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Sie war gefangen in einem schmalen Spalt zwischen den Welten. Unsichtbar für die Anderen, die sie als Teil ihrer eigenen Welt sahen, blind für die feinen Unterschiede, die ihr wie eine massive, gläserne Wand erschien.

Schon ewig wanderte sie hier umher, auf grauen Pfaden unter einem grauen Himmel. Auf der einen Seite bunter Trubel, den die Anderen wohl „das Leben“ nannten, auf der anderen die immer dunkler werdende Schwärze, die sie als vertraute, dunkel Höhle kannte. Beides zog sie immer wieder in ihren Bann, aber nirgends fand sie einen Durchschlupf, um das Grau zu verlassen. Immer wieder stand sie fasziniert an einem der Ränder und starrte in diese fremden Welten, diese fremden Leben.

Bunt oder Schwarz, es war ihr egal, nur raus aus dem Grau. Die Farblosigkeit durchdrang ihren Körper und ihren Geist, ihre Gedanken und drohte, jeden einzelnen Teil von ihr zu verschlingen.

Grün und Gelb wehrten sich, indem sie (wieder mal) seit einiger Zeit versuchten, ein Loch in die Wand zur bunten Welt zu meißeln, durch das sie alle hinüber konnten. Wieder eins sein konnten, so dass sie wieder ein Teil dieses Lebens und bunt sein konnte. Natürlich mussten sie das heimlich tun, wenn niemand der Anderen hinsah. Unbedingt wollten sie verhindern, dass die Anderen ihre Bemühungen bemerkten und plötzlich die bisher unsichtbare Wand offensichtlich wurde.

Schwarz und Rot hatten andere Pläne. Zurück in die Dunkelheit, die vertraute Höhle, die sie schon mehrmals wie eine schützende Blase umfangen hatte. Von dort aus konnte man die bunte Welt nur noch andeutungsweise erkennen oder gleich ganz ausblenden. Hier konnten sie sie selbst sein, ohne von den Anderen gemustert und beobachtet zu werden. Hier war es zwar einsam, aber niemand würde ihnen vorschreiben, wie sie zu sein hatten. Niemand würde sie verscheuchen oder ins Vergessen treiben.

So stand sie, zerrissen und unsicher, auf dem grauen Pfad unter dem grauen Himmel. Hin- und hergerissen zwischen den Möglichkeiten, die Arbeit an der Glaswand zu unterstützen oder dem Wispern der Dunklen nachzugeben, die sie immerzu lockten.

05.11.2017

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