel hier hält. Die, die Hoffnung hat. Die, die die Hoffnung aufgeben will.
Die, die ihre Therapeutin in den letzten, wenigen Sitzungen, die ihr noch bleiben, nichts darüber erzählt, dass sie sich weigert, die Kontrolle über ihr Essen aufzugeben, und sich gerne jeden Abend betrinken möchte. Die, die wieder aufhört, mit Schatz zu reden. Die, die den Weg mit Hurra und in vollem Bewußtsein zurück sprintet. Gegen die Wand.

Verschwindend gering

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Ein Apfel, 130g Joghurt, 7g Leinsamen … ich rechne aus, wieviel Kalorien ich an einem gewöhnlichen Wochentag so esse. Ich erschrecke, weil es nur 3-stellig ist, und als mir einfällt, dass ich die Milch im Kaffee vergessen habe, erschrecke ich nochmal, weil ich spontan befürchte, doch die 1.000 Kalorien zu knacken und gleichzeitig weiß, dass selbst das zu wenig wäre. Ich knacke sie aber – bei weitem – nicht. Und auch am Wochenende, wenn ich abends etwas Warmes esse, komme ich wahrscheinlich nicht an eine 4-stellige Kalorienaufnahme heran.

Mein Stoffwechsel war schon immer ziemlich gut – nicht im landläufigen Sinne, dass ich besonders viel essen könnte und nicht zunehme, sondern gut im verwertenden Sinne. Mein Körper holt schon immer alles aus den Lebensmitteln raus, was geht. Wahrscheinlich nehme ich deshalb trotz der täglichen negativen Kalorienbilanz nur langsam ab und finde es gleichzeitig gut und schlecht. Mein Essverhalten zerreißt mich innerlich in zwei Lager – doch dazu habe ich ja mehrfach schon etwas geschrieben.

Ursachenforschung

Worüber ich in den letzten Tagen nachdenke, ich der Grund für mein Hungern. Denn eigentlich hasse ich Hunger. Ich werde unausstehlich, wenn ich Hunger habe, und finde es selbst absolut ätzend. Aber irgendeinen Zweck muss es erfüllen, sonst würde nicht in der Küche das letzte Stück Nusskuchen meiner Schwiegerma, dass so verdammt gut riecht, immernoch unangetastet rumstehen, weil ich nicht mal in Erwägung ziehe, es zu essen.

Es ist nicht mein Gewicht. Es ist nicht meine Figur. Mein BMI war nie so niedrig wie jetzt, und meine Figur ist eigentlich ziemlich gut, auch wenn ich meine wabbeligen Oberschenkel (da habe ich die Bindegewebsschwäche meiner Ma geerbt, die werden einfach nicht straff, egal was ich tue) nach wie vor nur in einer gut sitzenden Jeans (wenn ich noch eine hätte, weil alles zu groß wird) angucken und anfassen mag.
Es ist das Gefühl der Kontrolle. Darüber, was ich esse und wann ich esse, und die Faszination, wie eine Tasse Kaffee mit Milch einige Stunden überbrücken kann, ohne dass ich unausstehlich werde.
Es ist das Gefühl der Sichtbarkeit. Alle sehen, dass ich abgenommen habe und niemand traut sich, mich darauf anzusprechen. Ich fühle es, wenn ich auf einem Stuhl mit harter Sitzfläche oder Lehne sitze und meine Knochen spüre.
Aber es ist auch Ablenkung. In der Zeit, in der ich meinen Körper kritisch im Spiegel ansehe und in der ich darüber nachdenke, was ich wann esse, kann ich nicht an die Katastrophe, die Depression und die Fragen, die ich mir stellen sollte, denken.

Ungestellte Fragen

Also hungere ich, und versuche gleichzeitig, so wenig Hunger wie möglich zu haben. Fasziniert von meinem Körper, der, selbst wenn mein Magen meldet, dass kein Platz mehr ist, noch Hunger signalisiert, weil er nach Nährstoffen giert, und meiner Willensstärke, dem nicht nachzugeben.

Ich weiß nicht, wo es hinführt. Aber auch das ist nichts, worüber ich nachdenke.

50 – Isolation

Immer, wenn sie aufwachte, befand sie sich in dem gleichen Schwebezustand. In einer kleinen Blase, mit leerem Kopf und umgeben von ihren diffusen Gedanken. Die Welt, das Leben, lief um diese Blase herum, umgab sie, aber ließ sie nicht teilhaben. Ihr war es nur recht. Es interessierte sie nicht, was dort vorging, es war ihr egal. Egal, dass die Sonne schien, egal, dass es dort einfach weiterging.

Eine Explosion hatte ihr zuerst den Boden unter den Füßen weg gerissen, und sie dann in Brand gesetzt. Sie war verglüht, in einer Blase gefangen und dazu verdammt, mit leerem Kopf ihren Gedanken zuzusehen, die ihr beinahe jeden Blick nach draussen versperrten.

Sie verstand nicht, wie das hatte passieren können. Dass Menschen, oder diejenigen, die sich als solche ausgaben, zu so etwas fähig waren. Eine Existenz, und damit mehr als nur ein Leben, einfach zu nehmen und in die Luft zu jagen, ohne Rücksicht und mit einer Erklärung, die aus nichts anderem als Lügen bestand. Und sie wussten es, da war sie sich sicher. Sie wussten, dass sie aufgrund einer Lüge das Streichholz angezündet und den vorbereiteten Sprengstoff damit entzündet hatten.

Und dabei war sie eigentlich nur der Kolateralschaden. Nur ein, vielleicht sogar erhoffter, Nebeneffekt. Ein verglühtes, leeres Etwas, das in einer schwebenden Blase allein mit seinen Gedanken zurückblieb. Handlungsunfähig, unter Schock, leer und verbrannt.

26

Sie war gefangen in einem schmalen Spalt zwischen den Welten. Unsichtbar für die Anderen, die sie als Teil ihrer eigenen Welt sahen, blind für die feinen Unterschiede, die ihr wie eine massive, gläserne Wand erschien.

Schon ewig wanderte sie hier umher, auf grauen Pfaden unter einem grauen Himmel. Auf der einen Seite bunter Trubel, den die Anderen wohl „das Leben“ nannten, auf der anderen die immer dunkler werdende Schwärze, die sie als vertraute, dunkel Höhle kannte. Beides zog sie immer wieder in ihren Bann, aber nirgends fand sie einen Durchschlupf, um das Grau zu verlassen. Immer wieder stand sie fasziniert an einem der Ränder und starrte in diese fremden Welten, diese fremden Leben. Weiterlesen „26“